Muslime und Juden reagieren mit Verunsicherung

Beschneidungs-Urteil: Unverständnis bei Muslimen und Juden in Kassel

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Aufgeschlossene Gesprächspartner: Ali Eligür, Bekir Kaçar und Sahli Tepe in dem neu gestalteten Gebetsraum an der Rothenditmolder Straße.

Kassel. Juden und Muslime in Kassel sehen sich in ihrer Religionsfreiheit eingeschränkt. Grund ist ein Urteil des Kölner Landgerichts, das religiöse Beschneidungen von Jungen als strafbare Körperverletzung einstuft.

„Die Deutschen müssen verstehen, dass das Beschneidungsritual für uns als Gesetz gilt“, sagt Ali Eligür, Vorsitzender des Türkisch-Islamischen Kulturvereins.

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Der Kölner Richterspruch macht die Gemeinde zunächst etwas ratlos. Denn das Urteil stelle eine jahrhundertealte Tradition infrage. „Alle Religionen und Propheten verdienen Respekt und Anerkennung“, betont Ali Eligür. Beides erwarten die Muslime auch für sich. Wenn Beschneidungen in Deutschland strafrechtlich verfolgt werden, würden viele Familien den Eingriff in der Türkei beziehungsweise ihrer Heimat machen lassen, glaubt er.

Esther Haß

Die Beschneidung von Knaben oder auch Männern sei eine überlieferte Handlungsweisung des Propheten Ibrahim (Abraham), der im Islam als einer der wichtigsten Propheten gilt, erläutert Imam Bekir Kaçar, der für drei Monate bei der Kasseler Moschee Sultan Alparsan Camii Vorbeter ist.

Zur Hygiene und Gesundheitsvorsorge sind danach fünf Dinge vorgeschrieben: die Entfernung der Achsel- und Schambehaarung, die Beschneidung, das Schneiden der Fingernägel und das Kürzen des Schnurrbartes. Zwischen dem zweiten und dem siebten Lebensjahr sollte die Beschneidung erfolgt sein, sagt der Imam.

Hintergrund: Ein wichtiges Gebot im Judentum

Brit Mila heißt das jüdische Beschneidungsritual zur Entfernung der Vorhaut des männlichen Gliedes. Sie ist eines der wichtigsten Gebote im Judentum. Die Tora schreibt sie als Bestätigung des Bundes zwischen Gott und dem jüdischen Volk vor. Vorausgesetzt, der Knabe ist gesund, findet dieses Ritual am achten Lebenstag statt, es kann aber auch verschoben werden. Auch in der Kasseler Synagoge wird die Brit Mila von einem ausgebildeten Beschneider (Mohel) vorgenommen, der dazu anreist. Sie wird von Gebeten und Segenssprüchen begleitet. (hei)

Auch Ali Eligür hat seine beiden Söhne beschneiden lassen. Die Eingriffe haben Ärzte in der Türkei und in Kassel, in der Praxis und im Krankenhaus, bei lokaler Betäubung vorgenommen. Oftmals geschehe dies aber auch unter Vollnarkose.

An diesem Tag und auch bei einem etwas später folgenden Fest bekomme das Kind viele Geschenke (meist Geld und Gold), die man ihm auch kurz vor dem Eingriff und danach oft unters Kissen schiebe, schildert Sahli Tepe, stellvertretender Vorsitzender des Vereins. Bei dem Fest zur Beschneidung stehe der Junge, der einen prächtigen Anzug trägt, im Mittelpunkt. Es wird gebetet und gesungen und ein festliches Mahl wird gereicht. „Dieses Ritual ist für uns genauso wichtig wie die Hochzeit“, sagt er. Es sei ein wichtiger Bestandteil der religiösen Identität.

Auch die jüdische Religion sieht vor, dass Jungen beschnitten werden, möglichst an ihrem achten Lebenstag. Esther Haß von der jüdischen Gemeinde in Kassel reagiert empört auf das Gerichtsurteil. Denn es schränke - ausgerechnet in Deutschland - die Religionsfreiheit ein. Dieses religiöse Ritual „ist seit Abraham vorgeschrieben, und das ist schon lange her“, sagt Esther Haß.

Sie fürchtet, dass man sich bei dessen Ausübung nun künftig strafbar machen kann beziehungsweise dass die Eltern mit ihren Kindern (in Kassel seien es jährlich unter zehn männliche Babys) künftig ins Ausland fahren müssen.

Das sagt Kinderchirurg Dr. Illing: Kein Eingriff ohne medizinischen Grund

Ein ärztlicher Heileingriff soll die Gesundheit wieder herstellen oder Schaden vermeiden, sagt Dr. Peter Illing, Chefarzt der Kinderchirurgie am Klinikum Kassel. Dies sei zum Beispiel bei einer Vorhautverengung oder einer Entzündung der Fall. „Jeder Arzt, der das Messer ansetzt, begeht eine Körperverletzung, und dafür muss es einen guten Grund geben“, betont er. An der Kinderklinik des Klinikums lehne man diesen Eingriff in medizinisch nicht begründeten Fällen ab.

Seit Langem gebe es viele juristische Kommentare zur religiösen Beschneidung von Jungen. Das Urteil des Kölner Landgerichts gebe nun Rechtssicherheit und unterstreiche das Recht auf die körperliche Unversehrtheit des Kindes, hieß es nach der Entscheidung seitens der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie, dessen Vorstand Illing angehört. „Man kann einem Arzt nicht zumuten, dass er gegen die Auffassung des Rechtssystems agiert“, sagt der Mediziner.

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Illing weist außerdem auf mögliche Risiken durch den operativen Eingriff hin. So gebe es beispielsweise in den USA, wo mehr als die Hälfte der männlichen Neugeborenen vor der Entlassung aus der Klinik beschnitten wird, einen hohen Anteil von Fällen, wo danach zum Beispiel behandlungsbedürftige Engstellen an der Harnröhrenöffnung auftreten. Zudem habe jede Narkose ein (wenn auch geringes) Risiko. Dass eine Vorhautentfernung Gesundheitsgefahren wie Infektionen oder Peniskarzinomen vorbeugen könne, werde zwar oft angeführt, sei jedoch nicht nachgewiesen. Illing empfiehlt, ebenso wie die Gesellschaft der Kinderchirurgen, abzuwarten, bis der Junge selbst entscheiden kann, ob er der Beschneidung zustimmt. Er sollte volljährig oder mindestens 16 Jahre alt sein. (hei)

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