FKK jetzt nur mit Aufguss

Kassels Nudisten warten auf den Sommer – derzeit am liebsten in der Sauna

Bettenhausen. Feucht-kalter Nebel steht über dem Campingplatz zwischen Losse und Fischhausweg. Die Wohnwagen sind verrammelt, hier und da ein Plastikstuhl, aber kein Mensch ist zu sehen. Nichts los auf dem FKK-Gelände des Bunds für freie Lebensgestaltung Kassel (BffL).

„Na ja, der Winter ist ja auch nicht unbedingt unsere Zeit“, sagt BffL-Vorsitzender Hartmut Zinn.

Dafür ist es im Vereinsheim mollig warm und Horst Steuernagel, Zinns Vorgänger, hat schon mal die Sauna angeworfen. Eine handvoll Vereinsfreunde sind gekommen, es ist Freitagnachmittag, Saunatag beim BffL – und alle haben viel Zeit mitgebracht.

„Wir lieben es einfach, uns draußen nackt zu bewegen“, sagt Steuernagel. „Und wenn das nicht geht, weil es kalt ist, gehen wir eben in die Sauna.“

Er sagt das so, als wäre das Nacktsein das Normalste auf der Welt. Für Steuernagel und seine Vereinsfreunde ist das auch so. Er weiß aber auch, dass viele Leute Schwierigkeiten mit dem Nacktsein haben, das Problem aber gerne verdrängen. Im Zweifel sind es dann die FKKler, die komisch sind oder sich womöglich anrüchig verhalten.

Vom Arzt bis zum Pfarrer

„Alles Quatsch“, sagt Steuernagel. „Wir laden alle ein, sich unseren Verein mal anzuschauen. Einzige Bedingung: Interessierte sollten gerne nackt sein.“ Rund 220 Mitglieder – vom Arzt bis zum Pfarrer – zähle der BffL aktuell, „wir haben seit Jahren eine konstante Mitgliederzahl“, ergänzt Zinn. Wohl auch wegen des breiten Angebots.

Denn tatsächlich geht es auf dem 30.000 Quadratmeter großen BffL-Gelände nicht nur um das Nacktcampen. „Im Grunde sind wir ein Sportverein“, sagt Steuernagel. „Wir müssen das machen, weil in Deutschland Nacktheit alleine noch nicht als gemeinnützig gilt.“ Gemeinnützigkeit müsse aber gegeben sein, um überhaupt einen Verein gründen zu können. „Das ist typisch deutsch“, sagt Steuernagel. In Holland ginge es in FKK-Vereinen nur ums Nacktsein.

Aber so muss der BffL Kassel eben ein Sportangebot machen, was bei den Mitgliedern aber auch gut ankommt. Tennis, Schwimmen, Boccia und Tischtennis, die Volleyballmannschaft spielt sogar in der Bezirksoberliga, „dann natürlich in Kleidung“, sagt Steuernagel. Provozieren zähle nicht zu den Vereinsinhalten.

FKK im Kräutergarten

Für Gartenfreunde hält der BffL sogar einen Kräuter- und Gemüsegarten bereit. Jeder, der will, kann hier seinen grünen Daumen ausleben. Zudem werden im Sommer viele Familienangebote gemacht. „Im Grunde ist alles so, wie auf einem normalen Campingplatz“, sagt Steuernagel.

Für Cordula Deeke-Zinn hat das Nacktsein sogar eine psychologische Wirkung. Überall in den Medien, sagt sie, werde eine Nacktheit gezeigt, die es in der Realität so kaum gebe. „FKK öffnet einem die Augen und zeigt, was wir für Anpassungszwängen ausgesetzt sind“. Dann wirft auch sie ihre Klamotten über den Stuhl und geht in die Sauna – „bis zum Sommer sind es noch ein paar Monate“, sagt sie.

Hintergrund: Über 100 Jahre Freikörperkultur

Die Freikörperkultur entstand etwa Anfang des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf die zunehmende Tabuisierung der Nacktheit und der wachsenden Enge des städtisch-bürgerlichen Lebens. Ihre Anhänger suchten eine besondere Nähe zur Natur, die durch das Nacktsein besonders betont wurde. So galt Nacktsein als Akt der Befreiung von Zwängen. Freikörperkultur wird auch als Nudismus (nudus = nackt) bezeichnet, der bisweilen Elemente des Naturismus enthält, der sich zusätzlich in einer besonders naturnahen Lebensweise niederschlägt.

Heute wird allgemein von Freikörperkultur (FKK) gesprochen. Dabei geht es in erster Linie um das Nacktsein ohne ideologischen Überbau. Das Nacktsein wird schlicht als Körpergefühl genossen. „Es geht aber auch um Toleranz und Akzeptanz, also um die Anerkennung eines jeden, so, wie er ist“, sagt Hartmut Zinn, Vorsitzender des Bunds für freie Lebensgestaltung (BffL) Kassel.

Von Boris Naumann

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