Neurobiologe: Es muss insgesamt etwas geschehen"

Experte: "Die Biene stirbt nicht aus - aber wir führen Krieg gegen alle Wildtiere"

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Im Stock: Bienen an Honigwaben.

Überall ist vom großen Bienensterben die Rede. Neurobiologe Randolf Menzel sagt, dass es das nicht gibt. Trotzdem müssen wir uns Sorgen machen, warnt der Experte.

Neurobiologe Randolf Menzel, der kürzlich zu Gast beim Imkerverein Kassel war, hat jahrzehntelang über Bienen geforscht. Er sagt, dass es dieses Sterben nicht gibt, aber man sich trotzdem Sorgen machen muss.

Sie sagen also, die Bienen sterben nicht aus?

Randolf Menzel: Dass es bald keine Bienen mehr gibt, das glaube ich nicht. Die Biene stirbt nicht aus. Wir können vielleicht alle Wildbienen und Hummeln umbringen. Aber die Imker werden wir nicht daran hindern, dass sie auch zukünftig Honigbienen züchten, die die Bäume bestäuben und damit für einen Großteil unserer Nahrung sorgen.

Warum müssen wir uns trotzdem Sorgen machen?

Menzel: Die übertriebene Darstellung, wie beispielsweise der viel zitierte Satz von Albert Einstein „Wenn die Biene von der Erde verschwindet, dann hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben“ schadet unserem eigentlichen Anliegen. In unserer landwirtschaftlichen Umgebung spielt sich ein dramatischer Vernichtungskrieg gegen alle Wildtiere ab. Die Vögel sind weniger geworden, es gibt keine Feldhasen mehr und eben auch weniger Bienen. Es muss also insgesamt etwas geschehen.

Randolf Menzel.

Was kann man als Privatperson tun, um den Tieren und insbesondere den Bienen zu helfen?

Menzel: Das fängt im Kleinen an. Zum Beispiel Bioprodukte kaufen oder im eigenen Garten keine Gifte verwenden. Auch über die Entscheidungen der Politik und die Gesetzgebung kann sich etwas verändern.

Wie sieht es mit Blühstreifen im Stadtgebiet aus?

Menzel: Ja, das kann man machen. Aber das sind eben nur ganz kleine Effekte. Ich bin mir nicht sicher, ob die bunten Blüten etwas bringen oder nur Augenwischerei sind. Gegenüber dem eigentlichen Problem, nämlich dem Einsatz von Spritzmitteln in der Landwirtschaft, ist das eine Winzigkeit – und nicht die Lösung.

Wie wirken sich diese Insektengifte auf die Bienen aus?

Menzel: In der Regel ist es so, dass die Bienen nicht unmittelbar sterben, sondern geschädigt werden. Viele Insektizide wirken auf das Gehirn. Beispielsweise können die Tiere dann nicht mehr lernen oder ihr Gedächtnis nicht mehr abrufen. Der Gedanke, wenn die Bienen weiterfliegen, dann geht es ihnen gut, der stimmt einfach nicht – das ist mir wichtig.

Wie sind Sie zum Thema Bienen gekommen?

Menzel: Ich beschäftige mich seit über 50 Jahren mit Bienen. Auf der Suche nach einem Tier, das gut lernt und ein nicht ganz so kompliziertes Gehirn hat, bin ich auf die Biene gestoßen. Die Tiere lernen wunderbar, haben ein gutes Gedächtnis und sind problemlos zu dressieren – man kann ihnen also beibringen, dass sie durch bestimmte Löcher fliegen. Wenn man einmal mit Bienen angefangen hat, dann lassen sie einen nicht mehr los – das wird auch jeder Imker bestätigen.

Macht der Orientierungssinn Bienen besonders?

Menzel: Nein, das können andere Tiere auch – aber für die Größe des Gehirns ist das eine besondere Leistung. Man denkt ja immer, dass Insekten kleine Roboter sind, die nur einfache Bewegungsabläufe haben und stereotyp reagieren, aber das ist nicht so. Bienen sind unglaublich anpassungsfähig und lernwillig. Sie haben einen sehr guten Orientierungssinn, den sie ja auch brauchen, um in ihren Stock zurückzufinden.

Imkern Sie auch selbst?

Menzel: Beim Imkern kommt es ja vor allem darauf an, dass man sein Bienenvolk am Leben erhält, dass man Honig von ihm bekommt und Königinnen züchtet – kurzum Bienen als Nutztiere verwendet. Diesen Gesichtspunkt habe ich bei meiner Arbeit an der Uni vernachlässigt. Seit ich emeritiert bin, bin ich allerdings so eine Art Jungimker.

Was erzählen Sie dann in Ihren Vorträgen?

Menzel: Imker bekommen unmittelbar mit, wenn in unserer Umwelt etwas schief geht – vielfach hängt das mit der Landwirtschaft zusammen.

Die Landwirte stehen unter Druck, möglichst günstig Nahrungsmittel zu erzeugen. Durch den Einfluss der Industrie verstreuen sie Gifte, die aber nicht nur gegen Schädlinge wirken, sondern eben auch andere Tiere wie Bienen und den Menschen beeinflussen.

Das wollen Sie auch in Ihren Vorträgen vermitteln?

Menzel: Immer wenn ich zu einem Vortrag eingeladen werde, dann sage ich, ich möchte, dass auch Landwirte dabei sind. Die zu erreichen, ist nämlich besonders schwierig. Landwirte haben immer Bedenken, dass sie beschimpft werden, aber das ist ja gar nicht die Absicht. Wir wollen nur aufklären.

Das Problem des Bienensterbens wird in Büchern und Filmen aufgegriffen. Ist das ein Grund, weshalb Imkern immer populärer wird?

Menzel: Es heißt ja überall: Die Bienen sterben. Bienen sterben, so wie Menschen auch sterben. Aber sie sind besonders gefährdet, das ist nicht zu leugnen. Oft wird angenommen, dass Gifte, die sich beispielsweise gegen Mäuse richten, die Bienen nicht beeinträchtigt. Das ist aber ein Irrtum.

Dieser Giftcocktail wirkt dann verstärkt auf den Körper – oftmals wird dadurch das Immunsystem geschädigt. Das wiederum führt dann oftmals zum Tod einer ganzen Kolonie. Wichtig ist mir, dass nicht die Meinung herrscht: Wenn ein Tier nicht unmittelbar stirbt, dann wäre das genauso ein Problem, als wenn das Tier nur durch Gift beeinträchtigt wird. Beides ist schlimm.

Essen Sie denn trotzdem noch Honig?

Menzel:Das ist eine interessante Frage: Ich hab mein ganzes Leben gerne und viel Honig gegessen, jetzt habe ich allerdings eine Fructoseunverträglichkeit entwickelt und kann ihn nicht mehr vertragen. Aber natürlich macht man sich Gedanken. Im Honig sammeln Bienen Giftstoffe. Es ist aber so, dass wir nicht so viel Honig essen könnten, dass uns diese Gifte unmittelbar schaden.

Allerdings gibt es keine ausreichenden Erkenntnisse, wie die Gifte wirken, wenn sie über einen langen Zeitraum in geringen Dosen aufgenommen werden. Das gilt wohl auch für die Giftstoffe im Honig.

Das ist Rudolf Manzel

Prof. Randolf Menzel (78) forscht seit mehr als 50 Jahren zum Thema Bienen. Der Zoologe und Neurobiologe hat seit 1976 das Institut für Neurobiologie an der Freien Universität Berlin geleitet. Der Schwerpunkt von seiner Arbeit ist die neurowissenschaftliche Erforschung des Gedächtnisses.

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