Handicap als Gabe

Gehörloser verwirklicht Traum vom eigenen Buch

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Verleger und nun auch Autor: Klaus-Peter Hünnerscheidt mit seinem „Störtebeker“ und weiteren Büchern seines Du-Lac-Verlages im heute öffnenden „Druckladen“ in Bettenhausen.

Kassel. Mit „Störtebeker“ hat sich Klaus-Peter Hünnerscheidt den Traum vom eigenen Buch verwirklicht – nach 15 Jahren des Recherchierens und Schreibens.

Freunde und Verwandte hätten schon nicht mehr damit gerechnet. Er aber habe nicht aufgegeben, die Idee nie aus den Augen verloren, sagt der 59-Jährige. Hünnerscheidt ist von Geburt auf einem Ohr taub, auf dem anderen hat er gerade noch zehn Prozent Hörvermögen. Dennoch spricht er gut, muss sich aber sehr konzentrieren und liest von den Lippen ab. Als Hörbehinderter könne er mit anderen schwer kommunizieren, dafür habe er eine starke Vorstellungskraft entwickelt. Visuelle Wahrnehmung setze er im Kopf um. Beim Lesen laufe die Geschichte wie ein Film vor seinen Augen ab.

„Diese Gabe hilft mir beim Schreiben“, berichtet der gelernte Mediengestalter, Drucker-Meister, Verleger, Druck- und Copy-Shop-Betreiber und neuerdings auch Autor. Das Lesen und Schreiben habe für ihn große Bedeutung, er finde Befriedigung darin. Endlich hält der Kasseler seinen mehr als 600 Seiten starken historischen Roman in den Händen. Zur Vereinfachung gab er sich den Autorennamen Klaus Scheidt. Störtebeker und der Norden: „Das hat mich schon immer interessiert.“ Den Ausschlag, ein ein Buch über den legendären Freibeuter zu schreiben, gaben frühere Veröffentlichungen. Sie seien historisch ungenau, stellten den Piraten und Söldner-Hauptmann fälschlicher Weise als Robin Hood dar. Zu Störtebekers Zeiten (Ende des 14./Anfang des 15. Jahrhunderts) habe es weder Kanonen noch Fernrohre gegeben, betont Hünnerscheidt.

Genauigkeit ist für ihn als Hörbehinderten wichtig. Genauigkeit ist ihm auch bei seiner Arbeit wichtig. Auch deshalb enthält sein historischer Roman Fußnoten und einen umfangreichen Anhang. Darin finden sich Personenregister, politische Hintergründe, Landkarten und Stammtafeln, die er selbst erstellt hat. Sein Du-Lac-Verlag, der vier Bücher und die vierteljährlich erscheinende Broschüre „Kassel – Östlich der Fulda“ im Sortiment hat, sei noch im Aufbau. Deshalb brauche er ein zweites Standbein, erklärt Hünnerscheidt. Heute eröffnet er seinen Druck- und Copy-Shop „Der Druckladen“ in der Leipziger Straße 147 in Bettenhausen. In dem Betrieb – unter anderem Namen und anderer Leitung – war der Drucker zuvor schon tätig. Das Schreiben müsse er jetzt leider wieder zurückstellen, bedauert der Neu-Autor. Er habe zwar noch viele Ideen und einen Science-Fiction-Roman in Arbeit, aber es fehle ihm das Geld und die Zeit dafür. Hünnerscheidt: „Deshalb muss meine Kreativität erstmal wieder in die Schublade.“

ZUR PERSON:

Klaus-Peter Hünnerscheidt wurde am 1. Januar 1956 per Notoperation in Kassel geboren. Seit der Geburt ist er auf dem einem Ohr taub, auf dem anderen an Taubheit grenzend schwerhörig. Trotz dieser Behinderung konnte er schon zum Schulstart lesen und schreiben, langweilte sich in der Klasse für Schwerhörige und Sprachgestörte und wechselte ab der 3. Klasse auf eine Regelschule. Ab Klasse 11 konnte er dem Unterricht aber nicht mehr folgen, ging ab und holte das Abi auf der von-Hartungschen-Privatschule in Wilhelmshöhe nach. Nach Versuch eines Studiums begann Hünnerscheidt eine Lehre als Mediengestalter im Presse- und Druckzentrum (Verlag Dierichs). Der Gesellenprüfung folgte der Meisterbrief „Druck“. Klaus-Peter Hünnerscheidt machte sich selbstständig mit der Firma „Der Druckladen“ in der Kohlenstraße. Vor zwei Jahren gründete er den Du-Lac-Verlag in der Helsaer Straße, wo er auch wohnt. Zum 1. September reaktiviert er den Druckladen in der Leipziger Straße 147.

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