Gestiegene Nachfrage

Apartments hoch im Kurs: Ludwig-Noll-Verein investiert eine Million in neue Plätze

Sie setzen auf ambulante Betreuung von Behinderten: Armin Bischoff und die Mitarbeiter Tilla Blake, Karla Schopmans und Anke Mauersberger vor der Baustelle am Sälzerhof. Foto: Dilling

Kassel. Das Heim für psychisch behinderte Menschen am Sälzerhof ist momentan eine Baustelle. Für eine Million Euro stockt der Ludwig-Noll-Verein das Gebäude in Bettenhausen in Holzbauweise auf.

Zwölf Ein-Zimmer-Appartements mit Single-Küche werden ab 1. April kommenden Jahres von seelisch gehandicapten Mietern bezogen, die den Sprung aus der Rund-um-Betreuung und dem schützenden Nest einer stationären Einrichtung wagen.

„Der Trend geht zum Wohnen in den eigenen vier Wänden und zu größtmöglicher Selbstständigkeit“, sagt Armin Bischoff, Geschäftsführer des Ludwig-Noll-Vereins. Im betreuten Wohnen verwalten die behinderten Menschen ihr Taschengeld selbst und gestalten ihren Alltag weitgehend allein. Sozialarbeiter oder anderes Fachpersonal schauen in regelmäßigen Abständen nach dem Rechten, helfen bei Behördenangelegenheiten. „Sie geben Hilfe zur Selbsthilfe“, sagt Sozialarbeiterin Anke Mauersberger. Die Nachfrage nach dieser Form des unterstützten Wohnens habe in den letzten Jahren fast explosionsartig zugenommen, sagt Bischoff.

Die Zahlen bestätigen das: Vor Jahren hat der Verein für psychosoziale Hilfe noch regelmäßig 70 behinderte Menschen in eigenen oder von den Klienten angemieteten Wohnungen betreut. Heute sind es schon 120 Mieter, die über die ganze Stadt verteilt wohnen. Früher hätten diese Menschen hauptsächlich in Wohngemeinschaften gelebt. Heute wollten die meisten lieber allein wohnen, sagt Bischoff.

Die Baunataler Diakonie Kassel (BDKS) bietet 850 geistig, seelisch oder mehrfach behinderten Menschen in Nordhessen und der Stadt Kassel an verschiedenen Standorten ein Zuhause. Die Nachfrage nach dem Betreuten Wohnen übersteigt dabei das Angebot. „Es gibt eine Warteliste“, teilte der BDKS-Geschäftsbereich Wohnen mit. Ein Ausbau des Angebots sei in Planung. Bei den Diakonie-Wohnstätten sei die Zahl der Klienten im Betreuten Wohnen in den letzten zehn Jahren von 88 auf 149 Bewohner gestiegen. An den Standorten Hofgeismar, Baunatal und Wabern sei im gleichen Zeitraum die Zahl von 94 auf 177 Bewohner gewachsen.

Jan Röse, Leiter des Wohnverbunds Mitte (Diakonie-Wohnstätten) in Kassel, bewertet den Trend zu mehr Eigenständigkeit von behinderten Menschen positiv. Die Eltern gehandicapter Kinder könnten heutzutage leichter loslassen und akzeptierten eher, dass auch Behinderte ihren eigenen Weg gehen müssen.

Der Sprung vom stationären Wohnen in die Selbstständigkeit ist allerdings groß. Deshalb gebe der Noll-Verein Unterstützung, um den Übergang in die ambulante Betreuung abzufedern, sagt Bischoff. Auch die BDKS bietet bestimmte Wohnformen, in denen die Selbstständigkeit trainiert werden kann.

Von Peter Dilling

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