32 Mal vorbestraft - Beschaffungskriminalität

Staatenloser begeht Straftaten in Serie: Mann ging in Vellmar zur Schule

Kassel. 32 Mal ist ein 39-jähriger, staatenloser Mann bereits verurteilt worden, doch mit dem Urteil im 33. Verfahren wegen zweifachen Raubes wurde es - noch - nichts.

Die 5. Strafkammer des Landgerichts will auf Antrag der Verteidigung am 29. Mai 2018 noch weitere Zeugen hören.

Der Fall steht exemplarisch für die Probleme von Justiz und Staat mit einem Kriminellen, der einfach in kein Raster passen will: 1979 in Äthiopien geboren kam der Angeklagte 1985 als Sechsjähriger nach Kassel, ging in Vellmar und Ahnatal zur Schule, probierte im Alter von 15 Jahren Haschisch und stieg rasch auf Kokain und Heroin um. Seither wurde der schlanke, mittelgroße Mann 32 Mal vorwiegend wegen Beschaffungskriminalität verurteilt und hat bereits viele Jahre in Haft gesessen. Vor dem Landgericht steht er jetzt wegen zwei Raubzügen am Holländischen Platz. Im September 2016, so gestand er, stahl er einem Betrunkenen die Geldbörse. Als der sich sein Eigentum zurückholte, habe er ihn mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Wachleute der Uni kamen hinzu und hielten den 39-Jährigen bis zum Eintreffen der Polizei fest.

Zwei Wochen später, selbe Stelle, ähnliche Tat: Diesmal war es ein Bekannter aus der Drogenszene, von dem der Angeklagte 10 Euro forderte. Als der nichts hergeben wollte, schlug der Angeklagte ihn mit der Faust mehrmals ins Gesicht und mit dem Kopf an einen Metallpfosten. Eigentlich, so Staatsanwalt Jan Ueckermann am Rande des Prozesses, wäre die Abschiebung eines solchen Serienstraftäters der normale Gang der Dinge. Nur: Der Mann ist staatenlos, hat weder die äthiopische noch die deutsche Staatsbürgerschaft, kennt aber nur Deutschland. Wohin also sollte man ihn abschieben, obwohl er hier nur den Status eines Geduldeten hat?

Therapie ohne Erfolgschance für Straftäter

„Die Einweisung in eine Entziehungsanstalt kann nicht befürwortet werden.“ Sogar Birgitt von Hecker, erfahrene Gutachterin vor Gericht und Leiterin der Klinik für Forensische Psychiatrie in Bad Emstal-Merxhausen, war mit ihrem Latein am Ende, was mit Alexander T. geschehen könnte. Die Mutter sei in Äthiopien aus politischen Gründen in Haft gewesen, der Vater mit dem Sechsjährigen 1985 nach Vellmar gekommen. 

Dann entfaltete der Sozialstaat sein gesamtes Repertoire: Pflegefamilie in Hann. Münden, ein Heim in Witzenhausen, ein anderes in Bayern, in dem sich der Junge als „untragbar“ erwies. Schulbesuche in Vellmar, Ahnatal und Kassel blieben ohne Abschluss. Den schaffte er erst 2012 während einer seiner vielen Gefängnisaufenthalte. 

Mann leidet unter dissozialer Persönlichkeitsstörung

Knast, eigene Wohnung, Leben auf der Straße - der Mann machte alles mit. Die Drogenhilfe Nordhessen verzeichnete ebenso nur sporadische Besuche wie sein Bewährungshelfer. Schon als Jugendlicher, so die Psychiaterin vor dem Landgericht, sei ein gestörtes Sozialverhalten festgestellt worden. Heute sei eine dissoziale Persönlichkeitsstörung wahrscheinlich, eine Bereitschaft, sich aus der Sucht zu lösen, sei nicht erkennbar. Menschen, die an einer dissozialen Persönlichkeitsstörung leiden, sind anfällig dafür, schnell aggressiv und gewalttätig zu werden. Zudem fällt es ihnen schwer sich an Regeln und gesellschaftliche Normen zu halten.

Die Erfolgsaussichten einer Therapie seien gering, eine Reintegration kaum möglich. Die Psychiaterin sprach von einer hohen Wahrscheinlichkeit für neue Straftaten zur Drogenbeschaffung. Der Angeklagte verfolgte die Verhandlung konzentriert, sprach klar und deutlich. Die 5. Strafkammer will am 29. Mai 2018 ab 10.30 Uhr in D 130 weiter verhandeln.

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