So lief die Nacht des Brandes im Stadtteil Bettenhausen ab

Reportage zum Großbrand in Kassel: Wenn die Gaststätte ein Schlafsaal wird

Kassel. Das Feuer in Kassel-Bettenhausen brach am Mittwoch gegen 19.30 Uhr aus. Was folgte, war eine große Rettungsaktion. Eine Reportage über eine teils dramatische Nacht, die aber auch eines zeigte: den Zusammenhalt in Zeiten des Unglücks.

19.30 UHR

Mehrere Notrufe gehen bei der Feuerwehr in Kassel ein. In der Eichwaldstraße brennt eine Gartenhütte im Hinterhof, heißt es. „Wir haben noch versucht zu löschen“, sagen Nachbarn. Es sei alles so schnell gegangen. Ein Anwohner berichtet von einem Knall, dann seien Flammen zu sehen gewesen.

21 UHR

Das Feuer ist gelöscht, oder doch nicht? Es gibt zunächst unterschiedliche Meldungen. Aber dann wird klar: Der Brand ist nicht unter Kontrolle. Eine schwarze Rauchsäule steht bald wieder über dem Stadtteil. Überall Blaulicht in den umliegenden Straßen. Schaulustige fahren in ihren Autos durch die Osterholzstraße, mit ihren Handys machen sie Fotos und Videos. Feuerwehren aus der gesamten Region werden nachalarmiert. Anwohner sind auf die Straße gekommen, andere werden von Einsatzkräften aus den Wohnungen geleitet. Die Evakuierung läuft. Manchen fällt das Atmen schwer, sie werden untersucht. Dichter Rauch dringt in die Eichwaldstraße. 

21.30 UHR

Lagebesprechung der Feuerwehr, dann plötzlich Hektik. Die Flammen würden mehr statt weniger, ist zu hören. „Macht es euch bequem, so schnell geht hier erst mal niemand nach Hause“, sagt Oberkommissar Wolfgang Rasch. Er beantwortet im Foster’s Garden Fragen und sorgt sich um die Nöte der Anwohner. 

23 UHR

Packungen voller Gummibärchen liegen auf den Tischen, die Akkus der Smartphones werden aufgeladen. Veli Yavuzkurt ist zurück in die Eichwaldstraße gekommen. Seine Frau und den fünf Wochen alten Sohn hat er zu den Schwiegereltern gebracht, erzählt er. Jetzt wolle er ein paar Sachen holen, genau wie viele andere. Die Einsatzkräfte machen wenig Hoffnung, das Ganze werde noch einige Stunden dauern. 

Versorgen die Anwohner: Alberto Jaber (links), Betreiber des Foster’s Garden und Wolfgang Rasch von der Kasseler Polizei.

0 UHR

Die Eichwaldstraße ist weiträumig abgesperrt. Hinter den Flatterbändern haben sich manche einen Gartenstuhl vor die Haustür gestellt, sie beobachten die Szenerie. Die Szenerie: ein Dutzend Feuerwehrwagen. Vorne, an der Gaststätte Foster’s Garden die mobile Leitstelle. Scheinwerfer beleuchten die Straße. Eine ältere Frau blickt ungläubig aus dem Fenster eines Eckhauses.

0.15 UHR

Der hintere Raum der Gaststätte Foster’s Garden ist längst zu einer Sammelstelle für jene Menschen geworden, die ihre Häuser verlassen mussten und nicht bei Verwandten oder Bekannten untergekommen sind. Auf dem Sofa in der Ecke sitzt in Decken gehüllt eine Frau, zwei Kinder schmiegen sich an sie und schlafen in ihren Armen. Polizist Wolfgang Rasch, mittlerweile durchgeschwitzt, betritt den Raum und sagt: „Es kann noch lange dauern.“ Dem etwas älteren Kind an einem Tisch bietet er sein Mathe-Lernprogramm auf dem Handy an. Der Humor ist noch nicht verraucht. Auf der Leinwand im Hintergrund läuft das RTL-Nachtjournal.

Veli Yavuzkurt

0.30 UHR

Auf der Straße vor dem Foster’s Garden diskutieren die Menschen und teilen ihre Sorgen mit. Die je nach Wind mal mehr, mal weniger stinkende Luft scheint ihnen nichts auszumachen. Die Probleme der Menschen, die derzeit nicht zurück in ihre Wohnung können, sind andere. Silvia Schwarz fragt, was mit ihrer Katze geschehen soll. Tinka, 19 Jahre alt, ein strammes Alter für solch ein Tierchen. Und jetzt das. Tinka ist im Auto, Wolfgang Rasch kümmert sich um eine Box. Denn: „Tinka bleibt bei mir“, sagt Silvia Schwarz.

0.45 UHR

Der Leitende Notarzt erblickt die Menschen von der Zeitung. Er wünscht sich was: „Schreiben Sie bitte etwas sehr Positives über den Mann von Foster’s Garden. Es ist nicht selbstverständlich, was er macht.“ Ist es nicht: Alberto Jaber hat eigentlich schon Feierabend. Aber für ihn ist es selbstverständlich. „Da muss man doch helfen“, sagt er. Viele der Betroffenen kennt er persönlich. 

1 UHR

Einsatzleiter Daniel Kleinschmidt von der Feuerwehr gibt eine erste Stellungnahme zur Situation ab. Er nennt die bisher bekannten Fakten: ein leicht verletzter Feuerwehrmann, der umgeknickt ist, 180 Kräfte im Einsatz, Feuer längst noch nicht unter Kontrolle. Ein Bagger ist angefordert, der ein Gebäude zerstören soll, um an den Brandherd zu gelangen.

1.30 UHR

Katze Tinka ist nun in ihrer Box. Silvia Schwarz schildert auf der Terrasse des Foster’s Garden, wie das für sie alles gewesen ist an diesem Abend. Sie wohnt in unmittelbarer Nähe des Ortes, an dem das Feuer ausgebrochen ist. Von dem Brand erfuhr sie, als sie unterwegs war bei der Schwägerin. Sie eilte schnell zurück nach Bettenhausen, um ihre Tiere zu retten: Tinka und Sina, den Hund, der Spezialnahrung braucht. Da wusste sie noch nicht, dass die Nachbarn die schon Tiere aus der Wohnung befreit hatten. Aufatmen. Aber die Situation sonst? Wenn der Bagger kommt, wird er auch die Wohnung von Silvia Schwarz zerstören – und mit ihr die Wertgegenstände: das neue Sofa, den 60-Zoll-Fernseher, das neue Handy. „Alles weg – plötzlich, aus dem Nichts“, sagt Silvia Schwarz. Auch ihre Tochter Jennifer tröstet sie.

Erleichtert, dass niemandem was passiert ist: Jennifer Schwarz mit Hündin Sina.

1.45 UHR

Horst Thöne steht jetzt auf der Straße. Bis kurz vor elf hat er an der Tankstelle in Dörnhagen gearbeitet. Als er dort an der Bushaltestelle wartete, bekam er einen Anruf und die Information, dass es bei ihm um die Ecke brenne. Horst Thöne trägt noch sein Poloshirt von der Arbeit, er kann nicht in seine Wohnung – nimmt es aber gelassen. Um 14 Uhr am nächsten Tag muss er wieder zur Arbeit. Er hat seinem Chef aber schon eine Whatsapp geschickt, dass daraus wohl nichts werde.

Wo sonst gespeist wird: Mitarbeiter des ASB errichten im Wintergarten des Foster’s Garden an der Eichwaldstraße Feldbetten. Viele der Anwohner sind auch bei Freunden und Verwandten untergekommen. 

2 UHR

Der Arbeiter-Samariter-Bund kommt mit mehreren Fahrzeugen zum Foster’s Garden. Sie bringen die Feldbetten für die Menschen, die sich auf eine lange Nacht jenseits der eigenen vier Wände einstellen müssen. Der Bagger ist schließlich immer noch nicht eingetroffen. Rettungssanitäter Lukas Becker und der Auszubildende Nils Grigan vom ASB in Immenhausen bekommen gleich zu tun. In der Sammelstelle klagt eine Frau über massive Rückenbeschwerden. Drei Bandscheibenvorfälle hat sie in ihrem Leben schon erlitten. Die Anstrengung der Nacht ist ihr anzusehen. Das Problem: Die Medizin liegt in der Wohnung, kein Zugriff. Die Sanitäter bieten ihr an, sie ins Krankenhaus zu bringen. Die Frau sagt: „Auf keinen Fall. Ich bleibe bei meinem Mann.“ Er sitzt im Rollstuhl. Auf der Leinwand im Hintergrund läuft immer noch RTL. Die Bachelorette. Unterhaltung und Ernst liegen manchmal dicht beisammen.

2.30 UHR

Die Sanitäter bauen die Feldbetten auf, im Hintergrund verteilt die Bachelorette Rosen. Planänderung: Die Feldbetten kommen in einen separaten Raum, der abgedunkelt werden kann. Es ist der Wintergarten der Gaststätte, der sich in Windeseile von einem leeren Restaurant in einen vollen Schlafsaal verwandelt. An der Seite steht auf einer Tafel noch das Cocktail-Angebot des Vorabends. 

3 UHR

Der angeforderte Bagger ist immer noch nicht da. Aber die Lage am Foster’s Garden beruhigt sich mehr und mehr. Silvia Schwarz steht nun draußen, sie raucht – in der Hand hält sie eine Decke, die sie um ihren Körper gelegt hat. Es ist jetzt doch etwas kühler geworden in dieser so lauen Sommernacht. Schwarz sagt: „Unsere Wohnung sollte in den nächsten Tagen umgerüstet werden auf Fernwärme. Die haben wir jetzt schon.“ Und dann: „Ich hatte den ganzen Tag schon eine Ahnung, dass heute etwas passiert.“

Fotos zum Brand und wie es dort am Folgetag aussah, finden Sie hier. 

Rubriklistenbild: © Hedler

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