Reste der Haferkakao-Fabrik: In Kassel wurden Würfel für Getränke hergestellt

Immer noch ein stolzes Gebäude: Die ehemalige Haferkakaofabrik steht in Bettenhausen. Die Raiffeisen Warenzentrale als Eigentümer will sie gern verkaufen. Foto: Koch

Mit einer neuen Serie beleuchten wir historische Standorte von Industrie und Gewerbe in Kassel. Vor 100 Jahren war zum Beispiel der Haferkakao aus Kassel jedem Kind ein Begriff.

Mit dem Ende der Produktion 1954 verlor der Standort in Bettenhausen an Bedeutung.

Lexikonwissen:

Die Haferkakao-Fabrik im Regiowiki

Das hohe Ziegelgebäude an der Sandershäuser Straße in Bettenhausen sieht man schon von Weitem. Hier hat man früher ein Produkt hergestellt, das in Kassel erfunden und sogar patentiert wurde. Der 31. Oktober 1898 gilt als Gründungsdatum der Haferkakao-Fabrik an der damaligen Sandershäuser Landstraße 134. Doch was wurde da eigentlich hergestellt? Der Haferkakao als löslicher Getränkewürfel war eine Erfindung von Jean Berlit, der ein Kolonialwarengeschäft betrieb. Berlit wollte den Nährwert des Kakaos steigern und mischte ihm Hafer bei. In die Produktion größerer Mengen stieg der Kasseler Kaufmann Alexander Hausen ein.

Doch ohne eine geschickte Vermarktung funktionierte so eine Geschäftsidee auch vor über 100 Jahren nicht. Ein Arzt bescheinigte die gesundheitsfördernde Wirkung. Und im Gegensatz zum üblichen Pulver wurde der Haferkakao in kleine Würfel gepresst. Jeder von ihnen reichte für eine große Tasse und war in Staniol eingewickelt. In einem blauen Karton verpackt, wurde der Haferkakao in hübschen Holzkisten vertrieben. Wegen der farbigen Abbildungen im Deckel sind diese Kisten bis heute bei Sammlern beliebt.

Wer sich die heruntergekommenen Reste der ehemaligen Haferkakao-Fabrik ansieht, kann kaum glauben, dass hier einmal fast 500 Menschen gearbeitet haben. Neben dem ursprünglichen Fabrikgebäude wurden im Lauf der Jahrzehnte auf dem Gelände weitere Produktionsstätten und Lagerhallen gebaut. Während des Zweiten Weltkriegs haben hier Hunderte von Menschen große Mengen an Suppenkonserven für die Wehrmacht hergestellt. Auch Haferprodukte für die Zivilbevölkerung kamen aus Bettenhausen. Das Firmengelände wurde im Zweiten Weltkrieg zwar schwer beschädigt. Trotzdem ging der Betrieb 1949 für wenige Jahre weiter. Je besser die Versorgungslage im Nachkriegsdeutschland wurde, um so schlechter verkauften sich der Haferkakao und andere Produkte der Fabrik. Die Verluste wurden immer größer, 1954 musste die Fabrik schließen.

Immer wieder gab es Versuche, die Gebäude als Lagerhallen oder auch vorübergehend für Künstler zu nutzen. Über Jahrzehnte ist es aber nicht gelungen, dieses Denkmal der Industriekultur mit Leben zu füllen. Ganz in Gegenteil. Vor vier Jahren musste ein großer Gebäudeteil abgerissen werden. Vom Keller bis zu den Holzbalken der Decke hatte sich Hausschwamm gebildet.

Diese Gefahr besteht nach Angaben der Raiffeisen-Warenzentrale Kurhessen-Thüringen als Eigentümer für den noch vorhandenen Rest der Haferkakao-Fabrik nicht. Man kümmere sich um den Erhalt, sagt Raiffeisen-Geschäftsführer Markus Braun. Mittelfristiges Ziel sei es, das gesamte Gelände an einen Investor zu verkaufen. Hier könnten ähnlich wie bei Salzmann Wohnungen entstehen.

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