"Partei muss erneuert werden"

Darum trat Peter Tippmann aus Bettenhausen nach zwölf Jahren wieder in die SPD ein

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Peter Tippmann, Genosse von 1991 bis 2005 und früherer Ortsvorsteher im Stadtteil Bettenhausen, ist wieder in die SPD eingetreten.

Kassel. Vor zwölf Jahren ist Peter Tippmann aus Bettenhausen aus der SPD ausgetreten. Warum er jetzt wieder in die Partei eingetreten ist. Darüber sprachen wir mit ihm.  

Peter Tippmanns Weg raus aus der SPD hatte mit der Bundespolitik rein gar nichts zu tun. Sein Wiedereintritt bei den Sozialdemokraten schon. Ein Gespräch mit einem Genossen, der in die Partei zurückgekehrt ist und mithelfen will, die SPD wieder zu einer echten Volkspartei zu machen.

Herr Tippmann, Sie haben jetzt wieder ein SPD-Parteibuch. Warum?

Tippmann: Die Nähe zur SPD ist auch in den zwölf Jahren der Nicht-Mitgliedschaft geblieben. Nach der verlorenen Bundestagswahl 2017 sehe ich, dass die Partei von Grund auf erneuert werden muss. Da gibt es gute Ansätze wie mitgliederoffene Parteitage und Vorstandssitzungen, in denen jeder Interessierte mitreden kann, ohne dass er erst zehn Jahre Wahlplakate kleben musste, wie das früher war. Zu dieser Erneuerung möchte ich meinen Teil beitragen.

Warum sind Sie denn im Mai 2005 aus der SPD ausgetreten?

Tippmann: Das hatte rein gar nichts mit der SPD an sich zu tun. Ich war schon als Jugendlicher ein Bewunderer von Willy Brandt und dessen Ostpolitik. Und Helmut Schmidt war der beste Kanzler, den die Bundesrepublik je hatte. Aber 2005 stand ich vor der Entscheidung, als Ortsvorsteher entweder die Interessen Bettenhausens zu vertreten oder mich dem Willen Bertram Hilgens unterzuordnen, der damals als frisch gewählter Oberbürgermeister die SPD in Kassel dominierte. Da blieb nur die Konsequenz des Austritts.

Jetzt ist Hilgen im Ruhestand und Sie sind wieder in der SPD.

Tippmann: Der Grund dafür ist sehr einfach: Bertram Hilgen, der seinerzeit meinen Austritt notwendig machte, hat sich auch aus dem politischen Leben zurückgezogen.

Wie stehen Sie denn zu Kassels neuem Oberbürgermeister, Ihrem Genossen Christian Geselle?

Tippmann: Den finde ich gut. Und zwar schon seit er vor vielen Jahren mal zu uns in den Scheidemann-Kreis kam.

Prognosen sehen die SPD derzeit bei 17 Prozent. Welche Gründe sehen Sie für diesen Niedergang?

Tippmann: Das fing damit an, dass die SPD als führende Regierungspartei Ende der 1990-er Jahre die Mitte und damit auch konservative Kreise als Wähler gewinnen wollte. Und im Wahlkampf 2017 gab die SPD die Oppositionspartei, statt deutlich zu machen, dass die Politik der großen Koalition seit 2013 in vielen Bereichen, die direkt die Menschen betreffen, die Handschrift der SPD trägt. Den totalen Absturz der letzten drei Monate hat die SPD ihrem Führungspersonal zu verdanken, das den Eindruck erweckte, es wolle vor allem die eigenen Pfründe sichern.

Was muss sich ändern, damit die SPD wieder zur Volkspartei werden kann?

Tippmann: Jedem einzelnen Mitglied muss mehr Spielraum gegeben werden, seine Meinung einzubringen. Streitereien gehören nicht in die Öffentlichkeit, sondern Ergebnisse. Und wir müssen wieder die Wähler Mitte-Links für uns gewinnen, vor allem die Arbeitnehmer. Dafür muss der Dialog mit den Gewerkschaften viel, viel enger geführt werden.

Haben Sie denn schon Ihren Brief zum Thema große Koalition an den Parteivorstand abgeschickt?

Tippmann: Ja, der ist schon weg.

Und wie haben Sie abgestimmt?

Tippmann: Mit Ja, ich bin für eine weitere große Koalition. Der Koalitionsvertrag hat eine klare sozialdemokratische Handschrift, die die Konservativen aus purem Machterhalt für Frau Merkel durchgewinkt haben. Diese Chance jetzt zu verspielen, wäre ein Verrat an unseren Wählern. Aber: Wer der SPD aus persönlichen Gründen geschadet hat, darf kein Amt mehr bekommen.

Zur Person: Peter Tippmann (60) stammt aus Kassel. Der Diplom-Ökonom hat in Göttingen und Kassel studiert und arbeitet als Job-Coach in der Erwachsenenbildung. Er ist verheiratet und lebt seit 1984 in Bettenhausen. Seit 1991 SPD-Mitglied, trat er 2005 wegen der stiefmütterlichen Behandlung Bettenhausens aus. Auslöser war damals vor allem die wankelmütige Haltung der Sozialdemokraten zum Ausbau des Industriedenkmals Salzmann zu einem Stadtteilzentrum für Handel und Kultur. Tippmann fand seine neue politische Heimat zunächst in der Werbegemeinschaft Bettenhausen und später bei den Freien Wählern. Von 2001 an war er zehn Jahre lang Ortsvorsteher von Bettenhausen.

Anders als Tippmann machte es ein anderer Kasseler Sozialdemokrat: Lars Ramdohr verließ die Partei unlängst nach über 20 Jahren Mitgliedschaft. Warum, erzählt er im Interview.

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