Amtsgericht lässt Milde walten - 34-Jähriger muss 200 Stunden Sozialarbeit leisten

Bewährung für Drogenhändler

Kassel. Ehrliche Arbeit soll er leisten? Und gleich 200 Stunden davon? Das hatte sich der Angeklagte wohl anders vorgestellt. Er zögerte eine Weile, das Urteil zu akzeptieren und auf eine Berufung zu verzichten. Sein Verteidiger hatte ihm mehrfach zugeflüstert: „Wir nehmen an. Annehmen!“ Denn für den vorgeworfenen Drogenhandel hätte der 34-jährige Kasseler auch hinter Gitter kommen können. Staatsanwalt Karl-Heinz Ernst hatte zweieinhalb Jahre Gefängnis gefordert. Das Amtsgericht beließ es schließlich bei einer zweijährigen Bewährungsstrafe und der Arbeitsauflage.

Der Beschuldigte war im November 2011 von einer Polizeistreife kontrolliert worden. Im Kofferraum seines Autos fanden die Beamten zwei Kilogramm Marihuana und bei einer Wohnungsdurchsuchung noch einmal knapp 300 Gramm im Kochtopf versteckt. In der Kaffeemaschine hatte er außerdem 40 Gramm Kokain gebunkert. „Bei der Menge kann von Eigenbedarf nun wirklich keine Rede mehr sein. Das war zum Verkauf gedacht“, schlussfolgerte Staatsanwalt Ernst.

Viele Möglichkeiten, sich herauszuwinden, hatte der Angeklagte nicht. Die Beweislast drückte zu schwer. Er gestand den Vorwurf größtenteils ein. Jedoch habe er nicht selbst damit gehandelt, sondern sei nur der „Kurier für andere“ gewesen. „Ich war in finanziellen Schwierigkeiten und habe mich zu dieser Dummheit überreden lassen.“ Er habe das Marihuana, das bei ihm im Auto gefunden wurde, in Düsseldorf von einem flüchtigen Bekannten erhalten und nach Göttingen zu einem Abnehmer schaffen sollen. 1000 Euro seien ihm von den Hintermännern für die Serviceleistung versprochen worden. „Unglaubwürdig. Das ist viel zu viel Geld“, sagte der Staatsanwalt und auch Richter Klaus Döll glaubte den angeblichen Fahrerlohn nicht: „Wir kennen die üblichen Preise.“

Ebenfalls Zweifel hatten das Gericht und Staatsanwalt bei der Geschichte, die der Angeklagte über das Marihuana im Kochtopf und das Koks im Kaffeefilter erzählte: Den Stoff habe er nur gelagert. Es habe einmal ein Treffen zwischen Lieferant und Abnehmer in seiner Wohnung stattgefunden. „Es hat Streit zwischen den beiden gegeben“, und weil der Lieferant mit dem Zeug nicht habe zurückfahren wollen, „hat er es bei mir gelassen“.

Staatsanwalt Ernst war überzeugt, dass der Angeklagte auf eigene Rechnung gehandelt hat. Indiz sei das Drogenlager in der Wohnung. „Die Fahrt nach Düsseldorf diente dem Zweck, Nachschub zu besorgen.“ Und da der 34-Jährige auch nichts dazu beigetragen habe, die angeblichen Hintermänner dingfest zu machen, wollte er den Angeklagten hinter Gitter bringen. Das Gericht ließ dann doch Milde walten, da der Mann bisher keinerlei Vorstrafen hatte. Und trotz der Verpflichtung zur gemeinnützigen Arbeit rang sich der Angeklagte durch, das Urteil anzunehmen. Nur leider der Staatsanwalt nicht: Ernst behielt sich vor, den Fall doch noch einmal in einem Berufungsprozess aufzurollen. (cal)

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