Gericht erspart 26-jährigem Baunataler Einweisung in Psychiatrie

Bewährung für Schläger

Baunatal. Jürgen Stanoschek war nach gewagten Vergleichen zumute. „Das ist wie Tschernobyl“, befand der Strafkammervorsitzende, als er das Urteil im Landgerichtsprozess um ein blutig eskaliertes Saufgelage am Kasseler Mattenberg verkündete. Was er meinte, war die ständig weiterbrodelnde Gefährlichkeit des Angeklagten – wegen der paranoiden Schizophrenie, unter der er leidet.

Denn damit wiederum verhalte es sich wie mit Aids: „Das wird man nicht los wie einen Schnupfen“, sagte der Richter. „Man kann nur lernen, damit umzugehen.“ Weil der angeklagte Baunataler das dank medikamentöser Hilfe mittlerweile aber viel besser hinbekommt als im Juli 2010, als er einen 19 Jahre alten Trinkkumpanen übel zugerichtet hatte, kam er um die eigentlich unvermeidliche Einweisung in die Psychiatrie noch einmal herum: Das Gericht setzte die Unterbringung des 26-Jährigen für fünf Jahre zur Bewährung aus. Für die Tat selbst konnte der Mann mangels Schuldfähigkeit nicht zur Rechenschaft gezogen werden. „Es war eine psychotisch motivierte Bestrafungsaktion“, erklärte der psychiatrische Sachverständige Dieter Jöckel.

Auslöser sei eine abfällige Bemerkung gewesen, die das spätere Opfer über die Freundin eines weiteren Mitzechers gemacht hatte. Und diese Beleidigung habe der Angeklagte in seinem Verfolgungswahn auf sich bezogen.

Die Folge: Zusammen mit dem Mann, dessen Freundin von dem 19-Jährigen als „Schlampe“ tituliert worden war, schritt er zur Rache. Der junge Mann wurde gedemütigt, musste sich ausziehen, bekam eine Vergewaltigung angedroht. Und schließlich verpasste ihm der Angeklagte mit einer Glasscherbe eine 40 Zentimeter lange Schnittwunde am Bein und zog ihm die Platte eines Couchtischs über den Kopf. Vor Gericht hatte der Baunataler beteuert, sich an nichts erinnern zu können – er könne nur hoffen, all das nicht getan zu haben, sagte er. Doch die Hoffnung trog. Die Psychose war damals offenbar stärker gewesen als er.

Die Krankheit, die ihm jetzt die Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung ersparte, wäre in dem Verfahren jedoch fast ausgeblendet worden. Am Ende der ersten Verhandlung vor dem Amtsgericht war sie eher zufällig zur Sprache gekommen – und hatte dafür gesorgt, dass der Fall vor dem Landgericht noch einmal neu aufgerollt werden musste. Mit glimpflichem Ausgang für den Angeklagten: Wegen seiner, wie Verteidiger Bernd Schubert formulierte, „voll ausgeprägten Krankheitseinsicht“ hielt das Gericht eine Unterbringung in der Psychiatrie derzeit nicht für nötig. Die gewährte Bewährung knüpfte die Kammer des Landgerichts jedoch an strenge Auflagen: Vor allem muss sich der Mann weiter behandeln lassen, stets seine Medikamente einnehmen – und einen großen Bogen um Alkohol und Drogen machen.

Von Joachim F. Thornau

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