Kasseler Verein kämpft gegen Genitalverstümmelung – Vorsitzende: Problem betrifft auch Frauen aus der Region

Beschneidung droht auch hier

Azieb Weldemariam engagiert sich im Kampf gegen Beschneidung von Frauen. Foto: Hein

Kassel. Das Buch von Waris Dirie „Wüstenblume“ und die Verfilmung ihrer Biografie als afrikanisches Topmodel, das von den Qualen durch seine Beschneidung erzählt, hat das Thema weltweit bekannt gemacht: Genitalverstümmelung von Frauen. Wir sprachen mit der Vorsitzenden des Kasseler Vereins FGM international (Stop Female Genital Mutilation), Azieb Weldemariam.

Wir denken immer, das Thema Bescheidung von Frauen sei weit weg und betreffe nur andere Kontinente, stimmt das?

Azieb Weldemariam: Weltweit sind 150 Millionen Frauen von dieser grausamen Verstümmelung betroffen. Dabei gibt es verschiedene Praktiken. Manche Frauen müssen sich ein Leben lang der Prozedur des Zunähens und Aufschneidens unterziehen und dabei große Qualen erleiden. Sie wird in 30 afrikanischen Ländern praktiziert, aber auch in Asien, etwa in Saudi Arabien, in Pakistan und Indien.

Wir vergessen dabei oft, dass auch 90 Prozent aller in Deutschland lebenden weiblichen Flüchtlinge, Frauen aus diesen Ländern, davon betroffen sind. 29 000 Frauen sind allein in Deutschland gefährdet, vielleicht sogar stärker als anderswo.

Wieso das?

Weldemariam: Während in vielen afrikanischen Ländern die Aufklärung voranschreitet, leben die Frauen hier wie auf einer Insel. Sie glauben, indem sie die grausame Praxis der Beschneidung an ihre Töchter weitergeben, etwas für die eigene Identität und Wahrung von Tradition zu tun. Ich habe Großmütter kennen gelernt, die es bereuen, dass sie ihre Töchter haben beschneiden lassen, während sich die Tochter, die hier lebt, den Irrglauben einredet, es sei eine familiäre Schande, wenn sie ihre Töchter nicht beschneiden lässt. Um die Mädchen beschneiden zu lassen, geht man in ein anderes Land, nach Saudi Arabien etwa. In Deutschland müsste man dafür mit Gefängnisstrafen bis zu zehn Jahren rechnen.

Wird denn die Beschneidung von Frauen ungebremst praktiziert, oder zeigen die Aufklärungskampagnen auch Erfolg?

Weldemariam: In vielen Ländern ist die Beschneidung von Frauen verboten. Außerdem gibt es eine weltweite Bewegung mit vielen lokalen Gruppen, die aufklären und gegen Genitalverstümmelung kämpfen. Aber bis sich in den Köpfen etwas geändert hat, dauert es Generationen. Auch wir versuchen mit unserem Ortsverein von FGM international Fuß zu fassen, aber die Arbeit ist nicht einfach. Wir haben weder Geld noch ein Büro, alles geschieht ehrenamtlich.

Wie arbeiten Sie mit den Frauen und für die Frauen?

Weldemariam: Man darf nicht mit der Tür ins Haus fallen. Ich bin mit den Frauen über meine Dolmetschertätigkeit vor allem für Somalier und Eritreer sowie durch meine ehrenamtliche Tätigkeit als Sozialarbeiterin in Kontakt gekommen. Auf diese Weise ist auch mein eigenes Engagement entstanden.

Genitalverstümmelung ist ein Tabuthema, das man nicht direkt anspricht. Wenn man eine Vertrauensbasis geschaffen hat, kommen die Frauen mit ihren Problemen, die sich aus ihrer Beschneidung ergeben, oft sind es gesundheitliche Probleme. Und sind dankbar, einen Ansprechpartner zu haben. Eine weitere Aufgabe ist der Kontakt zu Frauenärzten, denn auch die sind oft nicht ausreichend informiert und stehen ratlos vor einer Behandlung. Für sie ist Genitalverstümmelung ein medizinisches Neuland.

Können Sie denn helfen?

Weldemariam: Natürlich kann man medizinisch helfen. Das wichtigste für uns ist aber die Aufklärung, um die Beschneidung von Säuglingen und Mädchen generell zu verhindern.

Ich wünsche mir, dass das Thema ernst genommen wird. Wichtig wäre ein zentraler Treffpunkt für die Betroffenen. Außerdem muss in den Schulen, Hochschulen, in den Kirchen und Moscheen aufgeklärt werden. Dort ist der Einfluss besonders groß. Da muss angesetzt werden

Wie verkraften Sie ihre Arbeit?

Weldemariam: Sie ist anstrengend. Ich höre von erschütternden Schicksalen und habe ungezählte schlaflose Nächte gehabt, weil mir das so nahegeht. Wir zeigen Aufklärungsfilme. Die sind sehr grausam, aber auch effektiv. Viele Eltern, die das sehen, sagen danach: Das soll meine Tochter niemals erleben. Aber ich bin jedes Mal auch fertig. Außerdem wird man langsam müde, denn für unsere Aufklärungsarbeit fehlt uns das Geld, das ist mühsam.

Von Christina Hein

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.