Ehepaar lernte sich bei Unfall kennen 

1947 starben vier Menschen bei Bahnunglück in Bettenhausen - Zwei Verletzte heirateten 

+
Völlig zerstört: Die Waldkappler Bahn riss am 10. Dezember 1947 diesen Anhänger eines Busses mit. Vier Menschen starben, mehr als 20 wurden schwer verletzt. 

Edith Knaust und ihr Mann Herbert haben sich 1947 bei dem schlimmen Bahnunglück in Bettenhausen kennengelernt. Heute, 71 Jahre später, berichten sie von ihren Erlebnissen. 

Was wäre, wenn? Diese Frage stellt sich Edith Knaust auch heute noch – 71 Jahre danach. „Was wäre, wenn ich damals nicht zum Bus gerannt wäre?“ Dann wäre ihr viel Leid erspart geblieben. Einerseits. Andererseits: Wer weiß, ob sie dann auch den Mann fürs Leben gefunden hätte? „Das ist halt alles Schicksal“, sagt sie am Ende des Gesprächs, in dem sie und ihr Mann Herbert über eines der schlimmsten Bahnunglücke in Kassel berichten. Es geschah am 10. Dezember 1947.

Edith Knaust ist damals zwölf Jahre alt. Im September hatte sie gerade die Schule gewechselt. Sie geht jetzt in die Mädchenmittelschule an der Wilhelmshöher Allee in Kassel. Das eigentliche Gebäude der Realschule im Westen der Stadt ist im Krieg zerstört worden; die Schüler nutzen deshalb Räume am Agathof in Bettenhausen. Dort gibt es Mädchen- und Jungenklassen. In der einen Woche haben die Mädchen vormittags Unterricht und die Jungen nachmittags, in der anderen Woche ist es umgekehrt.

Am 10. Dezember sind Edith Knaust und ihre Klassenkameradinnen am Nachmittag dran. Sie müssen sich beeilen, um den Bus in Richtung Lohfelden noch zu bekommen. Um 17 Uhr ist die Schule aus, um 17.07 Uhr soll der Bus abfahren. Die Mädchen rennen und erreichen ihn gerade noch rechtzeitig. Sie steigen in den Anhänger, der auf sie eine gewisse Anziehungskraft hat. Sie stellen sich in die Mitte.

Herbert Knaust absolviert damals eine Ausbildung zum Glasbläser. Er ist 15 Jahre alt. Der Betrieb, in dem er lernt, befindet sich in der Lilienthalstraße. Die Zerstörung des Krieges ist auch hier noch sichtbar, aber Herbert Knaust ist froh, überhaupt eine Lehrstelle bekommen zu haben. „Es waren damals andere Zeiten“, sagt er.

An jenem Mittwoch läuft alles wie immer. Am Nachmittag macht er Feierabend, anschließend geht er zur Bushaltestelle am Hallenbad in Bettenhausen, um von dort die halbe Stunde in den Lohfeldener Ortsteil Crumbach zu fahren. Herbert Knaust nutzt den Anhänger. Er stellt sich mit dem Rücken zur Tür.

34 Menschen befinden sich im Anhänger des Busses 

Um 17.07 Uhr verlässt der Bus planmäßig die Haltestelle am Hallenbad in Bettenhausen, die nicht nur ein Knotenpunkt ist, sondern darüber hinaus eine wichtige Funktion erfüllt: Hier werden die Busse betankt – mit Gas. Auch der Bus in Richtung Lohfelden ist nun vollgetankt. In dessen Anhänger befinden sich 34 Menschen – die meisten von ihnen sind jung.

Nach 40 Metern biegt der Bus in die Söhrestraße ein, wo er sogleich die Eisenbahngleise überqueren muss. Die Schranken sind offen, obwohl um diese Zeit auch immer der Abendzug 259 in Richtung Eschwege an dieser Stelle vorbeikommt. Doch diesmal: freie Fahrt für den Bus. Der Schein aber trügt, es kommt zum verheerenden Unglück. „Ich habe nur noch einen Schlag gehört“, sagt Herbert Knaust.

Blick auf den Bahnhof Bettenhausen: An dem Bahnübergang ereignete sich vor 71 Jahren das Unglück mit dem Busanhänger. Heute befinden sich hier nur noch das Stellwerk und der Güterbahnhof. 

Die Dampflok der Waldkappler Bahn erfasst den Anhänger des Busses, trennt ihn vom Bus ab. Der Anhänger verkeilt sich in den Puffern der Lok und wird über 80 Meter bis kurz vor den angrenzenden Bahnsteig des Bahnhofs Bettenhausen mitgerissen. Erst hier bleibt der Zug stehen. Während Zug und Bus fast unbeschädigt bleiben, ist der Anhänger fast völlig zerstört.

Es sterben vier Menschen, 22 werden schwer verletzt

Vier Menschen sterben, 22 werden schwer verletzt – unter den Schwerverletzten sind Herbert und Edith Knaust. Herbert Knaust wird sofort in das Stadtkrankenhaus am Möncheberg gebracht. Erst dort kommt er wieder zu sich. Er hat ein Bein gebrochen, eine Gehirnerschütterung erlitten; zwei Wunden am Kopf müssen genäht werden.

Edith Knaust hat es noch schlimmer erwischt. Durch den Aufprall sind die Sitzreihen im Anhänger zusammengeschoben worden, die Zwölfjährige wird nach unten gedrückt. Bei den umfangreichen Rettungsarbeiten bleibt sie zunächst unentdeckt. Erst spät vernehmen die Rettungskräfte, unter ihnen viele Amerikaner, ein Wimmern – und finden Edith Knaust. Sie hat Wunden am Kopf, ein Bein ist gebrochen. Sie kommt ins Krankenhaus, liegt drei Wochen im Koma. Ihre Erinnerung setzt mit den Bildern vom Zimmer im Krankenhaus ein. „Da lagen wir mindestens mit zwölf Kindern drin“, sagt Edith Knaust.

Eine Freundin hat das Unglück fast unbeschadet überstanden. Sie fährt am Abend mit der Söhrebahn nach Lohfelden und überbringt die Schreckensnachricht an die Familien. „Damals gab es ja fast nichts: kein Telefon oder irgendetwas anderes“, sagt Herbert Knaust. Die Lohfeldener sind schockiert und trauern. Viele Opfer kommen aus der Gemeinde.

Sie verarbeiten den Unfall gemeinsam 

Das Unglück ist über Wochen Thema. Herbert und Edith Knaust kämpfen sich währenddessen zurück ins Leben. Beide laufen auf Krücken – und unternehmen Gehversuche. Da sie in der Nähe wohnen, treffen sie sich häufiger. „Edith konnte ja noch nicht in die Schule und ich noch nicht zur Arbeit“, sagt Herbert Knaust. So lernen sich die beiden näher kennen, sie verarbeiten den Unfall gemeinsam und gehören fortan demselben Freundeskreis an. Einige Jahre später heiraten sie.

Das Unglück ist da schon juristisch aufgearbeitet. Zwölf Monate nach der Katastrophe wird der Fall verhandelt, der Schrankenwärter erhält auch deshalb keine Strafe, weil er unheilbar krank ist. Er hatte auf die Benachrichtigung aus dem Stellwerk Bettenhausen gewartet, die Schranken zu schließen. Diese Benachrichtigung kam aber nicht. Der Oberstellwerksmeister wird zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Er hätte den Schrankenwärter benachrichtigen sollen, tat das aber nicht. Er erklärt das damit, dass auf einem Nebengleis des Bahnhofs Güterwagen in Bewegung geraten seien. Er habe sie abfangen müssen. Das Urteil fällt so milde aus, weil er sich in 30 Jahren zuvor nie etwas hat zu Schulden kommen lassen.

Opfer bekommen eine Abfindung 

Die Opfer bekommen eine Abfindung in Höhe der entstandenen Schäden. Da ihr Vater bei der Bahn beschäftigt ist, geht Edith Knaust leer aus. Herbert Knaust dagegen erhält 25 Reichsmark, weil bei dem Unglück seine Brotbüchse beschädigt wurde. Mehr gibt es nicht.

Darüber schmunzelt er heute. Er und seine Frau, die heute in Lohfelden leben, müssen noch oft an damals denken. „Letztes Jahr rief am 10. Dezember eine Freundin an, die auch zu den Unfallopfern gehörte, und gratulierte uns zum Geburtstag, weil wir überlebt haben. Da sind wir 70 geworden“, sagt Edith Knaust. So gesehen werden die 83-Jährige und ihr 86 Jahre alter Mann heute 71.

Beschrankter Bahnübergang an Unglücksstelle 

Auch heute gibt es in Bettenhausen an der Unglücksstelle von damals noch einen beschrankten Bahnübergang. Wer mit dem Auto von der Leipziger Straße in die Söhrestraße fährt, der überquert ihn gleich am Anfang. Kurz vor den Gleisen befindet sich nun ein Autohandel. Die Bahnen, die damals hier fuhren, gibt es heute nicht mehr. Der Personenverkehr von Kassel über Waldkappel nach Eschwege über Bettenhausen wurde 1985 eingestellt. Der Personenverkehr der Söhrebahn, die vom angrenzenden Bahnhof Bettenhausen bis nach Wellerode Wald fuhr, wurde schließlich im Jahr 1966 beendet. In Bettenhausen gibt es mittlerweile nur noch den Güterbahnhof.

Von Florian Hagemann und Edgar Brill 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.