Vielfältige Klänge im Beton

Hochbunker in Bettenhausen wird künftig als Musikzentrum genutzt

Babylon-Musikbunker am Dormannweg in Kassel Bettenhausen
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Vor dem neuen Babylon-Musikbunker am Dormannweg: Stadtbaurat Christof Nolda (von links), Susanne Völker, Klaus Macpolowski und Thilo Trumpoldt (Rockbüro) sowie der Bremer Investor Rainer Mielke.

An Türen hängen Zettel mit der Aufschrift „vergeben“ oder „reserviert“. Thilo Trumpoldt vom Verein Rockbüro sagt über den „Babylon-Musikbunker“ am Dormannweg in Bettenhausen: „Der Bedarf ist da.“

Der Umbau des Betonklotzes in 70 Proberäume für Musiker ist fast abgeschlossen, für die Hälfte gibt es bereits Interessenten. Jetzt wurde der bislang so hermetisch abgeschlossene ehemalige Zivilschutzbunker vorgestellt. Ab August wird er sich öffnen, den Stadtteil beleben.

Babylon-Bunker, da klingt das sprichwörtliche Sprachengewirr des biblischen Turmbaus an. Gemeint ist eher die Vielfalt musikalischer Stile und Strömungen, deren Fans sich willkommen fühlen sollen. An der Namensfindung war das Kasseler Büro Krastev + Krastev beteiligt, dessen Logo-Entwurf den Grundriss des Gebäudes aufgenommen hat.

Die Investoren, die den Bunker aus den 1930er-Jahren vor vier Jahren gekauft und den 15-monatigen Umbau geplant haben, kommen aus Bremen. „Bunker sind unser Programm“, sagt Rainer Mielke. Mit seinem Architektenkollegen Claus Freudenberg hat er jetzt das zwölfte solcher NS-Gebäude für eine andere Nutzung umgebaut, seit die Bunker in den 1990er-Jahren aus dem Zivilschutz entlassen wurden. Auf die Frage nach den Kosten für das Kasseler Projekt sagt Investor Mielke: „1,5 Millionen Euro sind dafür erforderlich.“

Mielke sieht das Musikprobenzentrum durchaus auch als „Mahnmal gegen den Faschismus“. Man müsse sich immer klarmachen, dass „die Dinger nicht von Freiwilligen gebaut“, sondern dass auch Zwangsarbeiter eingesetzt wurden.

Der Bunker am Dormannweg – einer von sechs solchen Hochbunkern in Kassel – war noch in den 1980ern zum Schutz vor Angriffen mit ABC-Waffen modernisiert worden. Von der funktionierenden Belüftungsanlage profitierten die Architekten beim neuerlichen Umbau, der Brandschutzauflagen berücksichtigte sowie ein Tonstudio, sanitäre Anlagen und einen Fahrstuhl beinhaltete. Die Ausweitung des Strom-Netzanschlusses wurde mit Städetbaufördermitteln finanziert. Jeder Raum hat nun einen eigenen Stromzähler. Im Sommer sei die Temperatur stets äußerst angenehm, versichert Thilo Trumpoldt, in der kalten Jahreszeit („es wird nie kälter als acht Grad“) ermöglichen Heizlüfter die Nutzung.

Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) vermarktet ehemalige Bunker mit ihren bis zu zwei Meter dicken Betonwänden. Das Kulturamt der Stadt Kassel stellte den Kontakt zwischen den Bremer Interessenten und dem 1993 gegründeten Rockbüro her, der mit dem Bandcontest einen jährlichen Nachwuchswettbewerb ausrichtet und jetzt mit 180 Musikern aus dem Bunker Agathofstraße an den Dormannweg umzieht – nur wenige Schritte von der Tramhaltestelle Leipziger Platz entfernt. „Wir freuen uns total“, sagt Trumpoldt.

„Buntes Leben in starkem Beton“ erwartet Stadtbaurat Christof Nolda, der froh ist, dass jetzt eine „Problemimmobilie in Schwung kommt“. Auch Kulturdezernentin Susanne Völker hebt die Bereicherung für die Musikszene wie für den Stadtteil hervor. Denn der Musikbunker bietet auf 1200 Quadratmetern Nutzfläche nicht nur Proberäume, in denen Bands auch mitten in der Nacht die Bässe hochdrehen können, sondern auch einen 99 Quadratmeter großen Präsentationsraum, der sich für kleinere Auftritte eignet – etwa als Testlauf vor Tourneen.

Insgesamt könnten sicher 300 Profis und Hobbymusiker die Räume nutzen, vom Cellisten oder Trompeter bis zur Metalband, sagt Trumpoldt – auch, indem sie sich Räume teilen: „Musiker sind eigentlich immer sehr solidarisch.“ Und wenn der Schall doch mal vom einen in den nächsten Raum übertragen wird? „Dann spielt man eben etwas lauter“, sagt Mielke, der selbst mal Musik gemacht hat und über seinen Partner Rockbüro sagt: „Wir sind auf einer Wellenlänge.“

Kontakt: mail@rockbuero-kassel.de

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