Silvia Schwarz hat zum zweiten Mal alles verloren

Anwohnerin steht nach Brand in Kassel-Bettenhausen vor dem Nichts

Nicht ist mehr übrig: Silvia Schwarz schaut zwei Tage nach dem Brand aus einem Fenster ihrer Nachbarn auf die Trümmer ihrer völlig zerstörten Wohnung.

Kassel. Silvia Schwarz steht vor dem Nichts. Der Großbrand im Kasseler Stadtteil Bettenhausen hat ihr alles genommen. Am heutigen Sonntag gibt es eine Spendenaktion im Foster's Garden.

„Da war mein Wohnzimmer“, sagt Silvia Schwarz. Sie zeigt auf die Überreste einer Tapete. Stuhlbeine, Regalbretter, Töpfe, Schuhe, ein Lampenschirm – alles, was sie besaß, liegt unter einem Schutthaufen begraben. Auch die Goldfische. Katze Tinka und Hündin Sina hingegen geht es gut. So richtig realisiert hat die 49-Jährige noch nicht, was in der Nacht zu Donnerstag im Hinterhof an der Eichwaldstraße passiert ist. Bei einem Großbrand hat sie ihre Wohnung verloren.

Um die Flammen unter Kontrolle zu bekommen, musste die Feuerwehr eine Halle und die angrenzende Wohnung von Silvia Schwarz mit einem Bagger einreißen. „Es sieht so aus, als wäre ein Panzer durch meine Wohnung gefahren“, sagt Silvia Schwarz. Sie lächelt müde, während sie sich abwesend durch die langen Haare fährt.

Die zierliche Frau kennt das Gefühl, wenn man vor dem Nichts steht. „Ich habe jetzt schon zwei Mal alles verloren“, sagt sie. Und sie erzählt, was sich vor über 30 Jahren, im Sommer 1985, zugetragen hatte: Damals lebte sie mit ihrem damaligen Partner an der Artilleriestraße im Wesertor. Vor dem Haus hatte es eine Schlägerei gegeben, in die ihr späterer Mann verwickelt war. In der Nacht - das Paar war nicht zuhause - wurde die Tür der Wohnung eingetreten und Feuer gelegt. Die Polizei vermutete damals einen Racheakt. „Da hat einer einen Molotowcocktail reingeworfen“, ist sich Schwarz noch heute sicher.

Die Angst, dass so etwas noch mal passiert, war fortan ein ständiger Begleiter. Das Ereignis hatte Silvia Schwarz aus der Bahn geworfen.

Seit 18 Jahren wohnt sie jetzt an der Eichwaldstraße in Bettenhausen – dem Stadtteil, wo sie aufgewachsen ist. Hier kriege sie niemand mehr weg. Freunde, Bekannte und die Hausgemeinschaft will sie nicht verlassen.

Silvia Schwarz hofft, dass der Vermieter ihre Wohnung wieder aufbaut. Bereits in der Brandnacht hat sie mehrfach mit ihm telefoniert. Am nächsten Tag hatte er sich selbst ein Bild vom Ausmaß des Feuers gemacht. „Auch er ist schockiert“, sagt Schwarz.

Im Vorderhaus werden einzelne Zimmer vermietet, da ist Silvia Schwarz jetzt erst mal untergekommen. Zehn Quadratmeter, keine Küche, zur Toilette muss sie durch das Treppenhaus. Aber das ist ihr egal. „Ich bin so froh. Ich brauche meine eigenen vier Wände“, sagt sie. Auch ihr Freund Peter Witte lebt in einem der Apartments in der Eichwaldstraße 75. Viele seiner Sachen waren in der zerstörten Wohnung seiner Freundin. Aber auch er ist froh, dass niemandem etwas passiert ist. Das sei das Wichtigste.

Während Schwarz im Treppenhaus steht, kommen Nachbarn und Freunde vorbei, alle haben etwas für die 49-Jährige eingepackt. „Es ist zwar nicht viel, aber immerhin“, sagt eine Frau. Die Sachen, die Silvia Schwarz trägt, hat sie von einer Bekannten bekommen. Noch nicht mal eine Unterhose besitzt sie mehr. Und auch keine Hausratsversicherung. Die habe sie vor einigen Monaten gekündigt, die Unterlagen für eine neue noch nicht abgegeben.

Überwältigend für das Paar ist die Hilfe von allen Seiten. „Da möchten wir uns bei allen bedanken, die uns in den vergangenen Stunden unterstützt haben. Das ist trotz allem ein tolles Gefühl.“

Seit der Katastrophe hat Silvia Schwarz kaum geschlafen. Wenn sie durch das braune Gartentor in den Innenhof kommt, ist es immer noch da, das gewohnte Gefühl, nach Hause zu kommen. Nur ist von diesem Zuhause nichts mehr übrig.

Möchte helfen: Alberto Jaber vom Foster’s Garden (Mitte) will Silvia Schwarz und Peter Witte mit einer Spendenaktion unterstützen.

Spendenaktion im Foster’s Garden

Einer der Helden der Brandnacht ist Alberto Jaber von der Gaststätte Foster’s Garden. Um 22 Uhr hat er den Laden schließen wollen, dann aber mitbekommen, dass die Anwohner nicht auf der Straße bleiben konnten. Zu dicht war der Rauch. Da hat Jaber die Räume geöffnet. Silvia Schwarz und Peter Witte kennt er schon lange. Deshalb möchte er ihnen jetzt in der Not helfen. Für jeden XXL-Burger, der am heutigen und am nächsten Sonntag, 2. Juli, im Foster’s Garden verspeist wird, spendet er fünf Euro an die Brandopfer. 

Das sagt der Vermieter nach dem Brand in Bettenhausen

„Ich war schockiert, als ich das Ausmaß des Feuers und die Überreste der Wohnung gesehen habe“, sagt der Vermieter aus dem Raum Hersfeld, am Wochenende am Telefon. Bereits in der Nacht hatte ihn Silvia Schwarz, zu der er seit vielen Jahren ein gutes Verhältnis hat, angerufen und ihn über den Brand informiert. Da habe er schnell gemerkt, dass es ernst sei. „Ich bin gleich am nächsten Morgen hingefahren, habe mir selbst ein Bild gemacht und mit den Ermittlern der Polizei gesprochen. Zur Brandursache konnte man aber bislang noch nichts sagen.“ In der Halle auf dem Gelände, das der Hersfelder 1998 gekauft hatte, seien verschiedene Sachen gelagert gewesen, die Bauten alle von der Bauaufsicht genehmigt. „Ich weiß noch nicht, wie es jetzt weitergeht, wenn möglich, würde ich die Wohnung wieder aufbauen."

Das sagt Ortsvorsteher Enrico Schäfer

„Bettenhausen ist ein Stadtteil, in dem Wohnen und Arbeiten eng beieinander liegen. Da gibt es viele kleine Betriebe, auch Hobbybetriebe, die an die Wohnbauten angrenzen. Aber was hier im Hinterhof gebaut wurde, ist schon ungewöhnlich“, sagt Bettenhausens Ortsvorsteher Enrico Schäfer (SPD). „Ich kann nicht ganz glauben, dass diese über die Jahre gewachsene Bebauung auf dem Gelände der früheren Firma Hermann Hunecke den heutigen Brandschutzrichtlinien noch entspricht.“ Normalerweise habe man kaum Einblick in Hinterhöfe, deshalb sei die Situation an der Eichwaldstraße auch für ihn überraschend. „Ich habe nicht, gewusst, dass hier Wohnungen waren“, sagt Schäfer. 

Fotos: Großbrand in Kassel-Bettenhausen: Der Tag danach

Fotos: Großeinsatz wegen Feuer im Kasseler Stadtteil Bettenhausen

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