Menschen erinnern sich an Ansturm aus DDR

In Kassel grüßte der Bananenmann: Grenzöffnung vor 25 Jahren

Kassel. Vor 25 Jahren sorgte die Grenzöffnung für einen Ansturm von Besuchern aus der DDR. Wir wollten wissen, wer sich auf den Bildern von damals wiedererkennt. Hier sind die Geschichten zu den Fotos vom ersten Wochenende nach dem Mauerfall in Kassel.

Video: Erinnerungen des Obstverkäufers

Juan Girbal (76) hat das Fruchthaus Valencia an der Wilhelmsstraße betrieben

Schon morgens um drei Uhr war damals der Parkplatz hinter Woolworth an der Neuen Fahrt voll mit Trabbis und Wartburgs. Juan Girbal (76), der damals wie heute gleich nebenan wohnte, hat sie aus dem Wohnzimmerfenster gesehen. Warum er wach wurde, weiß er nicht mehr. Ihm war aber sofort klar, dass er an diesem ersten Wochenende nach dem Mauerfall Verstärkung brauchen würde.

Rappelvoll: Juan Girbal vor 25 Jahren in seinem Laden an der Wilhelmsstraße. Archivfoto:  Herzog

Juan Girbal ist der Mann, der auf unserem Archivfoto von 1989 die Bananen verkauft. Der Spanier, der in Kassel geboren wurde, hat damals das Fruchthaus Valencia betrieben. 36 Jahre lang bis zum Abriss für den Neubau des Capitol-Kinos. Zuvor hat schon sein Vater im Valencia Garten Kassel mit leckeren Südfrüchten versorgt.

Juan Girbal

Als Juan Girbal seinen Laden damals öffnete, war das Geschäft innerhalb weniger Sekunden voller Menschen. „So etwas hatte ich noch nie erlebt“, sagt er. Alle Familienmitglieder und die vier Mitarbeiter hat er alarmiert. Jeder half an diesem besonderen Tag mit. Bananen waren der Renner. „Die Leute wollten aber auch Kaffee, Kiwis und Weintrauben, an die Exoten wie Papayas und Mangos haben sie sich nicht rangetraut“, sagt Juan Girbal. Schnell war klar, dass die Vorräte nicht reichen würden. Doch woher sollte man am Wochenende Nachschub bekommen? Bei der Metro war Juan Girbal zwar kein Kunde, aber dort kannte er jemanden. Mit einem geliehenen Kleinlaster fuhr er in Waldau vor und holte eine große Ladung Bananen. „Viele von unseren Stammkunden haben eine ganze Kiste gekauft und sie dann an die Besucher aus der DDR verschenkt“, erinnert sich der Geschäftsmann. Es sei eine tolle Stimmung gewesen.

Girbal legt großen Wert darauf, dass er damals den ganz normalen Ladenpreis für die Früchte genommen habe. Da gab es auch andere Beispiele.

Bis 1998 hat er das Fruchthaus noch betrieben. Mit den Eigentümern, der Familie Kölsch, habe er immer ein gutes Verhältnis gehabt. Heute könne man einen Laden wie das Fruchthaus Valencia in der Innenstadt nicht mehr betreiben. „Damals gab es außer Lottermoser, Klippert und uns kaum Lebensmittelgeschäfte in der Stadt“, sagt Juan Girbal. Das habe sich mit den großen Märkten in den Einkaufsgalerien komplett geändert.

Thomas Fingerling (47) trank damals Kaffee mit dem Pfarrer

Thomas Fingerling

An die Ansprache von Hans Eichel, der damals Oberbürgermeister war, kann sich Thomas Fingerling noch erinnern. Der Platz vor dem Rathaus sei brechend voll mit Menschen gewesen. Das Foto, auf dem er zu sehen ist, sei neben dem Kiosk aufgenommen worden. Er ist der junge Mann mit den Händen in den Hosentaschen.

Thomas Fingerling

22 Jahre alt war Thomas Fingerling damals. Mit seiner damaligen Freundin hatte er sich von Schauenburg-Elgershausen auf den Weg gemacht, um bei dem Ansturm nach dem Mauerfall dabei zu sein. „Ich weiß noch, dass wir am nächsten Tag bei Eichenberg über die Grenze nach Hohengandern gelaufen sind“, sagt er. Dort wurden sie von einem Mann zum Kaffee eingeladen, der heute katholischer Pfarrer ist. Der Kontakt sei nie abgerissen.

Thomas Fingerling hat damals beim Kasseler Regierungspräsidium gearbeitet und ist heute Hauptamtsleiter der Stadt Naumburg.

Seine Jacke, die er auf dem Foto trug, ist ihm vor gar nicht so langer Zeit beim Aufräumen wieder in die Hände gefallen. „Die war ganz bunt, aus heutiger Sicht ziemlich furchtbar“, sagt er. Sie ist im Altkleidersack gelandet.

Thomas Brell (51) war Verkäufer im Kaufhof

Thomas Brell (rechts)

Die großen Filialen aus dem Ruhrgebiet schickten ununterbrochen Nachschub nach Kassel. „Wir wurden förmlich von den Menschen überrannt“, sagt Thomas Brell (51), der damals in der Technik-Abteilung des Kaufhofs arbeitete. Bis unter die Decke wurden die Kartons gestapelt. Ungeprüft hat keiner der Kunden aus der DDR ein Radio oder ein anderes Gerät gekauft. Dass die wirklich funktionieren und man sie bei Bedarf umtauschen kann, glaubten sie erst mal nicht. Ausgesprochen geduldig und freundlich seien die Kunden gewesen, erinnert sich Thomas Brell. Er arbeitet immer noch im Kaufhof.

Von Thomas Siemon

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.