19-Jähriger nahm 85-jähriger Frau nach Schockanrufen von Komplizen 3000 Euro ab

Bewährungsstrafe für Abholer

Kassel. Die 85-jährige Dame mit dem Rollator beschimpfte sich selbst: Wie dumm sie gewesen sei, dem jungen Mann auf der Anklagebank 3000 Euro herauszugeben – nachdem der schockierende Anruf kam. Der „Kerl“ habe ihr nichts getan, sagt sie über den 19-Jährigen. Nur ruhig dagestanden, nichts gesagt. „Der hat gewartet aufs Geld.“

Doch auch das, urteilte gestern das Kasseler Amtsgericht, war ein wesentlicher Beitrag zum gemeinschaftlichen gewerbsmäßigen Bandenbetrug. Noch in einem weiteren, im Versuch stecken gebliebenen Fall habe sich der junge Litauer dieser Straftat schuldig gemacht. Eine Jugendstrafe von einem Jahr und drei Monaten wurde gegen ihn verhängt – und zur Bewährung ausgesetzt.

Gut drei Monate hatte der 19-Jährige zuvor bereits in Untersuchungshaft gesessen. Er war kurz nach seinem Auftritt bei der 85-Jährigen, am 11. Oktober 2012, festgenommen worden. Dass die alte Dame verunsichert genug war, um ihm das Geld herauszugeben, dafür hatten zuvor andere gesorgt. Männer mit litauischen Mobilfunkanschlüssen, die offenbar versuchten, Menschen mit russisch klingenden Namen in Kassel Geld aus dem Sparstrumpf abzuluchsen.

Wie es ihr dabei erging, beschrieb das andere, 81-jährige Opfer dem Gericht so: Ein Mann habe angerufen und vorgegeben, ihr Sohn zu sein. Er jammerte, er habe einen Unfall gehabt und ein Mädchen schwer verletzt – er benötige dringend Geld für dessen Behandlung. Dann habe sich ein angeblicher Anwalt eingeschaltet und all das bestätigt.

Sie habe viele Zweifel gehabt, sagte die Zeugin. Sie habe ihre Schwiegertochter anrufen wollen. Doch sobald sie einhängte, sei der nächste Anruf gekommen. Eine Stunde lang. „Mama, frag nicht, gib’s Geld“, habe die angebliche Sohnesstimme beharrt. All das habe sie völlig durcheinandergebracht. Als der 19-Jährige vor der Tür stand, zeigte sie ihm eine Schachtel mit Geld, gab es aber nicht heraus. Der Angeklagte habe dann mit jemandem am Telefon gestritten.

Seine Auftraggeber hätten verlangt, er solle der alten Dame die Schachtel mit Gewalt abnehmen, hatte zuvor der 19-Jährige dem Gericht erzählt. Das aber habe er nicht gekonnt. Als die Frau dann auch noch das Geld an eine Vertraute übergab und mit ihm zum Taxi ging, um mit zu ihrem Sohn in die Klinik zu fahren, suchte er das Weite.

Dass er dennoch einen Tag später auf Anweisung zu der 85-Jährigen fuhr, befand das Gericht als „sehr schäbig“. Der 19-Jährige hatte behauptet, es sei ihm vor seiner Reise nach Deutschland klar gewesen, dass es um Betrügereien geht – aber Details habe er nicht gekannt. Er habe Geld verdienen wollen. Die 85-Jährige soll ihr Geld jetzt zurückbekommen – bis gestern hatte es noch in der Asservatenkammer gelegen.

Von Katja Schmidt

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