Erst kurz vor dem Aus skeptisch geworden

Rossings Salzmann-Projekt: Zweifel kamen Hilgen erst spät

Kassel. Nach dem Scheitern der Umbaupläne verkommt die ehemalige Salzmannfabrik in Bettenhausen zur Ruine. Wir wollten von Oberbürgermeister Bertram Hilgen wissen, wann er von den Finanzierungsproblemen des Eigentümers Dennis Rossing wusste:

Video: So sieht es in der alten Fabrik aus

Im April 2013 kam das Aus für ein Technisches Rathaus in der früheren Salzmannfabrik in Bettenhausen. Der Eigentümer und Projektentwickler Dennis Rossing (Rosco-Gruppe aus Bad Hersfeld) war vom Mietvertrag mit der Stadt zurückgetreten. Vor gut drei Wochen hatte der Architekt des Projekts, Hans-Uwe Schultze, im HNA-Gespräch geäußert, dass er lange vor dem offiziellen Scheitern Bedenken hatte, was eine Realisierung angeht. Rossing habe Architektenhonorare irgendwann nicht mehr beglichen.

Deshalb wollten wir von Oberbürgermeister Hilgen wissen, warum er nicht früher misstrauisch wurde – zumal er den Architekten Schultze persönlich kennt. Die Fragen hatten wir vor Weihnachten gestellt, jetzt hat er geantwortet.

Wann war für Sie klar, dass das Projekt scheitert? 

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Hilgen: „Ziel der Stadt war die Einrichtung eines Technischen Rathauses, womit die Stadt einen Beitrag zur Entwicklung des Kasseler Ostens leisten wollte. Die Stadt selbst hat bis zum 29. April, als Rossing vom Mietvertrag zurücktrat, ernsthaft und intensiv an der Umsetzung des Vertrages und der Realisierung unter Berücksichtigung der jeweiligen Sachlage gearbeitet. Dabei war, wie auch bei anderen Vorhaben, immer auch ein Projektrisiko vorhanden, wenn zum Beispiel die erforderliche Finanzierung nicht zustande kommen würde.“

• Zudem erklärte ein Stadtsprecher: „Einen konkreten Grund anzunehmen, dass die Rosco-Gruppe das Salzmann-Projekt nicht wie geplant würde realisieren können, gab es Ende März 2013, als der Investor zunächst um eine Verlängerung seiner Option zum Rücktritt vom Vertrag bat.“

Also war Ihnen klar, dass die Realisierung allein von Bankzusagen abhängen würde?

Hilgen: „Zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses gingen Stadtbaurat Christof Nolda und ich davon aus, dass zur Realisierung des Salzmann-Umbaus durch den Investor eine Bankfinanzierung erforderlich war und mit Abschluss des Mietvertrags durch die Stadt verhandelbar war. Zweifel daran, dass Herr Rossing im Falle einer Finanzierungszusage einer Bank das Projekt realisieren und die begonnenen Arbeiten fortsetzen lassen würde, bestanden nicht. Diese Einschätzung teilte meiner Kenntnis nach der Architekt Hans-Uwe Schultze ausdrücklich, der das Salzmann-Projekt für den Investor Dennis Rossing betreute.“

Warum sprachen Sie sich auch nach dem Scheitern des Projekts im Mai 2013 für einen fairen Umgang mit dem Eigentümer Rossing aus?

• Zu dieser Frage äußerte sich Hilgen nicht persönlich, ein Stadtsprecher erklärte aber: „Rossing war zu diesem Zeitpunkt vom Vorsitzenden der CDU-Fraktion als „lahmer Gaul“ bezeichnet worden. Dabei ging es nicht um eine Bewertung von dessen Rolle im Salzmann-Projekt, sondern um eine hohe Bürgschaft für die Anmietung der Eissporthalle und damit letztlich um die Zukunft der Huskies.“

Warum ließen Sie unsere Fragen lange unbeantwortet?

Hilgen: „Die von der HNA deklarierte Dringlichkeit, mehr als sechs Monate zurückliegende Vorgänge in der Weihnachtszeit und aus dem Urlaub heraus zu kommentieren, habe ich aus guten Gründen nicht geteilt.“

Video: Stammheim - Salzmanns Techno-Club

Das sagt der Denkmalschutz

„Vandalismus ist Tür und Tor geöffnet“

• Landesdenkmalpfleger Dr. Peer Zietz hat sich ein Bild vom Zustand der Salzmannfabrik gemacht. Auf HNA-Anfrage schildert er seine Eindrücke: „Es sind viele Türen und Fenster herausgerissen. Vandalismus ist so Tür und Tor geöffnet. Das Gebäude ist in einem schlechten Zustand und völlig ungesichert.“ Bei der Salzmannfabrik handele es sich um ein „hochkarätiges Industriedenkmal“, dessen Zustand nicht besser werde, wenn nichts passiere. Wie leicht zugänglich die Fabrik ist, konnte Dr. Zietz selbst beobachten. Bei der Begehung seien Personen angetroffen worden, „die nichts in dem Gebäude zu suchen hatten“.

• Die Denkmalschutzbehörde der Stadt hat speziell am rückwärtigen Westflügel folgende Schäden festgestellt: Zerbrochene Fenster, ausgebaute Türen, beschädigte Dachverglasung, offene Mauerdurchbrüche. Welche Konsequenzen aus diesen Feststellungen zu ziehen sind, werde derzeit geprüft. (bal)

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