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Sorgt die documenta dafür, dass die Kasseler ihren Osten endlich entdecken?

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Von: Matthias Lohr

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Idealer Ort für eine kulturelle Nutzung: Die Oberlichtsäle in der ehemaligen Weberei der Kulturfabrik Salzmann. Seit Jahren wird gestritten, wie es mit dem einstigen Industriestandort in Bettenhausen weitergehen kann.
Idealer Ort für eine kulturelle Nutzung: Die Oberlichtsäle in der ehemaligen Weberei der Kulturfabrik Salzmann. Seit Jahren wird gestritten, wie es mit dem einstigen Industriestandort in Bettenhausen weitergehen kann. © Christian Kopetzki

Die documenta fifteen findet auch im Kasseler Osten statt. Welchen Chancen bietet dies für die Stadtteile jenseits der Fulda, die viele Kasseler gar nicht richtig kennen?

Kassel – Kaum einer kennt die Besonderheiten der Stadtteile östlich der Fulda so gut wie Christian Kopetzki. Der 82-Jährige war Professor für Stadtplanung an der Kasseler Uni und hat die Planung der Unterneustadt begleitet. Wir sprachen mit ihm über das Besondere des Kasseler Ostens.

In Ihrem Fotoband „Deutschsein heute“ zeigen Sie unter anderem Deko-Pinguine in einer Straße im Forstfeld. Gibt es für Sie ein typisches Bild des Kasseler Ostens?

Nein, ein einzelnes Bild kann den Kasseler Osten nur schwer darstellen. Dazu sind die Stadtteile zu unterschiedlich. Alle haben ihr eigenes Gepräge. Der Kasseler Osten ist ein hochinteressanter Mikrokosmos, der für viele in der Stadtgesellschaft lange nicht im Fokus der Wahrnehmung war. Erst in den vergangenen Jahren ist er wieder ins Blickfeld gerückt.

Unterhält man sich mit Menschen aus Bettenhausen, sagen die, dass Kasseler von der anderen Seite der Fulda den Osten der Stadt oft gar nicht kennen. Ist der Fluss eine Art Grenze innerhalb der Stadt?

Das kann man durchaus sagen. Die Fulda ist eine Barriere, aber es ist nicht nur der Fluss, sondern der gesamte Bereich um den Platz der Deutschen Einheit. Wegen des Hochwasserschutzes entschied man sich, große Teile nicht zu bebauen. Es entstand eine große Flutmulde. Verlässt man die Unterneustadt, ist man erst einmal im Niemandsland. Da empfängt einen nichts – außer Parkplätze und etwa die Zulassungsstelle. Es fehlt ein attraktives urbanes Umfeld. Neue Einrichtungen wie das umgebaute Hallenbad Ost und das Sandershaus ändern dies langsam. Wenn das ehemalige Salzmann-Gelände endlich umgebaut wird, könnte das eine Attraktion für die ganze Stadt werden.

Leben im Kasseler Osten andere Menschen als in den anderen Stadtteilen?

Am ehesten gibt es noch Ähnlichkeiten mit dem Kasseler Südwesten, wo in Süsterfeld, Helleböhn und im Brückenhof einst ähnliche sozialräumliche Konstellationen herrschten wie in der Erlenfeldsiedlung und der Wohnstadt Waldau. Dort im Erlenfeld sowie in Süsterfeld entstanden ab 1931 Siedlungen für Erwerbslose mit Selbstversorgungsgärten. Heute ist die Siedlung in Süsterfeld sehr verdichtet. Die alten Strukturen erkennt man kaum wieder. Durch Zuzug ist es ein bürgerliches Wohnviertel geworden. Dagegen ist die Erlenfeldsiedlung noch viel näher am Ursprung. Traditionell hat im Kasseler Osten eher die arbeitende Bevölkerung gewohnt. Akademiker gab es hier weniger. Das verwundert nicht angesichts der großen Industriebetriebe in der Nähe. Der ab 1970 entstandene Industriepark Waldau hat das verfestigt.

Inwiefern macht sich das alles in den Wahlergebnissen bemerkbar?

Noch Ende der Siebzigerjahre bestand der Kasseler Osten aus klassischen SPD-Arbeiterbezirken. Später kippte das in Richtung CDU – zum Teil auch wegen der Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion, die sich etwa in Waldau ansiedelten. Heute verzeichnen Bettenhausen, Forstfeld und Waldau bei Wahlen mit Stadtteilen im Norden und Südwesten die höchsten Anteile für die AfD. Sozialstrukturell hat sich also einiges verändert. Das ist durchaus ein Integrationsproblem, auf das die Politik mit Strategien reagieren muss. Gerade wurde ein Projekt zur präventiven Gesundheitsförderung im Kasseler Osten gestartet. Und aus dem Modellprojekt der Bildungsregion Waldau ist die Bildungsregion Kasseler Osten geworden. Das sind richtige und wichtige Initiativen der Stadtpolitik, diese Stadtteile nicht abdriften zu lassen.

An der Leipziger Straße in Bettenhausen sieht man viel Gewerbe und Industrie. Unweit entfernt gibt es an der Losse eine dörfliche Idylle. Wie ungewöhnlich ist diese Mischung?

Das ist sehr ungewöhnlich und total spannend. Ich unternehme oft Spaziergänge durch Bettenhausen, um Fotos zu machen. Es ist der bunteste und chaotischste Stadtteil von Kassel, aber in einem liebenswerten Sinn – auch wenn man als Stadtplaner manchmal denkt: „Hier prallen so viele Dinge aufeinander, das ist ja grauenhaft.“ Auf engstem Raum hat man alles, was man sich vorstellen kann. Es gibt viel Industrie und Gewerbe, interessante Wohnexperimente und den Eichwald, wo bereits vor dem Ersten Weltkrieg eine der ersten Gartenstadtsiedlungen Deutschlands entstand.

Wie groß ist der Nachteil eines Stadtteils, wenn es wie im Forstfeld keinen historischen Kern gibt?

Das ist eindeutig ein Nachteil, aber nicht das einzige Handicap im Forstfeld: Es gibt auch keine historische Identität. Indem man Waldau und Bettenhausen Teile abknapste, entstand hier ein Retortenstadtteil, der seine Identität erst finden musste. Teile des heutigen Forstfelds waren Militärübungsplätze. Nebenan in Waldau befand sich Kassels Flughafen. Zudem war der Kasseler Osten ein Schwerpunkt der Rüstungsindustrie – mit sehr einfachen Arbeiterwohnsiedlungen. All das waren keine guten Entwicklungsvoraussetzungen für einen neuen Stadtteil. Trotzdem hat sich ein beachtenswerter Wohnstadtteil entwickelt, in dem jetzt der Schwerpunkt der Verbesserungen auf Wohnumfeldmaßnahmen und Gemeinschaftsangeboten liegt – baulich und durch gut gestaltete Freiräume.

Die neue Unterneustadt ist eines der jüngsten Kasseler Quartiere, das Sie im Fachbeirat von 1993 bis 2001 aktiv begleitet haben. Finden Sie es gelungen?

Da bin ich natürlich parteiisch, aber ja, ich finde es gelungen. Nicht umsonst wurde die Unterneustadt mehrfach ausgezeichnet. Hier entstanden mit der Wiedergründung nach den Prinzipien der „kritischen Rekonstruktion“ insgesamt drei unterschiedliche Quartiere mit Bezug zum Fluss: Der mittelalterliche Kern wurde durch ein gemischt genutztes Quartier mit vielen innovativen Elementen ersetzt. Das Hafenstraßenquartier wird neben seiner Wohnfunktion eher von kleinen Betrieben, Handwerkern und Dienstleistern genutzt. Und das südliche Blücherstraßenviertel ist von Angestellten und Beamten geprägt. Das alles schafft Lebendigkeit. Der Stadtteil ist wie eine Perlenkette unterschiedlicher Quartiere.

Wo sehen Sie Potenzial?

An den Rändern. Die spannendste Frage ist, was Kassel aus seinem Hafenquartier macht. Bislang ist es eine Ansammlung von Freizeitinfrastruktur und fremd genutzten Hafengewerbegebäuden. Man könnte viel mehr daraus machen.

Inwiefern ist auch Waldau mit seinem Dorfkern, der Wohnstadt und dem Gewerbegebiet ein Stadtteil der Gegensätze?

Hier gibt es eine räumliche und funktionale Trennung nach dem Ideal der klassischen Moderne. In der Wohnstadt wird seit 1963 nur gewohnt. Es gibt dort keinen einzigen Betrieb, abgesehen von dem kleinen Einkaufszentrum. Und im nahen Industriepark wird ausschließlich gearbeitet. Damit ist Waldau das genaue Gegenteil von Bettenhausen, wo sich alles vermischt.

Ungewöhnlich ist auch die Offene Schule Waldau.

Sie ist ein bundesweites Reformprojekt ganz besonderer Prägung. Hier sollen auch besonders Kindern aus benachteiligten Familien Chancen zu einem sozialen Aufstieg gegeben werden. Die seinerzeit von der SPD dominierte Stadtpolitik hat die Schule ganz bewusst in Waldau angesiedelt. Ähnlich war es mit dem Buga-Gelände. Gegen Widerstände hat man das ehemalige Kiesabbaugelände 1981 bewusst dort als Freizeitgelände entwickelt. Es hat eine gesamtstädtische Bedeutung, war aber auch ein Angebot zur Naherholung an die östlichen Stadtteile.

Wird man den Kasseler Osten durch die documenta neu entdecken?

Die documenta wird einiges bewirken. Auch viele Bekannte kennen Einrichtungen wie das Sandershaus und das Hallenbad Ost noch nicht. Das Kunstpublikum aus den westlichen Stadtteilen wird das eine oder andere Mal seinen Fuß in den Osten setzen – vielleicht aber auch nur, um Exotisches mit Reisgerichten an unbekannten Orten zu erleben. Man darf darum auch nicht übertrieben große Hoffnungen haben, dass die documenta der Heilsbringer für den Kasseler Osten wird. Mittelfristig wäre es wichtiger, dass Salzmann endlich zu einem Erfolgsprojekt wird. Es ist ein idealer Ort zum Wohnen und für kulturelle sowie wohnverträgliche gewerbliche Nutzungen.

Haben Sie einen Geheimtipp für unsere Leser?

Einen wunderbaren Eindruck von der Vielfältigkeit des Ostens bekommt man bei einem Spaziergang entlang der Losse. Ganz im Osten hat sie einen sehr landschaftlichen Charakter. Dann taucht sie ein in unterschiedliche städtische Milieus. Es geht an Wohnquartieren, Industrieanlagen und Schrottplätzen vorbei, dem Agathofzentrum nach der Durchquerung des alten idyllischen Dorfkerns sowie den „schlafenden Riesen“ von Salzmann und der Haferkakaofabrik. Im Naturschutzgebiet an der Mündung in die Fulda kann man sogar Eisvögel beobachten. (Matthias Lohr)

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