Auch ein Mathelehrer flog als Engel ein

Besuch aus einer anderen Welt: 18.000 Fans bei der Connichi

Kassel. Seine Tochter hält ihn für durchgeknallt, Dieter Bohlen wollte ihn schon für „Das Supertalent“ haben, und auf der Connichi in Kassel wirkt er wie der Übervater der Fangemeinde.

Rudolf Arnold ist 57 Jahre alt, verheiratet, Mathelehrer und begeistert sich seit sechs Jahren für japanische Comics und Animationsfilme. Auf der größten deutschen Messe der Szene war er aber nur einer von 18 000, die für drei Tage in eine andere Rolle schlüpften.

Wer sich am Wochenende der Stadthalle näherte, konnte an eine Invasion aus dem All glauben: Auffällig war derjenige, der Jeans und Pulli trug. Irgendwo zwischen Fabelwesen, Monstern und sonstigen kuriosen Kreaturen, die der japanischen Comicwelt entsprangen, schwebte ein Engel mit Faible für Algebra. Sein Name war Rudolf Arnold.

4,5 Meter Spannweite

Im Minutentakt posierten andere Teilnehmer der Connichi für ein Foto mit dem Mathelehrer aus Ulm, der die Figur Seraphita aus dem Comic „Angel Sanctuary“ verkörperte. Mit 4,5 Metern Spannweite gehörte er nicht nur zu den beeindruckendsten Gestalten auf der Messe, sondern auch zu den ältesten. Die meisten Anhänger der Szene sind zwischen 13 und 20 Jahre alt. Aber daran stört sich der Pädagoge nicht, der über seine Schüler auf den Trend aus Japan aufmerksam wurde.

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Auch seine Familie habe sich daran gewöhnt, „dass der Papa Hunderte Stunden an der Nähmaschine verbringt, um Kostüme zu entwerfen“. Mit Seraphita, seiner zehnten Kreation, ist ihm ein Meisterstück gelungen: In dem Kostüm stecken nicht nur Hunderte Federn, die er mit der Heißklebepistole einzeln befestigt hat, sondern auch 1500 Euro. Zwölf Kilo wiegen die Schwingen, die an einem Moto-Cross-Brustpanzer befestigt sind, den Arnold unter dem Gewand trägt. Einer seiner letzten Entwürfe hat es in die Bonner Bundeskunsthalle geschafft, wo derzeit eine Ausstellung über die japanische Szene-Kultur läuft.

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Mit seinem ungewöhnlichen Hobby sei er noch nicht angeeckt: Das Kollegium am beruflichen Gymnasium sei eingeweiht, und es habe sich ihm gegenüber noch niemand kritisch geäußert. Und in der Tat: Im Gespräch wirkt der Familienvater nicht wie ein Spinner. Alles mache er auch nicht mit. Als er von RTL für „Das Supertalent“ angefragt wurde, habe er abgesagt. „Wenn die Bild am nächsten Tag getitelt hätte ,tuntiger Mathelehrer bei Bohlen’ hätte ich nicht mehr vor die Klasse treten können“, sagt der 57-Jährige, der als Exot in der Szene schon einige Auftritte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hatte.

Eine Frage bekam Arnold, der wegen seiner Spannweite nicht in die Stadthalle kam, sondern davor weilte, am Wochenende oft gestellt: „Wie gehst du aufs Klo?“ Seine Antwort: „Nur einmal, morgens!“ Bevor er sich ins Kostüm quält.

Von Bastian Ludwig

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