Kinder, Küche und weibliche Poesie

Besondere Kasseler im Stadtmuseum: Die Chronistin Philippine Engelhard

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Magdalene Philippine Engelhard: Das Gemälde in der Ausstellung ist eine Kopie. Für die Herstellung des Originals reiste sie einst nach Kassel und blieb der Liebe wegen hier. 

Kassel. Die aktuelle Ausstellung im Stadtmuseum „Hingucker. Kasseler Persönlichkeiten und ihr Wirken“ stellt noch bis zum 9. September 32 Kasseler vor, die Berühmtheiten ihrer Zeit waren und Kassel mitgeprägt haben. Wir stellen einige der Protagonisten vor.

Etwas unscheinbar wirkt das kleine schwarze Büchlein auf dem Tisch in der Leseecke der Ausstellung. Dabei hat die Kuratorin Christina Reich mit viel Mühe die Gedichte von Philippine Engelhard für dieses Buch zusammengesucht. Und es hat sich gelohnt, denn der Gedichtband beherbergt das weite Spektrum an Themen und den unkonventionellen Stil der Poetin.

Von Jugend an war die 1756 geborene Philippine Engelhard Dichterin. Später, als Mutter und Hausfrau, hörte sie nicht auf zu schreiben, sondern verdiente weiterhin ihr eigenes Geld. Gleichzeitig schaffte sie damit Zeugnisse über das Leben in Kassel in der Zeit um 1800. Sie war in der Gesellschaft nicht nur bekannt, sondern auch beliebt und geachtet.

Magdalene Philippine Engelhard: Das Gemälde in der Ausstellung ist eine Kopie. Für die Herstellung des Originals reiste sie einst nach Kassel und blieb der Liebe wegen hier. 

Die Göttingerin Philippine, damals noch Gatterer, reiste 1780 im Alter von 24 nach Kassel, um für ein Porträt Johann Heinrich Tischbeins dem Älteren zu posieren. Das Bildnis in der Ausstellung ist eine Kopie eben dieses Porträts. Bei einer der Sitzungen für das Gemälde lernte sie den Kriegssekretär Johann Philipp Nicolaus Engelhard kennen und heiratete ihn nur kurze Zeit später. So wurde sie zur Kasselerin und lernte unter anderem die Brüder Grimm kennen. Sie schrieb fortan auch Gedichte zu wichtigen Ereignissen in ihrer Wahlheimat.

Privatleben

Zum Beispiel kommentierte sie 1781 den Abriss des Schlosses Weißenstein mit einem Gedicht. Das Jagdschloss musste 1798 dem Neubau des Schlosses Wilhelmshöhe weichen. Oder sie hielt den Besuch des Königs Friedrich Wilhelm von Preußen mit seiner Frau Louise literarisch fest.

Ihre Werke geben aber auch Einblick in das Privatleben der Poetin. In einem Gedicht, das sie am 9. Oktober 1781, kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes schrieb, können sich auch heute noch viele werdende Mütter wiederfinden.

Das Gleiche gilt bei „Der Dichterin Wünsche“ von 1808. Jeder berufstätigen Mutter, die zudem den Haushalt schmeißen muss, werden diese Zeilen bekannt vorkommen. In dem Gedicht schreibt sie außerdem, wie sie die Kutschen des Gefolges des Königs Jérôme regelmäßig weckten, als sie am Wilhelmshöher Tor wohnte.

Gesellschaftlich kritisch setzte sie sich in „Mädchenklage“ 1779 mit der Diskriminierung der Frau auseinander. Sie stellte darin die zahlreichen Freiheiten der Männer den eingeschränkten Möglichkeiten der Frauen gegenüber.

Der Epoche der Aufklärung zum Trotz war es nicht selbstverständlich, dass eine Frau mit derartigem Selbstbewusstsein und Erfolg ihrem literarischen Schaffen nachging.

Als Philippine 20 Jahre alt war, erschienen ihre ersten Veröffentlichungen im Vossischen Musenalmanach. Weitere Veröffentlichungen im Göttingen Musenalmanach folgten. Entgegen aller Ratschläge ihrer Gönner und Mentoren stellte sie 1778 einen Gedichtband zusammen und konnte ihn im Verlag von Johann Christian Dieterich publizieren. Zwei weitere Gedichtbände folgten 1782 und 1821.

Familie unterstützt

Mit ihrer Arbeit konnte Philippine ihre Familie mitfinanzieren. Ihr Ehemann bestritt als Beamter kein großes Gehalt, während das Ehepaar insgesamt zehn Kinder bekam und – für die Zeit nicht selbstverständlich – auch alle das Erwachsenenalter erreichten.

Am 28. September 1831 starb Philippine Engelhard im Alter von 75 Jahren während eines Besuchs bei ihrer Tochter Caroline in Blankenburg im Harz.

Hintergrund: 

Aufgrund der großen Nachfrage bietet das Stadtmuseum zusätzliche Führungen zur aktuellen Ausstellung an: Samstag, 27. Januar, 14 Uhr „Wohltäter, Künstler, Oberbürgermeister und Stadtgestalter“. Übersichtsführung durch die Sonderausstellung mit Albert Walch. Sonntag, 4. Februar, 14 Uhr: „Menschen, die Kassel prägten“. Themen-Führung in der Sonder- und Dauerausstellung mit Ulrike Städtler. Mittwoch, 14. Februar, 17 Uhr: „Jenny Soltans, Siegmund Weltinger und andere Bühnenstars“. Zur Theatergeschichte in Kassel mit Jürgen Mahlmann Weitere angekündigte Führungen, jeweils mittwochs, 24. Januar, 17 Uhr: „Vom Messinghof bis Mittelfeld“, Industrialisierung. 7. Februar, 17.30 Uhr: „Der Kasseler Karl May Franz Treller“ mit Julia Herdes und Hartmut Müller.

www.stadtmuseum-kassel.info

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