Vor allem Senioren Opfer

Betrügerische Kaffeefahrten: Hessen will an die Hintermänner

Kassel. Wunderpflaster, heilende Matratzen, Kochtöpfe oder Pillen aller Art - das Angebot der berühmt-berüchtigten Kaffeefahrten zielt vorrangig auf Senioren.

Nicht selten sind die Busausflüge mit krummen Touren und falschen Versprechungen garniert, wird die Ware irgendwo in einem Landgasthof aggressiv und maßlos überteuert einer oft wehrlosen Rentner-Kundschaft angedreht.

Hessen und Bayern versuchen jetzt über den Bundesrat, Wildwuchs und Abzocke der Branche zu beschneiden: Bayerns Gesetzentwurf will den Vertrieb von Finanzdienstleistungen, Nahrungsergänzungsmitteln, Medizinprodukten und Reisen bei Kaffeefahrten schlicht verbieten. Verstöße gegen solche Verbote sollen bis zu 25 000 Euro Bußgeld kosten. Wenn Kaffeefahrt-Veranstalter ihre Touren nicht korrekt anzeigen, sollen statt bislang 1000 bis zu 10 000 Euro fällig werden.

Hessens Verbraucherministerin Priska Hinz (Grüne) unterstützt diese Pläne: Betrug bei Kaffeefahrten sei ein Dauerthema, sagt sie. Hessen will Änderungen im Postgesetz und Hürden abreißen, die kriminelle Kaffeefahrt-Veranstalter bislang vor Polizei und Klagen schützen: Hintermänner der Abzock-Touren firmieren gern mit Postfachadressen - und können dahinter anonym bleiben.

Hessen will Postfachvermieter jetzt dazu verpflichten, die Boxen erst freizugeben, wenn die Identität der Mieter dokumentiert ist. Erst so könnten geneppte Kunden falsche Gewinnversprechen tatsächlich einklagen, ihr Widerrufsrecht für Kaffeefahrt-Käufe wahrnehmen, könnten Ermittler Betrugsvorwürfen bis zu Verantwortlichen nachgehen.

Die Zentralen der Kaffeefahrt-Branche sitzen häufig im westlichen Niedersachsen und in Bremen. Gegenwehr versuchen neben Verbraucherschützeren auch Mitarbeiter des hessischen Lahn-Dill-Kreises: „Wir sind die einzige Behörde in Deutschland, die im Internet per Liste vor unseriösen Werbefahrten (Kaffeefahrten) und Werbeverkaufsveranstaltungen warnt.“

Und das ständig aktualisiert: In der abgelaufenen Woche ging’s um Feinkost-Lebensmittel, besten Käse aus Holland, ein Geburtstagsfest mit Sektempfang und eine Schiffstaufe der MS Victoria II - alles mutmaßliche Lockvögel für Busfahrten zu Verkaufsshows im Nirgendwo.

Reinhard Strack-Schmalor, Jurist der Ordnungsbehörde beim Lahn-Dill-Kreis, startete die Online-Warnseite 2007. Er findet den Bundesratsvorstoß sehr positiv, weiß aber auch, dass hier dicke Bretter zu bohren sind. Ähnliche Initiativen habe die Kaffeefahrt-Branche mitsamt Bus- und Gastgewerbe, die ja mitverdienen, schon abgewehrt oder kreativ umgangen. So wie sich Veranstalter hinter Postfächern verstecken, um nicht erreichbar zu sein, gingen Fahrten absichtlich „ins Blaue“, würden unterwegs umdirigiert, um Polizei und Ordnungsbehörden kein Ziel zu bieten, heißt es vom Lahn-Dill-Kreis. Ermittelt werden könne nur am Tatort. Sei der unbekannt, gebe es nichts zu ermitteln.

Schlau formuliert: "Eine Kaffeemaschine für alle Paare"

• Kaffeefahrtversprechen - was sie heißen können:

„Eine Kaffeemaschine für alle Paare“ = alle anwesenden Paare sollen sich ein Gerät teilen

„50-teiliges Haushalts-Set geschenkt“ = eine Schachtel Streichhölzer

„Wäschetrockner gratis“ = Wäscheleine

„Halbes Schwein geschenkt“ = halbes Marzipanschwein

„Geldgewinn“ = wertloser Bon

Kaffeefahrtverkauf - so ist die Einladung in Ordnung:

• Vollständige Absenderangabe (Name, Firma, Ort, Straße, Hausnummer)

• keine Versprechen zu Geschenken, Gewinnen Verlosung

• Klare Nennung der Produkte, die verkauft werden

• Veranstaltung behördlich angemeldet und unbeanstandet

Quelle: Lahn-Dill-Kreis

Infoblatt

• Falsche Versprechen, Lüge, Betrug: Ein Aussteiger der Kaffeefahrt-Branche berichtet (Manuskript von MDR-Exakt)

Warnliste des Lahn-Dill-Kreises

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