"Bezahlbar" statt luxuriös

Neue Hoffnung für Salzmann-Gelände: 500 Wohnungen geplant

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So soll es werden: Auf dem Gelände des Industriedenkmals Salzmann an der Sandershäuser Straße im Stadtteil Bettenhausen will Eigentümer Dennis Rossing bis zu 500 Wohnungen bauen. Die Ziegelbauten der historischen Fabrik sollen erhalten werden. Blick von Nordosten auf das Areal, vorn rechts die Sandershäuser Straße, links die Agathofstraße.

Kassel. Neuer Anlauf zur Rettung des Industriedenkmals Salzmann: Der Eigentümer will die gescheiterten Baupläne aufgreifen und für knapp 80 Millionen Euro bis zu 500 Wohnungen errichten.

Seit die Wiesbadener BHB Bauwert Holding wegen zu großer Risiken im Jahr 2015 die Notbremse gezogen hatte, war die Zukunft des 37.000 Quadratmeter großen Areals in Bettenhausen wieder ungewiss.

Eigentümer Dennis Rossing hatte die bereits weit fortgeschrittene Planung im vergangenen Jahr gekauft und will nun mit der Bad Hersfelder Rosco-Gruppe das Vorhaben mit eigenem Geld und weiteren Investoren stemmen. Freilich sollen nicht mehr wie einst geplant Luxusimmobilien gebaut werden, sondern bezahlbarer Wohnraum. Im städtischen Bauamt wird das Vorhaben bereits seit Herbst 2017 begleitet. Der Konflikt zwischen geplantem Wohnen an der Sandershäuser Straße und dem dort ansässigen Gewerbe, der damals mit ein Auslöser für die BHB-Absage gewesen war, sei gelöst, sagt Baurat Christof Nolda (Grüne). Gemeinsam mit dem Investor stellte er am Freitagabend die Pläne vor.

Rossing möchte schon im Herbst loslegen und rechnet mit einer Bauzeit von zweieinhalb Jahren. Noch ein Winter sei schlecht für die denkmalgeschützten Ziegelbauten. Die sind durch Vandalismus sowie Metalldiebe komplett verwüstet, die Witterung setzt den Resten der Salzmannfabrik heftig zu.

Die denkmalgeschützten Ziegelbauten sind durch Diebe und Vandalen beschädigt.

Wir klären die wichtigsten Fragen zum erneuten Versuch einer Salzmann-Rettung:

Hat sich die frühere Planung aus den Jahren 2014/15 den verändert?

Ja, und zwar grundlegend. Jetzt sollen keine 200 Quadratmeter großen Lofts mehr gebaut werden, sondern preisgünstige Mietwohnungen. Geplant sind zudem ein Hotel- und Boardinghouse-System, um Apartements für einige Monate zu mieten, Senioren-Wohnen mit altersgerechtem Dienstleistungsangebot sowie eine Kindertagesstätte.

Was hat das mit dem Hotel- und Boardinghouse-Konzept auf sich?

In dem Gebäude an der Sandershäuser Straße sollen auf drei Stockwerken und 4000 Quadratmetern Fläche Apartements für Wochen oder Monate Mietdauer geschaffen werden. Solche Angebote werden gern von Firmen genutzt, die Mitarbeiter zeitweise in Kassel einsetzen.

Was soll den mit den historischen Sälen im ersten Obergeschoss sowie im Dachgeschoss passieren, um die lange gestritten wurde?

Sie sollen erhalten, ins Boardinghouse eingebunden und wie Eingang und Lobby Teil einer Begegnungsstätte werden. Die soll von Künstler und Kulturschaffenden genutzt werden, die in den künftigen Salzmann Höfen wieder willkommen sind.

Was ist im Hinblick auf das Senioren-Wohnen geplant?

Senioren-Residenzen wie Augustinum oder Mundus sind sehr gefragt, weil es immer mehr ältere Menschen gibt. Auf dem Salzmann-Areal sind 150 altersgerechte Apartements geplant. Die Bewohner können bei Bedarf häusliche, Langzeit-, Kurzzeit sowie Tagespflege nutzen und ebenso eine Begegnungsstätte.

Wird es genügend Parkplätze für soviele Wohnungen geben?

An der Ecke Sandershäuser Straße/Agathofstraße soll wie bereits früher geplant ein neues großes Parkhaus mit 600 Autostellplätzen gebaut werden.

Blick auf die Ecke Sandershäuser Straße (rechts) und Agathofstraße (links): An die alten Fabrikgebäude wird ein Parkhaus mit 600 Stellplätzen (links) angebaut.

Gibt es eine Schätzung, was das alles insgesamt kosten wird?

Dennis Rossing kalkuliert mit rund 35 Millionen Euro für Sanierung und Umbau der alten Fabrikgebäude. In die sechs Neubauflächen auf dem Gelände sollen 45 Millionen Euro investiert werden. Rossing will gern selbst bauen, führt aber auch bereits Gespräche mit Interessenten aus der Stadt sowie außerhalb Kassels.

Was soll denn aus dem alten Kesselhaus auf dem Gelände werden?

Dort könnte eine Kindertagesstätte entstehen. Dazu gebe es bereits Anfragen von möglichen Kita-Betreiber, sagt Rossing.

Ist denn auch eine Gastronomie im neuen, Salzmann Höfe genannten Wohnquartier geplant?

Im Hochparterre des Gebäudes an der Sandershäuser Straße soll es gastronomische Angebote mit einem Außenbereich im Erdgeschoss geben.

"Keine Edelgastronomie", sagt Rossing, sondern ein niedrig- bis mittelpreisiges Restaurantkonzept, „mit dem schon gute Erfahrungen gemacht wurden“. Das Restaurant sei nicht nur für das Boardinghouse und das Senioren-Wohnen gedacht, es soll auch für weitere Gäste aus Kassel attraktiv sein, „hier einzukehren und den Stadtteil Bettenhausen aus einem neuen Blickwinkel zu erleben."

Salzmann-Chronik: Auf Erfolg folgte Scheitern

Die ehemalige Salzmannfabrik in Bettenhausen hat eine 140-jährige Geschichte:

  • 1876: Die Firma Salzmann wird in Melsungen von Heinrich Salzmann gegründet.
  • 1890: Die Weberei in Kassel-Bettenhausen wird gebaut und zum neuen Hauptwerk der Firma.
  • 1902: In der Nähe der Salzmannfabrik wird mit dem Bau der Werkssiedlung Salzmannshausen begonnen.
  • 1909: Das Unternehmen, das vor allem Zelte und Zubehör sowie Gewebe für Industrie, Schifffahrt, Eisenbahn und Militär produziert, umfasst bereits sieben Fabriken mit 3500 Mitarbeitern. Es ist damit das Größte der Branche. Exportiert wird in die ganze Welt.
  • 1939-1945: Das Unternehmen unterhält gute Kontakte zu den Nazis und profitiert von Aufträgen in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Allerdings wird die Fabrik während der letzten Kriegsjahre stark durch Bombenangriffe beschädigt.
  • 1945: Neubeginn des Betriebs in Kassel mit 46 Arbeitern und sechs Webstühlen.
  • 1951: Salzmann beschäftigt wieder 2000 Mitarbeiter und ist weltweit in 54 Ländern vertreten.
  • 1965: Durch ein Großfeuer wird auf dem Fabrikgelände ein Millionenschaden angerichtet.
  • 1970: Der Niedergang der Firma setzt ein, nur noch 500 Menschen werden beschäftigt.
  • 1971: Produktion und Vertrieb werden endgültig eingestellt. Die 200 verbliebenen Mitarbeiter wechseln in andere Firmen. Eine Münchner Immobilienfirma kauft das Areal.
  • 1987: Die Salzmannfabrik wird während der documenta 8 in Kassel zur Kulturfabrik.
  • 1994: Die legendäre Technodisco „Aufschwung Ost“ (später „Stammheim“) eröffnet in dem Gebäude. 2002 ist Schluss für den Discobetrieb.
  • 2004: Investor und Projektentwickler Dennis Rossing (Immobilienunternehmen Rosco Bad Hersfeld) will in den alten Mauern ein Zentrum für Handel und Kultur mit 15.000 Quadratmetern Einzelhandelsfläche bauen.
  • 2006: Die Stadtverordnetenversammlung lehnt die Pläne für ein Handels- und Kulturzentrum endgültig ab, weil ein weiteres Einkaufszentrum dem Einzelhandel in der Kasseler Innenstadt schaden könnte.
  • 2007: Nachdem der Bau einer Multihalle auf den Giesewiesen gescheitert war, geht im August 2007 das Projekt Salzmann-Arena an den Start. Rossing kauft die Fabrik, die zu einer Multihalle für die Kassel Huskies umgebaut werden soll.
  • 2010: Als der Kasseler Eishockeyclub aus der DEL fliegt, scheitert das Vorhaben für eine Arena.
  • 2011: Rossing und die Stadt planen, ein Behördenzentrum (Technisches Rathaus) im Industriedenkmal einzurichten. Auch die Huk-Coburg will einziehen. Alle bisherigen Mieter müssen ausziehen.
  • 2013: Die Pläne scheitern erneut, Rossing tritt vom Mietvertrag mit der Stadt zurück.
  • 2014: Die BHB-Bauwert Holding will 450 Wohnungen bei Salzmann schaffen. Ein Jahr später zieht das Unternehmen wegen zu großer Risiken die Notbremse und tritt wieder vom Kaufvertrag zurück.
  • 2017: Dennis Rossing gibt im Oktober bekannt, dass er die im Jahr 2015 gescheiterten Baupläne aufgreifen und 450 Wohnungen auf dem Areal errichten will. Seither wird mit der Stadt über das Vorhaben verhandelt.

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