Im Wortlaut: Die Rede von Bertram Hilgen

Kassel. Oberbürgermeister Bertram Hilgen erinnerte in seiner Rede an die Gäste des Neujahrsempfangs an die vielen positiven Nachrichten des vergangenen Jahres. Wir dokumentieren seine Rede im Wortlaut:

Bilder des Empfangs

Neujahrsempfang der Stadt Kassel

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie sehr herzlich zum Jahresempfang der Stadt Kassel - auch im Namen von Frau Stadtverordnetenvorsteherin Petra Friedrich, der Kolleginnen und Kollegen des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung sowie der Stadtverwaltung. Ich freue mich, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind.

Mein Dank gilt den Musikerinnen und Musikern, die uns heute unterhalten: dem Orchester des TSV Oberzwehren auf der Rathaustreppe, dem Trio Melange hier im Sitzungssaal, den Urban Swing Workern im Bürgersaal und dem Duo Season in der Karl-Branner-Halle.

Lesen Sie auch

Vorfreude auf die documenta beim Neujahrsempfang der Stadt

Vielen Dank allen fleißigen Helferinnen und Helfern, den jungen Servicekräften der Elisabeth-Knipping-Schule, die sich um unser Wohl sorgen, sowie dem bewährten Team unseres Gartenamts für die wunderbare Gestaltung dieser Räume. Die Vorbereitungen der 1100-Jahr-Feier Kassels im kommenden Jahr sind bereits in vollem Gange; bei den engagierten Mitarbeiterinnen unseres Projektbüros am Infostand im Foyer erfahren Sie, was wir im Jubiläumsjahr vorhaben, dort erhalten Sie auch Informationsmaterial.

Meine Damen und Herren,

ein Jahr liegt hinter uns, dass es so noch nie gegeben hat in den vergangenen Jahrzehnten. Kassel hat sich selbst und alle anderen mit positiven Zahlen und guten Nachrichten überrascht: sie ist die dynamischste Großstadt Deutschlands, und in punkto Lebensqualität werden wir nur noch von Freiburg und Münster übertroffen. Darüber wird heute noch zu sprechen sein.

Was es jetzt immer noch an Klischees und Vorurteilen über Kassel geben mag – sie haben ausgedient, was nicht ausschließt, dass manche sie aus Unkenntnis nach wie vor pflegen. Ein Beispiel habe ich im Internet entdeckt, mitunter auch eine Fundgrube für manch Skurriles. Dort stieß ich auf ein Ranking der angeblich besten Autobahnen Deutschlands – von Autofahrern für Autofahrer, die gerne flott unterwegs sind. Auch bei diesem Ranking ist Kassel Spitze, ich zitiere:

„Sie wollen mal wieder richtig Gas geben? Ihren Wagen gepflegt ausfahren bei schöner Aussicht und spektakulären Kurven? In der Mitte der Republik liegt die aufregendste Adrenalin-Strecke. Spektakulär sind die Kurven und Höhenunterschiede der Kasseler Berge. Das bisschen Tempolimit wird da zur Nebensache. Aber Vorsicht: Zwischen Kassel und Göttingen lauern fiese Blitzer.“

Wer dieser Empfehlung folgt, verpasst etwas. Deshalb mein Rat an die Wenigen, die unsere Stadt nur vom Vorbeirasen auf der A7 kennen: einfach einen Gang runter schalten, Blinker raus, ab nach Kassel. Da werden zwar weniger Adrenalinstöße freigesetzt, dafür aber wegen des neuen Kassel-Gefühls garantiert ganz viele Glückshormone ausgeschüttet.

Denn es gibt zahlreiche Gründe, sich hier wohl zu fühlen, und immer mehr Menschen wissen das Leben in Kassel zu schätzen; allein im vergangenen Jahr ist die Bevölkerungszahl dem demografischen Wandel zum Trotz um ca. 1.000 gestiegen. Es ist nicht das erste Jahr dieser positiven Entwicklung.

In den Reigen guter Nachrichten passt eine Liebeserklärung der ganz anderen Art an „die schönste Stadt“, die Sie jetzt zu hören und zu sehen bekommen - von jungen Menschen, die ihrer Heimatstadt mit ihren schönen Seiten, aber auch ihren Ecken und Kanten die Referenz erweisen. Freuen Sie sich auf die jungen Rapper der Gruppe "Rapit Records".

(Auftritt der Rap-Formation)

Meine Damen und Herren, seien Sie nochmals herzlich willkommen. Einige von Ihnen möchte ich besonders begrüßen. Die Landesregierung vertritt Frau Staatsministerin Eva Kühne-Hörmann, seinen Sie herzlich begrüßt. Ich möchte Sie zunächst beglückwünschen und für Ihre neue Aufgabe als Präsidentin des Nationalkomitees Denkmalschutz, eine wichtige Funktion, alles Gute wünschen.

Stadt und Land pflegen eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit, und beide Seiten arbeiten für das gemeinsame Ziel, Stadt und Region weiter voranzubringen. Die Entscheidung für den Hessentag 2013 in Kassel ist Ausdruck dieses guten Miteinanders. Stadtjubiläum und Hessentag werden sich, davon bin ich überzeugt, hervorragend ergänzen.

Ich freue mich über die Anwesenheit meiner Amtsvorgänger Hans Eichel und Georg Lewandowski. Ich begrüße unsere Ehrenbürger Jochen Lengemann und Hans Krollmann sowie Frau Branner und Frau Börner. Ein besonderer Gruß gilt unseren Ehrenkasselänern Frau Knüppel, Herrn Prof. Postlep, Herrn Hocke und Herrn Cramer. Heerzlich Willkommen, dies ist eine Pflichtveranstaltung für jeden Ehrenkasseläner, es sei denn, er hat einen außerordentlich wichtigen Termin.

Ich begrüße die Abgeordneten des Bundestages und des Hessischen Landtags, die die Interessen der dynamischsten Stadt Deutschlands in Wiesbaden und Berlin kraftvoll vertreten. Ein herzliches Willkommen gilt unserem Regierungspräsidenten Herrn Dr. Walter Lübcke, Polizeipräsident Eckhardt Sauer, dem Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, Dr. Walter Lohmeier, sowie dem Präsidenten der Handwerkskammer, Heinrich Gringel.

Ich begrüße meinen Freund, Herrn Landrat Uwe Schmidt, mit dem wir ausgezeichnet zusammenarbeiten, die Amtskolleginnen und –kollegen, Stadtverordneten und Gemeindevertreter aus unseren Nachbarstädten und –gemeinden, mit denen wir freundschaftlich verbunden, sowie den Vorsitzenden des Ausländerbeirats Kamil Saygin, der eine wichtige Funktion in unserer Stadt innehat.

Wir freuen uns auf die documenta 13 und begrüßen sehr herzlich die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev und den documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld. Ich bin gespannt , was uns im Sommer erwartet.

Ich freue mich über die Anwesenheit der Präsidenten unserer Gerichte, der Vertreter der Kirchen, der Gewerkschaften, der Wirtschaft, des gesamten öffentlichen Lebens und in besonderer Weise der Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt – mit und ohne deutschem Pass. Seien Sie alle herzlich willkommen!

Ich begrüße die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Rathauses und der städtischen Unternehmen, bei denen ich mich für die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit im vergangenen Jahr sehr herzlich bedanke.

Meine Damen und Herren,

vor wenigen Wochen hat Kassel, die Heimatstadt des ermordeten Halit Yozgat, mit einer Menschenkette Gesicht gegen Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit gezeigt. Die Mörder haben mit ihrer feigen Tat mitten ins Herz der Stadt getroffen, sie haben uns alle angegriffen, weil Halit einer unserer Mitbürger war. Die große Resonanz auf den Aufruf war ermutigend und hat gezeigt: Kassel ist eine weltoffene und tolerante Stadt, die in ihrer langen Geschichte große Integrationsleistungen vollbracht hat. Ich möchte mich bei dieser Gelegenheit noch einmal sehr herzlich bei allen Organisationen bedanken, die zur Kundgebung vor dem Rathaus aufgerufen haben, und natürlich bei den vielen Menschen, die durch ihre Teilnahme ihr Mitgefühl, ihre Solidarität und die Scham, dass die Aufklärung des Verbrechens viel zu lange gedauert hat, mit den Angehörigen zum Ausdruck gebracht haben. Und ich freue mich, dass die Eltern von Halit Yozgat heute bei uns sind. Herr und Frau Yozgat, seinen Sie uns herzlich willkommen. Meine Damen und Herren, der diesjährige Jahresempfang bringt die Vorfreude auf die documenta 13 und die Wertschätzung für den Beitrag unserer kulturellen Akteure für die gute Entwicklung Kassels unter dem Motto „Stadt der Kunst“ zum Ausdruck. Sicher wird sich mancher von Ihnen gefragt haben, was die Grafik auf der Einladungskarte darstellt. Der folgende kurze Ausschnitt des Trickfilms mit dem Titel „Virtuos Virtuell“ wird das Geheimnis lüften und Ihnen gleichzeitig ein phantastisches Kunstwerk offenbaren. Zu verdanken haben wir es dem Oscar-Preisträger Thomas Stellmach und der Malerin Maja Oschmann. Viel Vergnügen bei den folgenden drei Minuten. (An dieser Stelle wurde der Film gezeigt)

Wie die Musik Louis Spohrs, des bedeutenden Komponisten und größten Violinvirtuosen seiner Zeit, in bewegte Bilder umgesetzt wurde, ist große Kunst. Ich bin dankbar, dass wir uns heute einen ersten Eindruck verschaffen konnten und bin gespannt auf das fertige Werk, das im Sommer im Spohr-Museum uraufgeführt wird. Dieser Film wird nicht nur in Kassel sehr viel Aufmerksamkeit erfahren - davon bin ich überzeugt und ich danke Frau Oschmann und Herrn Stellmach. Ich bin mir sicher, das wir das Projekt hinbekommen werden. Wenn Sie dieses Projekt unterstützen und mehr darüber erfahren möchten, dann wenden Sie einfach an die Künstler, die nachher im Lesezimmer gerne Ihre Fragen beantworten.

Die eben gezeigten Filmsequenzen stehen sinnbildlich für die Kreativität, die in Kassel in einer unglaublichen Vielfalt zuhause ist. Dieses Potenzial ist eines der Erfolgsgeheimnisse unserer Stadt, in der die Vorfreude auf die documenta 13 bereits zu spüren ist. Ab dem 9. Juni wird Kassel wieder zum weltweiten Zentrum zeitgenössischer Kunst, auch wenn im Kielwasser dieses Ereignisses andere Städte mit der einen oder anderen Kunstschau segeln und dadurch hoffen, vom Glanz der documenta zu profitieren.

Auf Ambitionen, Kassel den Rang streitig machen zu wollen, fällt mir ein Aphorismus des österreichischen Publizisten Karl Kraus ein, der einmal schrieb: „In der Kunst kommt es nicht darauf an, ob man Eier und Fett nimmt, sondern dass man Feuer und Pfanne hat.“ Und ich ergänze: Der Herd steht in Kassel, und hier brennt das Feuer - nicht nur alle fünf Jahre, sondern auch dazwischen, dank der vielen Menschen, die hier künstlerisch tätig sind.

Da ist zum Beispiel die Kunsthalle Fridericianum, die zum Jahreswechsel traditionell der documenta Platz gemacht hat. Die Kunsthalle war in den vergangenen Jahren ein Ort der Inspiration und Vermittlung und hat ein neues, vor allem junges Publikum an die Kunst herangeführt. Dem künstlerischen Leiter Rein Wolfs und seinem Team sei an dieser Stelle noch mal herzlich gedankt: für ein spannendes Programm, das mit einem spektakulären Auftakt durch Christoph Büchel begann und mit einer großen Geste, dem Einzug der New Yorker Freiheitsstatue, vorläufig zu Ende ging.

Ich habe mich sehr gefreut, lieber Herr Wolfs, dass Sie in einem bilanzierenden Interview zum Jahreswechsel insbesondere den respektvollen und toleranten Umgang mit Kunst und Künstlern in Kassel gewürdigt haben. „Man lässt uns auf eine schöne, freie, autonome Art arbeiten“, haben Sie formuliert.

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, denn die Kunst benötigt diesen Freiraum, um sich entfalten zu können. Kreativität kann nur gedeihen, wenn Vertrauen, Gelassenheit und Toleranz vorhanden sind. Wenn man die Kreativität der vielfältigen Milieus und Lebensweisen einer so bunten Stadtgesellschaft zulässt und ermöglicht, dann trägt sie gleichzeitig zur Lebensqualität und Innovationsfähigkeit der Stadt bei – was unsere vielfältigen Bemühungen um gelungene Integration vortrefflich unterstützt.

Kassel stünde nicht da, wo es heute steht, und wäre nicht so aufgeblüht, hätte es parallel zum wirtschaftlichen Aufschwung nicht diesen unglaublichen Schub an Kreativität gegeben, und hätten wir uns als Kunst- und Kulturstadt – in vielen Bereichen mit der großzügigen Unterstützung des Landes - nicht in einer so beispielhaften Weise profiliert. Wie man rund um den Kulturbahnhof, das Schillerviertel oder jüngst in der Südstadt in der Frankfurter Straße sehen kann, vermögen es die Kreativen sogar, die Stadtentwicklung positiv zu beeinflussen.

Zur neuen Leichtigkeit und zur Weltoffenheit unserer Stadt hat die documenta maßgeblich beigetragen. In diesem Sommer werden wir wieder gute Gastgeber sein. Hunderttausende kunstbegeisterte Menschen aus der ganzen Welt begegnen sich in Kassel; sie machen die ganze Stadt zur Bühne und ihre Anwesenheit ist Teil eines zauberhaften Gesamtkunstwerks. Wir können endlich wieder dieses ganz spezielle Flair und die heitere Stimmung genießen, der man sich nicht entziehen kann und die man nicht missen möchte.

Wenn die 13. documenta in wenigen Monaten beginnt, werden neben den traditionellen Orten Fridericianum, documenta-Halle und der wiedereröffneten Neuen Galerie so viele Schauplätze wie noch nie in das Ausstellungskonzept eingebunden – einschließlich der Karlsaue. Auch diese documenta verspricht wieder sehr spannend zu werden, und mit Sympathie und Wertschätzung wurde registriert, dass sich die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev sehr stark auf Kassel eingelassen hat und tief in die Stadtgeschichte und die Architektur der 50-er Jahre eingetaucht ist.

Diese intensive Beschäftigung mit der wechselvollen Historie und den Identitätsbrüchen Kassels wird auch in den Begriffspaaren Zusammenbruch und Neubeginn, Konflikt und Träume sowie Zerstörung und Verlust deutlich, die in ihren Vorträgen in aller Welt eine zentrale Rolle spielen und in vielen Kunstwerken zum Ausdruck kommen werden.

Carolyn Christov-Bakargiev hat eine sehr lebendige documenta angekündigt, in der alle Formen der Kunst präsentiert werden, und auf der man jeden Tag etwas Neues erleben wird – also Dauerkarten kaufen! Neben der Sichtbarmachung der Beziehungen zwischen der historischen Avantgarde und zeitgenössischer Kunst entstehen viele Kunstwerke erst vor Ort in der Auseinandersetzung mit ihren Schauplätzen.

„Ich möchte eine documenta, die vor allem gastfreundlich ist, für die Künstler und die Besucher. Und ich wünsche mir, dass die Menschen die Ausstellung verändert verlassen werden.“ Diesen Wünschen der künstlerischen Leiterin schließe ich mich gerne an und wir freuen uns auf den Tag, an dem es endlich losgeht.

Dass die Besucher der documenta vielleicht 100 Mio. Euro ausgeben werden, sei nur am Rande erwähnt, denn ihre eigentliche Bedeutung drückt sich nicht in Geld aus, sondern in ihrem Stellenwert in der Welt der Kunst.

Die documenta hat Kassel mehr als alles andere in der Welt bekannt gemacht. Sie ist das moderne Symbol unserer Stadt, einer Stadt der Kunst und Kultur. Zahlreiche Kunstwerke prägen mittlerweile das Stadtbild – wie das vor 30 Jahren zur documenta 7 begonnene Kunstprojekt „7000 Eichen“ von Joseph Beuys. Den ersten Baum hatte Beuys am 16. März 1982 vor dem Fridericianum gepflanzt; er selbst erlebte das Ende seiner Pflanzaktion nicht mehr; er starb am 23. Januar 1986. 1987, während der documenta 8, pflanzte sein Sohn den letzten Baum neben die erste Eiche. Nach Joseph Beuys soll noch in diesem Jahr, wenn wir die Zustimmung bekommen, eine Straße am Kulturbahnhof benannt werden.

Kassel hat aber noch viel mehr als die documenta zu bieten. 100.000 Menschen genossen die letzte Museumsnacht; seit 30 Jahren besteht der Filmladen, seit 25 Jahren gibt es die Bergparkkonzerte; die Neue Galerie an der Schönen Aussicht präsentiert sich nach ihrer Wiedereröffnung grandioser denn je; die Menschen strömen zum neuen Besucherzentrum am Herkules und bewundern die sanierte Pyramide, auf der das frisch renovierte Wahrzeichen Kassels thront; im Naturkundemuseum gelingt jedes Ausstellungsprojekt und nebenan begeistert das Repertoire unseres Staatstheaters: das sind im Rückblick auf 2011 nur wenige Beispiele kultureller Höhepunkte. Alle aufzuzählen würde den Rahmen dieses Jahresempfangs sprengen.

Leider sind die Bemühungen von Stadt und Land gescheitert, das Harry Szeemann-Archiv nach Kassel zu holen. Mit dem Angebot der Ghetty-Stiftung in Los Angeles konnten wir nicht mithalten; wir werden jedoch weiterhin unser Ziel verfolgen, ein Haus der documenta in Kassel zu errichten. Erste Kontakte mit der Ghetty-Stiftung stimmen mich zudem optimistisch, dass man in Zukunft produktiv bei der Aufarbeitung des Szeemann-Nachlasses zusammenarbeitet.

In dieser Woche haben wir die Entwürfe des Architekturwettbewerbs für die Grimm-Welt auf dem Weinberg bewertet und die Preisträger ermittelt. Dass der erste Preis bei diesem internationalen Feld renommierter Architektur-Büros an einen jungen Kasseler Architekten, Tore Pape, ging, freut mich natürlich besonders. Wenn dieses Projekt verwirklicht ist und das Land das Tapetenmuseum errichtet hat, dann besitzt Kassel eine innerstädtische Museums- und Kulturmeile, die sich vom Friedrichsplatz über die Schöne Aussicht bis hinauf zum Weinberg erstreckt.

Wir haben die Weichen gestellt für die Erweiterung unseres Stadtmuseums, dem Gedächtnis der Stadt. Bald wird mit dem Bauarbeiten begonnen werden. Morgen einer Woche wird das Brüder-Grimm-Museum im stilvoll sanierten Schloss Bellevue wiedereröffnet, es ist ein richtiges Schmuckkästchen geworden. Sie werden Ihre Freude daran haben, da bin ich mir ganz sicher.

Und schließlich wird der 200. Geburtstag des ersten Bandes der Kinder- und Hausmärchen im Dezember mit einem internationalen Kongress unter dem Titel „Märchen, Mythen und Moderne“ eingeläutet – mit einem sich daran anschließenden umfassenden Veranstaltungsprogramm in unserer Region.

Meine Damen und Herren, das leidenschaftliche Eintreten für die kulturellen Schätze unserer Stadt und insbesondere die moderne Kunst kennzeichnet die Persönlichkeit, die ich heute mit dem Ehrentitel „Kasseläner Honoris causa“ auszeichnen werde. Sie wissen ja: Das ist ein Ehrentitel, der nur einmal im Jahr nur im Rahmen des Jahresempfangs und nur an eine Person verliehen wird. Unser neuer Ehrenkasseläner ist Dirk Schwarze.

Dirk Schwarze ist einer der herausragenden Persönlichkeiten der Kasseler Kulturszene. Beeindruckt von der 5. documenta von Harald Szeemann berichtete er von 1982 bis 2007 in der HNA über jede documenta und schrieb zwei Publikationen über die Geschichte und Meilensteine der Ausstellung. Hervorgetan hat er sich zudem mit Kritiken über die Bienale in Venedig, die art cologne, das art Forum in Berlin oder die art in Basel und Karlsruhe. Seine fundierte Kenntnis der Gegenwartskunst hat ihn zu einem anerkannten und gefragten Kunstkritiker der nationalen und internationalen Fachwelt werden lassen.

Ehrenamtlich bringt er sich schon seit Jahrzehnten in die Arbeit des documenta Forums ein, seit 2007 als dessen Vorsitzender. Dank seines Engagements konnten zahlreiche Projekte verwirklicht werden. Das documenta Forum setzt sich dafür ein, dass die Idee der documenta lebendig bleibt und die in Kassel verbliebenen documenta-Kunstwerke erhalten werden, unterstützt die Kunsthalle Fridericianum und verfolgt unter anderem die alte Idee des Oktogonprojekts von Arnold Bode.

Sehr geehrter Herr Schwarze, Sie haben für die Kunst der Moderne in Kassel Außergewöhnliches geleistet und maßgeblich dazu beigetragen, dass die documenta als Ereignis und in ihrer epochalen Wirkung in der Stadt so fest verankert ist. Herzlichen Dank für dieses großartige Engagement. Ab heute dürfen Sie sich als Kasseläner ehrenhalber fühlen. Ich bitte Sie, die Urkunde entgegenzunehmen. Herzlichen Glückwunsch.

Meine Damen und Herren, das vollbesetzte Auestadion bei den Deutschen Leichtathletikmeisterschaften war für mich das Bild des vergangenen Sommers: Mieses Wetter, fiese Temperaturen, und dennoch feierten 30.000 Menschen aus Stadt und Region ein fröhliches Sportfest und die Leistungen der Wettkämpferinnen und Wettkämpfer. „So ein tolles Publikum und so eine tolle Stimmung haben wir bei nationalen Meisterschaften noch nie erlebt“, haben viele Athleten hinterher gesagt. Das ist das neue Kassel, über das ganz Deutschland staunt.

Ich habe an gleicher Stelle in den vergangenen Jahren immer wieder den Blick auf die erfreuliche Entwicklung Kassels gelenkt. Es hatte sich angedeutet, dass wir einen großen Sprung nach vorne gemacht haben. Neues Selbstbewusstsein ist entstanden. Es gab viele Gründe und berechtigten Anlass, stolz auf Kassel zu sein. Aber dass wir ausweislich des jüngsten Rankings der Wirtschaftswoche so gut dastehen, hätten selbst die größten Optimisten nicht für möglich gehalten. Natürlich verfügen Großstädte und Wirtschaftsregionen gerade im Süden der Republik über eine deutlich größere Wirtschaftskraft, aber nirgendwo ist die wirtschaftliche Dynamik in den vergangenen Jahren höher gewesen als in Kassel:

Innerhalb von sechs Jahren hat sich die Arbeitslosigkeit halbiert und ist auf dem niedrigsten Stand seit 30 Jahren; 10.000 neue Arbeitsplätze sind entstanden; wir kommen 2011 fast an den Gewerbesteuerrekord von 2010 heran, als wir 164 Mio. Euro Einnahmen zu verzeichnen hatten – 100 Millionen Euro mehr als vor noch vor 10 Jahren; die ansässigen Unternehmen investieren kräftig, weil sie an den Standort glauben; die Universität entwickelt sich prächtig – nicht nur wegen der über 20.000 Studenten, die unsere Stadt jünger und bunter machen, sondern weil die Uni durch ihren Wissenstransfer einen bedeutenden Anteil am nordhessischen Aufschwung hat ; dass wir auf die erneuerbaren Energien als neues wirtschaftliches Standbein gesetzt haben, zahlt sich jetzt aus, und hier zieht auch das Handwerk hervorragend mit; und schließlich sei erwähnt, dass wir 2011 auch das beste Tourismusjahr außerhalb einer documenta verzeichnen konnten.

Das sind alles Indikatoren, die anzeigen, dass das Tempo und die Richtung stimmen. Deshalb ist es richtig, für die Entwicklungschancen der Zukunft und weitere Arbeitsplätze neue Gewerbegebiete zu erschließen - dazu gehört für mich explizit das Lange Feld.

Dazu gehört, in die Verkehrsinfrastruktur zu investieren, in den Anstrengungen für mehr Bildungschancen nicht nachzulassen, den Wissenstransfer durch unser Engagement für den Science Park an der Uni zu unterstützen oder mit dem Bekenntnis zu Salzmann einen Impuls für Bettenhausen und den Kasseler Osten zu setzen.

Dass wir auf alte Stärken vertraut haben und dabei offen für Neues geblieben sind, war der wesentliche Schlüssel zum Erfolg. Dass zur Identität Kassels auch die Industrie gehört, das haben wir nie vergessen. Wie innovativ und gut aufgestellt diese Traditionsbranchen sind, sehen wir heute.

Bei aller Freude sollten wir aber auf dem Teppich bleiben. Die Konjunktur wird ganz bestimmt wieder Dellen bekommen, die auch wir spüren werden. Auf europäischer Ebene gibt es Unwägbarkeiten, auf die wir selbst keinen Einfluss haben.

Und so gut es uns mittlerweile geht: Keiner soll zurückbleiben! Was wir als Credo unserer Bildungspolitik formuliert haben, gilt auch für das Arbeitsleben und die gesellschaftliche Teilhabe. Noch haben nicht alle und in ausreichendem Maße vom Aufschwung profitieren können. Noch warten auf uns große Aufgaben und Herausforderungen. Denn es ist uns bewusst, dass es schwieriger ist, einen Titel zu verteidigen, als ihn zu erringen.

Dass wir ihn errungen haben, sollten wir aber für einen kleinen Augenblick einfach mal genießen, bevor die Arbeit weitergeht, meine Damen und Herren, und einen kurzen Blick auf die schönsten Schlagzeilen der letzten Wochen werfen:

„Von Kassel siegen lernen“, schrieb zum Beispiel die Wirtschaftswoche, und weiter: „So ist das, wenn die Wirklichkeit die Vorurteile überholt. An Kassel lässt sich ablesen, was Städte erfolgreich macht.“ Und der Tagesspiegel empfahl: „Ab nach Kassel: zum Arbeiten, zum Leben, zum Wohlfühlen.“

Sie haben richtig gehört: Zum Wohlfühlen. Denn nicht nur bei der Wirtschaftsdynamik sind wir Spitze, sondern auch bei der Lebensqualität. Hinter Freiburg und Münster auf Platz 3: Das ist für mich noch bemerkenswerter als der Spitzenplatz bei der Wirtschaft. Das ist der eigentliche Kern der guten Botschaften, den wir jetzt offensiv und selbstbewusst vertreten sollten, nicht nur hier in der Stadt sondern auch nach außen.

Wir stehen im harten Wettbewerb um Fachkräfte und neue Unternehmen. Was wir aber zusätzlich in die Waagschale werfen können, um die Entscheidung für Kassel leichter zu machen, das sind eine vielfältige und qualitätsvolle Bildungslandschaft, der hohe Erholungs- und Freizeitwert, die Fülle kultureller Angebote, die vergleichsweise günstigen Lebenshaltungskosten, das wunderschöne Umland, reizvolle Park- und Grünflächen und nicht zuletzt die Weltoffenheit Kassels und einer Stadtgesellschaft, die zusammensteht, wenn es darauf ankommt, wie man zuletzt bei der Menschenkette gegen Rechts sehen konnte. Alle diese Vorzüge haben großen Einfluss auf die Frage, wo man leben und arbeiten möchte. Deshalb sind die guten Noten gerade hier so sensationell.

Und deshalb, meine Damen und Herren, kommen der Hessentag und das Stadtjubiläum im kommenden Jahr genau richtig. Das sind Ereignisse, die Lust auf Kassel machen und noch viele Menschen veranlassen werden, die A7 nicht zum Vorbeifahren zu nutzen, sondern um anzukommen.

Kommen Sie gut ins neue Jahr und helfen Sie mit, die Erfolgsgeschichte unserer Stadt weiterzuschreiben. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.