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Kasseler Historikerin: „Bewegen uns in Endzeitszenarien“

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Von: Bastian Ludwig

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Im 19. Jahrhundert Leitbild für christliches Leben und Handeln: Das Motiv „Der schmale und der breite Weg“ zeigt links einen breiten, flachen Pfad an Gasthof, Theater und Spielhölle vorbei, der in „Tod und Verdammnis“ endet. Ein beschwerlicher Pfad rechts führt zwischen Kreuz und Kirche hindurch zu „Leben und Seligkeit“. Bild: Wikimedia Commons
Im 19. Jahrhundert Leitbild für christliches Leben und Handeln: Das Motiv „Der schmale und der breite Weg“ zeigt links einen breiten, flachen Pfad an Gasthof, Theater und Spielhölle vorbei, der in „Tod und Verdammnis“ endet. Ein beschwerlicher Pfad rechts führt zwischen Kreuz und Kirche hindurch zu „Leben und Seligkeit“. Bild: Wikimedia Commons © Bild: Wikimedia Commons

Geschichte wiederholt sich: „Der Zukunftsoptimismus ist uns angesichts von Klimakatastrophe, Krieg und Pandemie verloren gegangen“, sagt die Kasseler Frühneuzeithistorikerin Prof. Anne-Charlott Trepp. Ein derartiges apokalyptisches Szenario ist nicht neu.

Kassel - Bis zum 17. Jahrhundert sei für die Menschen die Vorstellung einer bedrohten und eingeschränkten Zukunft prägend gewesen.„Von der Kanzel und auf Flugblättern wurde der Eindruck genährt, dass das Ende der Welt nah ist.“ Doch anders als heute oft kolportiert, hätten Kirche und Religion am Fortschrittsoptimismus der Aufklärung mitgewirkt.

In dem Forschungsprojekt „Zurück in die Zukunft. Gesellschafts- und Zukunftsentwürfe in historischer Perspektive“ beschäftigt sich Trepp mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit der Frage, unter welchen Voraussetzungen vergangene Generationen Konzepte und Visionen für die Zukunft entwarfen. Es zeigt sich, dass es einen positiven Ausblick auf eine durch die Menschen gestaltbare Zukunft bereits in der Vormoderne gegeben hat und nicht erst mit der Säkularisierung und dem Zurückdrängen von Kirche und Religion.

In der Retrospektive sei fälschlicherweise das Bild gezeichnet worden, dass erst mit der Französischen Revolution an der Schwelle zum 19. Jahrhundert die Aufklärung in Europa um sich gegriffen habe. Diese Sicht sei einseitig. Nicht erst der Philosoph Immanuel Kant und andere Gelehrte hätten die Aufklärung in Deutschland ins Rollen gebracht. Vielmehr hätten Theologen den Menschen bereits ab dem 17. Jahrhundert vermittelt, dass es an ihnen liege, die Welt zum Besseren zu wenden.

„Um 1700 änderte sich das Zeitwissen entscheidend. Die Gegenwart, die Gestaltungsmöglichkeiten und Zukunftsentwürfe eröffnet, bekam ein stärkeres Gewicht. Das Ende der Welt schien nicht mehr unmittelbar bevorzustehen und wurde auf unbestimmte Zeit verschoben“, sagt Trepp. Ein Beispiel sei der Millenarismus – der Glauben an die Wiederkunft Jesu Christi und das Errichten seines Tausendjährigen Friedensreiches auf Erden.

Bei der Entwicklung von Zukunftsperspektiven spielte die Hinwendung des Menschen zur Natur eine wichtige Rolle. Das Interesse an sämtlichen Lebewesen, wie unscheinbar sie bis dahin erschienen, bedeutete aber nicht die Abwendung von Gott. Naturwissenschaftler und Theologen waren keine Gegenspieler, so Trepp. „Astronomen wie Nikolaus Kopernikus und Johannes Kepler sowie der Physiker Isaac Newton waren tiefreligiös. Sie versuchten, Gottes Plan bei ihrem Blick auf die Welt und in die Sterne zu erkennen“, sagt die Wissenschaftlerin. Auch Pfarrer seien im 18. Jahrhundert mit Gläubigen in die Natur gezogen, um dort Gottes Wirken zu erkennen. Es entstand so das Bild von einer Welt, in der alles Leben ineinandergreift und der Mensch an der Vervollkommnung und am Fortschritt mitwirken kann.

Dieser Fortschrittsoptimismus, der Vorstellungen von der Zukunft beflügelte, sollte über Jahrhunderte dominieren. Es sei ein menschliches Bedürfnis, sich ein Bild von dem zu machen, was über das eigene Leben hinausreicht, um so darin zu wirken und präsent zu sein.

„Ich gehöre zur Generation der Baby-Boomer. In den 60er-Jahren war der Glaube an Wachstum und Gestaltungsfreiheit enorm.“ Dieser Zukunftsoptimismus sei verloren gegangen „Wir bewegen uns gewissermaßen in überwunden geglaubten Endzeitszenarien. Abermals wird an die Menschen appelliert, ihr Verhalten zu ändern, um den andernfalls unvermeidlichen Untergang abzuwenden. Damit kommen wir dem Zeitgefühl der Vormoderne sehr nahe.“ (Bastian Ludwig)

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