Prozess wegen Verkauf von Tupperware: 36-Jähriger muss 300 Arbeitsstunden leisten

Urteil: 300 Arbeitsstunden für Tupperware-Betrug

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Plastikdosen zum halben Preis: Damit hatte ein 36-Jähriger aus Kassel im Internet geworben. Tupper-Beraterinnen, die ihm ihre Ware zum Weiterverkauf schickten, zahlte er aber nicht aus.

Kassel. Im blütenweißen Jeansanzug und mit einem Karton in den Händen betrat der Beschuldigte den Sitzungssaal. Noch bevor sich der 36-Jährige auf die Anklagebank setzte, verkündete er: „Ich hab’ da etwas mitgebracht.“

Mit neuen Beweismitteln wollte der Mann am Mittwoch vor dem Kasseler Landgericht in Berufung gehen und seine Unschuld belegen.

Wegen gewerbsmäßigen Betrugs in vier Fällen war er im Februar 2011 zu einer 18-monatigen Bewährungsstrafe und 300 Arbeitsstunden verurteilt worden. Staatsanwalt, Richterin und Verteidiger gaben dem Mann nach einer Stunde zu verstehen, dass die Wiederaufnahme zwecklos sei. Der Angeklagte akzeptierte.

Der Kasseler hatte zwischen April und September 2009 einen Internethandel betrieben, bei dem er anbot, Neu- und Vorführware eines namhaften Herstellers von Plastikbehältern für die Hälfte des Verkaufspreises anzukaufen. Die vier Geschädigten, alle Tupperware-Beraterinnen, sahen eine Chance, Restbestände abzustoßen, und schickten ihm Haushaltsartikel im Wert von 1360 bis 3400 Euro. Ohne die Frauen zu bezahlen, verkaufte der 36-Jährige die Ware weiter.

Es habe Streit über den Wert gegeben, deshalb habe er den Geschädigten damals nichts bezahlt. „Ich hatte nicht die Absicht, einen Betrug zu begehen“, beteuerte der 36-Jährige. Dabei griff er zum ersten Mal in seinen ominösen Karton und holte einen dicken Aktenordner hervor: „Hier, ich habe im Oktober 740,81 Euro an die eine Frau gezahlt.“ Acht Monate nachdem er für die Tat verurteilt worden war. Auch vorher habe er das Geld schon nicht unterschlagen, sondern zurückgelegt, versicherte er und zauberte ein Bündel 20-Euro-Noten aus seiner Kiste. Dann zückte er kurz eine blaue Brotdose, packte sie aber gleich wieder weg - ohne zu erklären, was diese beweisen soll.

Auf Berufung verzichtet

„Sie hätten den Geschädigten zumindest die Hälfte des Verkaufspreises gleich überweisen müssen“, sagte der Staatsanwalt, der sich wenig von der Asservaten-Sammlung des Angeklagten beeindrucken ließ. „Nach allem, was wir bisher gehört haben, ist das noch immer Betrug“, betonte der Staatsanwalt. „Ich kann Ihnen nur empfehlen, auf die Berufung zu verzichten.“ Dem pflichteten Richterin und Verteidiger bei. Nach kurzer Bedenkzeit brachte der Angeklagte vor, dass er keinen Freispruch erwirken, sondern die 300 Arbeitsstunden erlassen bekommen wolle. „Ich habe ein neues Produkt erfunden“, sagte er stolz. Dieses wolle er bei Messen verkaufen, und deswegen könne er die Stunden nicht leisten. Die Vorsitzende gab nicht nach: „Die Strafe muss schon auch ein bisschen wehtun.“ Von der Aussichtslosigkeit überzeugt, verzichtete der 36-Jährige auf einen erneuten Prozess. (pas)

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