Gericht hält gezielte Schnitte für nicht bewiesen - Verurteilte Frauen kamen nach U-Haft auf freien Fuß

Bewährung nach „Hurenschnitt“

Kassel. Den seltsamen Begriff aus der Anklage hielt Richter Volker Mütze gestern außen vor: „Hurenschnitt“. Gerade hat die 6. Strafkammer unter seinem Vorsitz zwei 24- und 25-jährige Frauen der gefährlichen Körperverletzung an einer anderen jungen Frau schuldig gesprochen. Einen 21-Jährigen hat sie wegen Beihilfe verurteilt. Sowohl die einjährige Jugendstrafe als auch die Freiheitsstrafen der beiden Frauen hat sie zur Bewährung ausgesetzt. Jetzt begründet Mütze das Urteil - und findet es passender, von „Schnitt im Gesicht“ zu reden.

Die Frage sei gewesen, ob der Geschädigten diese Verletzung gezielt zugefügt werden sollte, um sie dauerhaft zu entstellen. Das Gericht hält dies - und damit eine schwere Körperverletzung - für nicht erwiesen. Mütze erinnert daran, dass es vier Versionen der Tat gebe, die sich am 19. Oktober 2011 in einer Kasseler Ferienwohnung ereignete: je eine pro Angeklagter und Angeklagtem und eine vierte der Geschädigten. Eine Familienfront und „offene Feindlichkeiten“ hätten der Aufklärung Grenzen gesetzt.

Jeder und jede der jungen Leute auf der Anklagebank habe ein bestimmtes Motiv gehabt, „frühmorgens zweieinhalb Stunden nach Kassel zu fahren und hier eine Wohnung zu überfallen“, betont der Richter. Die 25-Jährige habe den Partner der Geschädigten zurückgewinnen wollen, der jahrelang ihr Lebensgefährte gewesen war. Doch auch in der Familie der beiden anderen Angeklagten, die Geschwister dieses Mannes sind, habe es Widerstände gegen das Opfer gegeben - und Prügel seien dort nicht gerade unüblich.

Geplante und ausgeführte Schläge hatten beide angeklagten Frauen zugegeben. Der 21-Jährige habe dies billigend in Kauf genommen, befand die Kammer. Sie hielt es aber für möglich, dass kein Schnitt ins Gesicht geplant war, sondern ein Stutzen der Haare - auch dazu gab es Aussagen beider Frauen. Die Wunden, etwa ein weiterer Schnitt hinterm Ohr, zeigten einen Messereinsatz am Kopf, aber nicht definitiv einen im Gesicht, so Mütze. Schnitte an Arm und Fingern seien Abwehrverletzungen.

Das stärkere Motiv für diesen Messereinsatz sah die Kammer bei der 25-Jährigen. Sie hatte auch gestanden, von einem Messer gewusst zu haben. Das wurde als Billigung gewertet und eine Freiheitsstrafe von eineinhalb Jahren verhängt.

Die 24-Jährige wurde zu einer Gesamtstrafe von einem Jahr und zwei Wochen verurteilt. Beide kamen gestern auf freien Fuß. Zuvor hatten sie rund sechs Monate in Untersuchungshaft gesessen. Das Gericht erwartet, dass diese Erfahrung sie von weiteren Straftaten abschreckt. Der 21-Jährige muss 100 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten.

Plastische Chirurgie

Dauerhaft erheblich entstellend würden die Schnitte auf einer Wange und an der Oberlippe der Geschädigten nicht sein, hielt das Gericht fest. Das sei der jungen Frau selbst zu verdanken - die die Folgen der Schnitte durch eine Operation mildern lassen will.

Von Katja Schmidt

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