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Second Hand nicht nur fürs Bauen: Kassel bekommt Materialbörse

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Von: Matthias Lohr

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Möglicher Standort für Baustoff- und Materialbörse: Das Raiffeisen-Gelände mit der ehemaligen Haferkakaofabrik in Bettenhausen lockte im Sommer zahlreiche documenta-Besucher an. Archi
Möglicher Standort für Baustoff- und Materialbörse: Das Raiffeisen-Gelände mit der ehemaligen Haferkakaofabrik in Bettenhausen lockte im Sommer zahlreiche documenta-Besucher an. Archi © Andreas Fischer

Nicht nur beim Bauen wird so viel weggeschmissen. Nach dem Vorbild anderer Städte soll in Kassel nun eine Baustoff- und Materialbörse entstehen. Die Idee kommt aus dem Klimaschutzrat.

Kassel – Als sich die Bauingenieurin Eva Koch 1997 selbstständig machte, hatte sie einen Traum. „Ich hatte den Traum einer eigenen Bauteilbörse“, sagte die Grünen-Stadtverordnete am Montagabend im Stadtparlament. Schon vor 25 Jahren hatte sie sich gewünscht, dass „alle Bauteile auf Wiederverwertbarkeit“ geprüft werden sollten. Ein Vierteljahrhundert später wird Kochs Traum wahr.

Einstimmig verabschiedete das Stadtparlament einen Antrag der Linken, demzufolge der Magistrat eine Baustoff- und Materialbörse aufbauen soll. Selten waren sich die Stadtverordneten bei einem Thema so einig. Es ist ja auch eine gute Idee, die jedem sofort einleuchtet. Diese Erfahrung machte auch Holger Augustin (CDU). Erst am Montag hatte der Polizist auf dem Gelände der Bereitschaftspolizei gesehen, wie „völlig intakte Fenster in den Container geschmissen wurden. Die hätte man noch gebrauchen können.“

Die Baustoff- und Materialbörse funktioniert wie ein Second-Hand-Laden für Klamotten – nur dass man hier noch viel mehr einsparen kann. Violetta Bock (Linke) betonte, dass der Bausektor „einen der ressourcenintensivsten Wirtschaftsbereiche“ darstelle. Durch die Börse „werden Energie- und Rohstoffverbrauch eingespart, Abfälle vermieden und Treibhausgasemissionen reduziert“. So könnten durch die Wiederverwendung des Pflasters auf dem etwa 13 000 Quadratmeter großen Königsplatz 325 Tonnen CO2-Äquivalente eingespart werden.

Diese Rechnung stammt aus dem Klimaschutzrat, der die Baustoff- und Materialbörse empfohlen hatte. Für Bock zeigt dies einmal mehr, wie gut der Austausch in dem Rat und dessen Themenwerkstätten funktioniere. Eingerichtet worden war das Gremium, damit Kassel bis 2030 klimaneutral werden kann.

Offen ist noch, wo die Baustoff- und Materialbörse entstehen soll. Die Linken haben dafür die Haferkakaofabrik in Bettenhausen vorgeschlagen. Auf dem Raiffeisen-Gelände zwischen Sandershaus und Losse hatte während der documenta das Zukunftsdorf sein Zuhause. Auch für Jens Steuber, der die Initiative Materialverteilung mitgegründet hat, wäre es der ideale Standort, weil die ehemalige Fabrik direkt neben dem Recyclinghof liegt. Aber auch eine dezentrale Lösung mit mehreren Standorten könnte gut sein. Laut Beschluss soll die Standortsuche spätestens 2023 beginnen.

Steuber freut sich auf jeden Fall, dass Kassel nun anderen Städten wie Bremen und Hamburg folgt, wo es vergleichbare Einrichtungen schon lange gibt: „Überall wird so viel weggeschmissen. Mit einer Materialbörse wird eine Verbindung hergestellt zwischen denen, die zu viel haben, und denen, die etwas brauchen, es gibt ein digitales Netzwerk mit Lagerstätte.“

Sollte die Baustoff- und Materialbörse einmal in der Haferkakaofabrik eröffnen, würde dies auch das Quartier beleben. Schon vor der Entscheidung vom Montag hatte Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne) gegenüber der HNA erklärt, dass man mit Eigentümern und Nutzern ein städtebauliches Konzept für das Areal entwickele: „Geplant ist eine gewerbliche Entwicklung, ergänzt durch urbane Quartiere, eine Fuß- und Radwegeverbindung, die eine Durchlässigkeit ermöglicht sowie Freiflächen und Begegnungsräume.“ Mit dem Investor will er im kommenden Jahr über erste Entwürfe informieren.

Es wird also aller Voraussicht nach nicht 25 Jahre dauern, bis sich etwas tut. SPD-Chef Ron-Hendrik Hechelmann hatte im Stadtparlament gesagt, dass sich die Grünen mit den Punkten aus dem Sondierungspapier einer möglichen Jamaika-Koalition mit CDU und FDP hoffentlich nicht so lang Zeit lassen, wie es brauchte, bis aus Kochs Traum einer Materialbörse Wirklichkeit wird. (Matthias Lohr)

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