Postzusteller lagerte Waren überwiegend ungeöffnet in seinem Haus

„Ich gebe das alles zu“ -  Bewährungsstrafe für Paketdiebstahl

Kassel/Bad Karlshafen. „Ich gebe das alles zu“, sagt der ehemalige Postzusteller, nachdem die Anklage gegen ihn verlesen ist. Über drei Jahre hat der 52-Jährige demnach 57 Pakete am Zustellpunkt Bad Karlshafen entwendet, außerdem Postwertzeichen im Wert von 3475 Euro, die er zum Teil weiterverkaufte.

Warum er all das getan hat, könne er sich nicht erklären, sagt er: „’Ne psychische Sache“.

Das Kasseler Amtsgerichts verurteilt den Mann gestern wegen Diebstahls in 58 Fällen davon 57 in Tateinheit mit Verletzung des Postgeheimnisses. Es verhängt eine Haftstrafe von einem Jahr und setzt diese für drei Jahre zur Bewährung aus. Zudem wird dem 52-Jährigen eine Geldbuße auferlegt - 18 Monate lang soll er je 100 Euro an die Diakonie in Hephata zahlen.

Die zivilrechtliche Auseinandersetzung mit der Post rollt außerdem auf ihn zu. Das Unternehmen hat einen Schaden von 40 000 Euro geltend gemacht, sagt ein Firmenermittler als Zeuge. Staatsanwalt Michael Dietrich hat einen halb so hohen Schaden errechnet. Wahrscheinlich sei er „jetzt der Sündenbock“ für alles, was weggekommen ist, kommentiert der Angeklagte die Diskrepanz.

Solche Bemerkungen lassen seine ehemaligen Kollegen im Zuschauerraum grummeln. Das Tun des 52-Jährigen setzte auch sie dem Misstrauen aus. „Wir waren ja alle mitverdächtig“, sagt einer über die lange Zeit zwischen Mai 2007 und September 2010, in der immer wieder Pakete in Karlshafen verschwanden. Schließlich wurde eine Video-Überwachung installiert - und zeigte den 52-Jährigen am Werk. Die Post stellte Strafanzeige.

Er habe damals vermutet, dass der Paketinhalt weiterverkauft worden sei, berichtet ein Beamter der Kriminalpolizei. Stattdessen aber habe man im Haus des Angeklagten ein Warenlager vorgefunden. Überwiegend originalverpackt und noch verschlossen sei die Ware gewesen. Dass der 52-Jährige die Polizei zu den Paketen führte und später eine Auto-Ladung voll selbst zur Wache brachte, berücksichtigt das Gericht strafmildernd.

Er sei schockiert, aber auch erleichtert gewesen, als die Polizei eintraf, hatte der bislang nicht vorbestrafte 52-Jährige geschildert. Er bringt die Taten mit Angstzuständen nach einer lebensbedrohlichen Erkrankung und wachsendem Druck an der Arbeit in Zusammenhang. Als alles aufflog, habe er sich in psychiatrische Behandlung gegeben. Die Ärztin habe die Taten als Ventil für zu großen Druck gedeutet, sagte Verteidiger Reinhard Priem.

„Wahllos“will der Ex-Zusteller die Pakete gegriffen haben. Die Liste der Inhalte klingt auch bizarr: In einem Paket waren Socken, Wurstgläser und ein Damen-T-Shirt. In einem anderen eine Flöte und eine Mundharmonika. Zurzeit ist der Ex-Zusteller aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand versetzt. „Wiederholungsgefahr ist deshalb nicht mehr in Sicht“, so Richterin Schiborr. Das Urteil ist rechtskräftig.

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