Bewährung für Brüder

Urteil im Prozess um Attacke vor Nordstadt-Supermarkt

Kassel. Den Schuldspruch stützte das Kasseler Amtsgericht nur auf die letzten Sekunden einer komplexen Kampfsituation. Auf jene wenigen Momente am 28. Juni 2010 nahe einem Supermarkt in der Nordstadt, in denen der Nebenkläger blutend am Boden lag und definitiv keine Pistole mehr in Händen hielt.

Während die angeklagten Brüder ihn dennoch weiter attackierten

„Das ist das Einzige, was feststeht“, sagte Richter Henning Leyhe. Und dafür seien die zwei Kasseler, beide Anfang 30, wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung zu verurteilen. Gegen den älteren Bruder wurde eine Freiheitsstrafe von eineinhalb Jahren verhängt und zur Bewährung ausgesetzt. Zudem soll er 1200 Euro Geldbuße zahlen. Ihn hatte die Polizei erst vom Nebenkläger wegziehen müssen, dem er gerade mit bloßen Füßen ins Gesicht trat.

Sein jüngerer Bruder wurde zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und vier Monaten verurteilt. Er soll 1500 Euro Geldbuße zahlen. Ihm hatte der Nebenkläger an jenem Juniabend den Oberschenkel durchschossen, er ließ aber früher von dem entwaffneten Schützen ab.

Bei allem, was sich bis kurz vor Eintreffen der Polizei ereignet hatte, schloss das Gericht ein berechtigtes Handeln der Angeklagten nicht aus. In diese Richtung hatten die Verteidiger vehement plädiert.

Der Nebenkläger habe den älteren Bruder, der mit seiner hochschwangeren Frau und seinem Kind im Supermarkt einkaufte, mit einer scharfen Schusswaffe bedroht, betonte Rechtsanwalt Marcus Mauermann, der den jüngeren Bruder vertrat. Dann habe der Nebenkläger in das Auto gefeuert, in dem sein Mandant saß: „Das ist als Gefährdungslage nicht zu übertreffen.“

„Jeder darf einen Straftäter festhalten, bis die Polizei da ist“, betonte Rechtsanwalt Werner Momberg: Sein Mandant, der ältere Bruder, habe gesehen, wie der Nebenkläger ins Auto schoss und wegrannte. Dann die Verfolgung aufzunehmen, sei vielleicht Wahnsinn. Aber bis der Mann „die Knarre“ fallen ließ, seien alle Schläge der Angeklagten durch Notwehr gerechtfertigt gewesen – selbst solche mit Axt oder Teleskopschlagstock.

Dass sie solche Objekte eingesetzt hatten, hatten beide Brüder am letzten Verhandlungstag noch bestätigt. Der Nebenkläger beschäftigte sich während ihrer Aussagen mit dem Bau eines Papierfliegers. Er sitzt wegen der Schüsse eine lange Haftstrafe ab – beharrt aber darauf, zuallererst habe ihn der jüngere Bruder mit dem Auto überfahren wollen.

Unter der Gewalt der Angeklagten hatte er später zwei Zähne eingebüßt, etliche Kopfverletzungen erlitten und ein Stück Finger verloren.

Beide Brüder arbeiten in der Türsteher-Szene. Damit habe der Fall vor dem Supermarkt aber nichts zu tun, befand das Gericht: „Das war mehr oder weniger persönlich.“

Von Katja Schmidt

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