Ausnahmezustand in Kassel

Wahnsinn nach dem Mauerfall 1989: Wer war damals dabei?

Grenzenloser Andrang auf der Königsstraße: So sah die Kasseler Innenstadt am 12. November 1989 aus. Zehntausende von Menschen waren damals aus der DDR gekommen. Archivfotos:  Herzog

Kassel. Im November 1989 sorgte die Grenzöffnung für einen Ansturm von DDR-Bürgern. Wer erkennt sich 25 Jahre später auf den Fotos, wer hat selbst noch Bilder?

Wer damals dabei war, wird die Tage nach der Grenzöffnung nie vergessen. Am Freitag, 10. November, wurden die ersten Trabis in aller Herrgottsfrühe in Kassel gesichtet. Ausgerechnet am Platz der Deutschen Einheit (Großer Kreisel) kamen sie um 3.20 Uhr vorbei.

So richtig rund ging es aber erst am Samstag und Sonntag. Die Innenstadt war brechend voll, die Königsstraße schwarz vor Menschen. Sie kamen aus Eisenach, Gotha, Mühlhausen, Erfurt, aus fast allen grenznahen Orten. Auf den Parkplätzen und schon am Kasseler Stadtrand standen Wartburgs und Trabis, die Luft roch nach Zweitaktgemisch und das am häufigsten gebrauchte Wort war Wahnsinn. Von einem chaotisch-euphorischen Ausnahmezustand sprach der damalige Kasseler Oberbürgermeister Hans Eichel viele Jahre später. Am Samstag, 11. November 1989, stand er mit einem Megafon um 11 Uhr auf der Rathaustreppe und begrüßte die Menschen, die zum größten Teil aus Thüringen gekommen waren. Schon um 8.30 Uhr hatten die eine nicht enden wollende Warteschlange um das Verwaltungsgebäude gebildet. Hier wurde das Begrüßungsgeld in Höhe von 100 D-Mark ausgezahlt. Säckeweise schleppten Mitarbeiter der Kasseler Sparkasse das Geld herbei. Viele gingen damit gleich rüber zum Kaufhof und kamen später völlig erschlagen vom unbekannt riesigen Angebot wieder auf die Königsstraße.

25 Jahre ist das jetzt her. Damals gab es jede Menge persönliche Begegnungen sowie spontane Gesten der Freude und Hilfsbereitschaft. Da steckte jemand selbst getippte Zettel hinter die Scheibenwischer der DDR-Autos. „Herzlich willkommen, wir freuen uns, dass ihr da seid“, war darauf zu lesen.

Manche verteilten Tee, eine Firma spendierte vor dem Rathaus warme Mahlzeiten, die Feuerwehr vermittelte Betten zum Übernachten. Im Rathaus meldeten sich freiwillige Helfer, alle Besucher durften kostenlos mit der KVG fahren.

Wer ist auf diesen Bildern zu sehen?

November 1989 in Kassel - Wer erkennt sich wieder?

Wir wollen an diesen Ausnahmezustand erinnern und suchen Berichte von Menschen, die das 1989 in Kassel erlebt haben. Wer hat noch Fotos von damals, kann eine besondere Geschichte erzählen oder erkennt sich sogar auf einem der Bilder aus unserem Archiv wieder? Vielleicht gibt es ja auch Menschen, die damals zum ersten Mal nach Kassel kamen und heute hier leben. Zum Jahrestag des Mauerfalls vor 25 Jahren wollen wir diese Geschichten veröffentlichen.

 

Kontakt: HNA-Lokalredaktion, Frankfurter Straße 168, 34121 Kassel, Stichwort Grenzöffnung.

E-Mail: kassel@hna.de

Von Thomas Siemon

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