22-Jähriger beteuert Ausstieg aus der Szene

Nach Schlägen für Mitbewohner: Bewährungsstrafe für Neonazi

Kassel. Vom „Freien Widerstand“ zur Freikirche: Der Mann, der sich am Dienstag wegen eines brutalen Faustschlags auf seinen Mitbewohner vor dem Kasseler Amtsgericht verantworten musste, gab sich geläutert.

Vor einem Jahr war der 22-Jährige noch Anführer der rechtsextremen „Deutschen Hilfsorganisation“ (DHO) gewesen – einer Neonazi-Kameradschaft aus dem Umfeld des sogenannten Freien Widerstands Kassel (FWKS).

Gegründet hatte er sie zusammen mit eben jenem Mann, den er im Februar 2011 niederschlug. Heute engagiert er sich dagegen bei den Adventisten. Und will mit der rechten Szene nichts mehr zu tun haben. „Ich hoffe, dass das zutrifft“, sagte Richterin Focke und ließ den gelernten Maurer mit einer 14-monatigen Bewährungsstrafe wegen Körperverletzung davonkommen. Außerdem muss er 300 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung zahlen.

In das Urteil flossen zehn Monate mit ein, die der 22-Jährige bereits im vergangenen Jahr für eine Aktion seiner DHO kassiert hatte: Zusammen mit drei Gleichgesinnten – zwei davon minderjährig – hatte er vor der Kommunalwahl 2011 Plakate der Kasseler Linken mit Hakenkreuzen, SS-Runen und brauner Propaganda beschmiert. Und als die Neonazis dabei von der Polizei erwischt wurden, hatte sich der Kameradschaftsführer gewehrt und den Kopf eines Beamten, der im Gerangel gestolpert war, zweimal aufs Straßenpflaster gerammt.

Genau eine Woche später schlug der einschlägig vorbestrafte Mann seinem Mitbewohner und DHO-Mitgründer – einem 20 Jahre alten Zeitsoldaten der Bundeswehr – die Faust ins Gesicht und brach ihm das Jochbein. Aber, wie er vor Gericht beteuerte, nicht aus politischen Gründen. „Er hat überall provoziert und hat sich in jede Menge Mist geritten, aus dem ich ihn dann wieder rausholen musste“, grollte er. Gedankt habe ihm sein Kamerad das jedoch nicht. Sondern ihm sogar noch die Miete für die gemeinsame Wohnung vorenthalten: 1500 Euro. „Ich habe deshalb ein halbes Jahr gehungert.“

Doch als er ihn zur Rede stellen wollte, habe der 20-Jährige das nur „verlächerlicht“, klagte der Angeklagte. „Da ist mir die Schnur gerissen.“ Nein, befand er, sein Mitbewohner sei eigentlich kein Opfer gewesen: „Das war Provokation in einem Maße, das war nicht mehr lustig.“

Auch Verteidiger Jan Hörmann versuchte, den Spieß umzudrehen: Man müsse bedenken, dass der 20-Jährige als Neonazi aktiv war, obwohl er als Soldat einen Treueeid auf die Verfassung abgelegt hatte. „Das wirft ein Licht auf den Mann, mit dem mein Mandant damals im Clinch lag.“

Hörmann verlangte lediglich eine zwölfmonatige Bewährungsstrafe, die Staatsanwaltschaft 16 Monate. Und das Gericht wählte schließlich den Mittelwert. (jft)

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.