Kasseler Wissenschaftlerin zur Beziehung zwischen Mensch und Hund

Wenn Tiere vermisst werden: Für einen engen Freund würde man alles tun

Kassel. Wenn Tiere vermisst werden, dann ist das für ihre Besitzer eine schlimme und sehr emotionale Erfahrung. Eine Kasseler Wissenschaftlerin erklärt die besondere Beziehung zwischen Mensch und Hund.

Wie emotional diese Situationen sind, das zeigen zuletzt auch die Fälle der vermissten Hündinnen Betty und Diva in Kassel. Über das besondere Verhältnis zwischen Mensch und Hund haben wir im Interview mit Dr. Mieke Roscher gesprochen, die an der Uni Kassel zu diesem Thema forscht.

Frau Roscher, wie hat sich das Verhältnis zwischen Mensch und Tier über die Jahre verändert?

Mieke Roscher: Man muss unterscheiden, von welchem Tier wir reden. Hunde sind hier eine Ausnahme, weil sie einfach schon sehr lange mit den Menschen zusammenleben. Das lässt sich auf andere Tiere nicht so übertragen.

Der Hund ist also der beste Freund der Menschen?

Roscher: Diesen Satz sagt man nicht nur so, der stimmt – wenn man sich vielfach das Verhältnis zwischen Mensch und Hund ansieht.

Was macht die Mensch-Hund-Beziehung besonders?

Roscher:In der Forschung ist das Thema gerade wieder sehr aktuell. Vereinfacht gesagt, hat man nämlich herausgefunden, dass nicht der Mensch sich dem Hund angenähert hat, sondern umgekehrt. Mit dem Zusammenleben von Mensch und Hund ist auch der Mensch häuslich geworden. Die Beziehung zwischen Mensch und Hund zieht sich durch alle Kulturen. Zudem hat der Hund die Fähigkeit, sich sehr gut in das Sozialsystem des Menschen einzupassen. Er ist gesellschaftsfähig. Auf andere Tiere trifft das weniger zu. Katzen sind eher Eigenbrötler, das sind Hunde definitiv nicht.

Ist für viele der Hund ein Kinderersatz?

Roscher: Das werde ich oft gefragt. Ganz klar: Nein. Den meisten ist schon bewusst, dass sie einen Hund vor sich haben und kein Kind. Aber er ist in jedem Fall ein „Freundersatz“. Wenn wir uns die sozialen Beziehungen anschauen, die wir so pflegen, gibt es nicht nur die Eltern-Kind-Beziehung, sondern viele Arten von Beziehungen. Die Beziehung zu Tieren ist vergleichbar mit der Beziehung zu einem engen Freund. Allerdings kann diese Beziehung bestimmte Funktionen übernehmen, die ähnlich dem Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern sind, wie beispielsweise Nähe und Abhängigkeit.

Sorgt diese enge Bindung dafür, dass solche Fälle von vermissten Tieren immer sehr emotional sind? Wird da dann oft die Verhältnismäßigkeit überschritten?

Roscher:Das kann man so pauschal nicht sagen. Wenn man eine enge Freundschaft eingeht – egal, ob mit Mensch oder Tier, dann möchte man auch alles tun, um dem Freund in einer solchen Situation zu helfen. Vor allem der Verlust macht sich stark bemerkbar, was dazu führt, dass Handlungen unternommen werden, die vielleicht von Außenstehenden nicht nachvollzogen werden können. Besonders schwierig ist es, wenn der Betroffene nicht weiß, was passiert ist.

Also wie in den beiden Fällen jetzt zuletzt in Kassel?

Roscher: Ja und man muss aber auch sehen, dass die Menschen auf der Suche nach ihren Tieren viel Unterstützung bekommen. Es ist also nicht so, dass alle den Kopf schütteln. Viele, die auch eine enge Beziehung zu einem Tier haben, werden sofort nachvollziehen, dass man auch nach Monaten die Suche nicht aufgibt.

Das Thema polarisiert?

Roscher: Das stimmt. Aber die Tier-Mensch-Beziehung ist schon vom Grundsatz her sehr widersprüchlich. Das sorgt für Diskussionen. Die einen Tiere essen wir, die anderen streicheln wir – jeder setzt da andere Grenzen. Das Thema ist virulent und in der Gesellschaft noch nicht ausdiskutiert. Das führt dazu, dass es viele verschiedene Meinungen gibt, wie in bestimmten Situationen gehandelt werden muss.

Spielt da auch der Trend zum Vegetarismus rein?

Roscher: Fleisch zu essen, war früher ein Luxus. Durch die industrielle Massentierhaltung hat sich vieles verändert. Aber eben auch die Diskussion angeregt, wie wir mit Tieren umgehen. Aber warum sich jemand vegetarisch ernährt, dafür gibt es ganz unterschiedliche Gründe. Da mag einer der Gründe absolute Tierliebe sein, andere sind ökonomischer oder religiöser Art. Die Motivation ist nicht immer eindeutig, aber seit man überall vegetarische und vegane Produkte kaufen kann, ist der Vegetarismus auch zum Massenphänomen geworden.

Hinweise und Suchaktion

Wer Labrador-Hündin Diva gesehen hat, erreicht ihre Besitzer unter 01 60/97 22 74 48. 

Die Besitzer der kleinen Chihuahua-Hündin Betty sind dankbar für Hinweise unter 017 8/8 09 05 50. Im Fall von Betty ermittelt auch die Kasseler Polizei wegen Unterschlagung. 

Eine Suchaktion für Diva findet am Sonntag statt. Freiwillige treffen sich am Sonntag um 5.30 Uhr auf dem Parkplatz des Real-Marktes am Franzgraben.

Zur Person

Dr. Mieke Roscher (44) ist seit Oktober 2014 Juniorprofessorin für Sozial- und Kulturgeschichte an der Uni Kassel. Ihr Schwerpunkt ist das Mensch-Tier-Verhältnis. Mieke Roscher stammt aus Göttingen und hat an ihrer Heimatuniversität, in London und Bremen studiert und ihre Doktorarbeit über die Geschichte der britischen Tierrechtsbewegung geschrieben. Die 44-Jährige lebt in Kassel.

Lesen Sie dazu auch:  - Tier verschwunden, Tier gefunden: Antworten auf die wichtigsten Fragen

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