180 Jahre altes Fachwerkhaus gehörte einst jüdischem Unternehmer

Abrisshaus in Bettenhausen hat bewegte Geschichte

Soll im September abgerissen werden: Das 180 Jahre alte Fachwerkhaus an der Sandershäuser Straße 17 wirkt durch die Eternit-Verkleidung eher unscheinbar. Archivfoto: Kathrin Meyer
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Soll im September abgerissen werden: Das 180 Jahre alte Fachwerkhaus an der Sandershäuser Straße 17 wirkt durch die Eternit-Verkleidung eher unscheinbar.

Ende September wird von dem 180 Jahre alten Fachwerkhaus an der Sandershäuser Straße 17 nichts mehr übrig sein. Der Denkmalschutz hatte den Abriss genehmigt (HNA berichtet), weil der Gebäudezustand zu schlecht ist, um es mit angemessenen Aufwand sanieren zu können. Hobbyhistoriker Bernd Schaeffer aus Kassel hat sich aus dem Anlass der wechselvollen Geschichte des Gebäudes gewidmet.

Kassel - Als das seit der Nachkriegszeit mit Eternit-Platten verkleidete Haus und ein weiteres unmittelbar angrenzendes Fachwerkhaus um 1840 erbaut wurden, standen sie einsam am Ortseingang des damaligen Dorfes Bettenhausen. Auch die Salzmannfabrik gab es noch nicht. Erbauer war der Kasseler Metzgermeister Stephan Giede. Die Lage war für ihn optimal. Gleich nebenan betrieb die Stadt Kassel die herrschaftliche Heuwaage, auf der die Metzger ihr Großvieh gewogen haben.

Der Metzger schien nicht zimperlich gewesen zu sein. Jedenfalls geht aus einer alten Strafprozessakte hervor, dass er sich wegen „wörtlicher und tätlicher Beleidigung“ verantworten musste.

Die heutige Sandershäuser Straße änderte in der Zeit mehrfach ihren Namen. Anfangs noch als „Chaussee nach Sandershausen“ bezeichnet, hieß sie später „Hannoversche Straße“. Bis 1895 war der Metzger Eigentümer der Mietshäuser, die inzwischen unweit der 1891 gegründeten Salzmannfabrik standen.

1896 übernahm ein Kaufmann für kurze Zeit die Häuser. Denn mit der Industrialisierung traten neue Interessenten auf den Plan – zumal die beiden Häuser einen Gleisanschlusses der ehemaligen „Hafenbahn“ erhalten hatten. Zweck der privaten Bahn war es, dass die Unternehmer den Transport schwerer Lasten zwischen dem Bahnhof Bettenhausen und den Standorten der angeschlossenen Fabriken selbst bestimmen konnten.

Anzeige aus der Nachkriegszeit: Schrotthändler Heinrich Röttger hatte die Firma Katzenstein zeitweise geleitet.

So entschloss sich 1905 der jüdische Metallwaren- und Eisenhändler Moritz Katzenstein, seine Firma Manus Katzenstein von Nord-Holland nach Bettenhausen zu verlegen. „Am Standort in der Sanderhäuser Straße handelte er später auch mit Feldbahnen und Maschinen“, sagt Schaeffer. In der Manus Katzenstein AG hatte 1923 der Kaufmann Heinrich Röttger Gesamtprokura. Er wohnte in der Sandershäuser Straße 17.

Als die jüdische Metallhandlung 1925 geschlossen wurde, eröffnete Röttger auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen florierenden Schrotthandel unter seinem Namen. Er wurde zu einem der größten in Kassel.

Die Fachwerkhäuser gingen während der NS-Zeit in das Eigentum der Stadt über, wobei die Hausnummer 15 im Krieg zerstört wurde. In der Nachkriegszeit gehörte das verbleibende Gebäude zunächst der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GWG.

Seit den 1960er-Jahren ist es im Eigentum der Schreinerei Baum & Söhne, die auf dem dahinter liegenden Grundstück ihre Werkstätten erbaute. Mitte September wird nun der Abrissbagger die Geschichte des inzwischen einsturzgefährdeten Hauses beenden. (Bastian Ludwig)

Die gesamte Haus-Historie auf: erinnerungen-im-netz.de

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