Amtsgericht verurteilt 21-Jährigen, der seinen Kumpel bestohlen und Polizisten bedroht hat

Bewährung für „Riesentheater“

Kassel. Nach genau 27 Minuten war’s schon wieder vorbei. Die Anklage verlesen, die Zeugen gehört, das Urteil gefällt. Und der Angeklagte mit einer fünfmonatigen Bewährungsstrafe wegen Diebstahls und Widerstands gegen Polizeibeamte wieder nach Hause geschickt. Noch im Gerichtssaal nahm der 21-Jährige die Entscheidung an. Punkt, aus, alles erledigt.

„Das stimmt, was ich da durchgelesen habe“, hatte der junge Mann gleich zu Beginn seines Prozesses am Freitag vor dem Amtsgericht erklärt. Was er meinte, war die Anklageschrift. Und darin war ihm vorgeworfen worden, im Dezember 2009 einen Freund bestohlen zu haben. In einem polizeibekannten Haus in Bettenhausen hatte er den Mann besucht – und in einem vermeintlich unbeobachteten Moment dessen Handy und MP3-Player eingesteckt. Wie viel die beiden Geräte wohl wert gewesen seien, will das Gericht von ihm wissen. „Ich weiß nicht“, druckst der Mann. „Teuer ...“ „Sie haben nichts“, rügte Richter Römer, „und haben einem etwas weggenommen, der auch nichts hatte.“

Der Angeklagte, der auf die Frage nach seinem Beruf mit „Hartz IV“ antwortete, war in jener Nacht äußerst hartnäckig geblieben. Er hatte sich stur geweigert, seine Beute wieder herauszugeben – sogar dann noch, als sein Kumpel schließlich die Polizei rief. Obwohl das Handy ein Foto des eigentlichen Besitzers zeigte, behauptete der 21-Jährige, dass es seines sei.

Und als die Beamten seine Personalien aufnehmen wollten, machte er „ein Riesentheater“, wie sich einer der beteiligten Streifenpolizisten im Zeugenstand erinnerte. Der junge Mann trat und schlug und schimpfte – und ließ seine Tiraden in wüsten Drohungen gipfeln: „Ich kenne Leute im Knast, die euch kaltmachen“, warf er den Beamten an den Kopf. „Ich lasse euch von meinem Bruder erschießen.“ Dabei hat der 21-Jährige, wie er vor Gericht erzählte, überhaupt keinen Bruder, sondern zwei Schwestern.

Zu viel getrunken

„Ich hatte zu viel getrunken“, versuchte er, das alles zu erklären. „Ich hatte schon früher Probleme mit Alkohol.“ Was wohl stimmt: 2,41 Promille wurden nach seiner Festnahme bei ihm gemessen, ohne dass größere Ausfallerscheinungen festzustellen gewesen wären. Wegen Diebstählen, aber auch weil er einmal einen Mann wegen einer Beute von 20 Euro zusammengeschlagen hat, saß der Angeklagte bereits ein Jahr lang im Jugendgefängnis. Aber, beteuerte er, er habe sich schon gebessert: „Ich war früher aggressiver.“

Der erste Besuch im Erwachsenenknast blieb ihm nur dank seines offenherzigen Geständnisses erspart. Als Auflage muss er 150 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten – auch damit er einmal etwas anders tut, als zu trinken. „Arbeitslosengeld II und Alkohol“, stellte Richter Römer nüchtern fest, „das ist bisher Ihr Leben“.

Von Joachim Tornau

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.