Neues Angebot für junge Erwachsene

Kasseler „Bachelor of Being“ bietet Bildung für ein glückliches Leben

Idyllisch gelegen: Auf dem Gut Kragenhof in der Fuldaschleife bei Kassel werden die bis zu 25 Teilnehmer des „Bachelor of Being“ ab Oktober für fünf Monate gemeinsam leben und lernen.
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Idyllisch gelegen: Auf dem Gut Kragenhof in der Fuldaschleife bei Kassel werden die bis zu 25 Teilnehmer des „Bachelor of Being“ ab Oktober für fünf Monate gemeinsam leben und lernen.

Gemeinschaftlich leben, lernen und Zukunftspläne für sich und die Gesellschaft schmieden: Darum geht es bei einem neuen Bildungsprojekt aus Kassel für junge Erwachsene. Der sogenannte „Bachelor of Being“ soll ab Oktober als eine Art philosophisches Orientierungssemester auf Gut Kragenhof starten.

Wir sprachen mit der Initiatorin und Leiterin Imke-Marie Badur.

Sie nennen das Programm „Bachelor of Being“. Was können junge Leute bei Ihnen lernen?
Ich würde das englische „Being“ hier mit Lebendigkeit und innerer Zufriedenheit übersetzen. Das ist etwas, das in traditionellen Bildungszusammenhängen oft zu kurz kommt. In der Natur zu sein, zu atmen, Kontakt zu anderen Menschen zu haben, nehmen wir oft als selbstverständlich hin. Aber es liegt eine große Glücksquelle darin. Zugleich ist klar, dass wir angesichts des Klimawandels einen anderen, weniger auf Wohlstand ausgerichtete Lebensstil brauchen. Wenn jeder als Lebensziel ein Einfamilienhaus mit Garten und einen SUV hat, wird die Klimawende nicht funktionieren. Das sind auch keine Elemente, die uns langfristig glücklich machen.
Es handelt sich ja um kein Bachelorstudium, eher eine Art Orientierungsphase. Sind viele junge Leute auf der Suche danach?
Unsere Idee fußt auf drei Säulen. Einerseits geht es um Berufsorientierung. Viele junge Leute sind nach der Schule unsicher, was sie machen wollen in einer Welt voller Möglichkeiten. Zum anderen gibt es in der Fridays-for-Future-Generation viele, die sagen: Wir können so nicht weiterleben. Sie wollen die Folgen ihrer Entscheidungen erst mal reflektieren und Alternativen finden. Und zum Dritten besorgt uns, dass jeder Vierte im jungen Erwachsenenalter unter psychischen Erkrankungen leidet. Das hat viel mit Zukunftsängsten zu tun. Hier sehen wir uns auch als eine Art Präventionsprogramm an.
Inwiefern?
Im Austausch mit anderen wird deutlich, dass es normal ist, wenn man in dieser besonderen Lebensphase mit Auszug aus dem Elternhaus und Neuanfang herumstolpert und nicht alles auf Anhieb gelingt. Wir ermutigen, sich Fehler zu verzeihen und es mit Humor zu nehmen.
Was wollen Sie konkret machen in dem Kurs?
Wir behandeln Themen wie Persönlichkeit, Kommunikation und Beziehungsleben. Wir befassen uns mit aktuellen politischen und mit Umweltfragen. Wir überlegen, wie wir im Sinne des „Service Learning“ etwas tun können, was der Gesellschaft nützt. Und wir wollen im Sinne der Berufsorientierung Schnuppertage an der Uni oder in Betrieben organisieren. Es soll auch viel Raum für eigene Projekte der Teilnehmer geben. Uns ist wichtig, dass sie auch selbst mitbestimmen, was sie machen und lernen wollen.
Der Schwerpunkt liegt auf Persönlichkeitsentwicklung und Bewusstseinsbildung. Inwiefern ist das Bildungsarbeit? Manch einer mag es eher als esoterische Selbstbeschäftigung sehen.
(lacht) Dann sollte man mal Humboldt, Hegel und andere große Denker lesen. Im humanistischen Bildungsbegriff geht es immer auch um Persönlichkeitsbildung. Wir haben in Deutschland heute eine Verengung des Bildungsbegriffs vor allem auf Wissensaneignung. Wissen allein habt aber nur bedingt praktische und ethische Konsequenzen.
Sie legen Wert auf eine „leistungsfreie und wertschätzende Atmosphäre“. Bereitet das wirklich auf das Leben vor?
Die Atmosphäre bei uns wird nicht leistungsorientiert sein. Das haben die Teilnehmer ja schon 13 Jahre lang in der Schule erlebt. Wir wollen ihnen ermöglichen, für fünf Monate einen Gang runterzuschalten und durchzuatmen. Und zu überlegen: Wer bin ich? Was brauche ich, und was brauchen wir? Damit wollen wir Leistungsorientierung aber nicht verteufeln. Es ist gut und richtig, dass es an Schulen und Hochschulen Leistungsansprüche gibt. Wir halten es für unser Vorhaben aber für wichtig, frei von Prüfungen und abprüfbaren Wissensinhalten zu arbeiten.
Warum haben Sie sich für das Zusammenleben in Abgeschiedenheit entschieden?
Die Halbinsel von Gut Kragenhof liegt zwar relativ abgeschieden, aber doch in Stadtnähe. Wir wollen uns nicht verriegeln, sondern wie gesagt auch Exkursionen in die Stadt machen. Aber um zu sich selbst zu finden und konzentriert zu denken und zu arbeiten, ist es gut einen ruhigen Ort zu haben, der nicht so viel Ablenkung bietet. Das Gut Kragenhof, das ja auch Gästezimmer, Werkstätten und Veranstaltungsräume bietet, ist da ein Glücksfall. Ebenso wie die Betreiberfamilie Merz, die uns mit offenen Armen empfangen hat. Die Teilnehmer werden dort je nach ihren Interessen auch praktische Erfahrungen in der Landwirtschaft, der Bäckerei und beim Holzmachen sammeln können.
Was bedeutet die Pandemie für Ihr Vorhaben?
Da erweist sich die Abgeschiedenheit als klarer Vorteil. Wenn alle Teilnehmenden vorab auf Covid-19 getestet werden, ist im festen Kreis unserer Gruppe wieder gemeinsames Essen, Tanzen und Umarmen möglich. Statt immer nur in Richtung Digitalisierung zu denken, möchten wir auch andere Bildungseinrichtungen ermuntern, eine zeitweise Verinselung“ in Erwägung zu ziehen - etwa auch in Jugendherbergen in Alleinlage.
Sollte eine Orientierungszeit fester Bestandteil des Bildungssystems sein?
Ich denke, es sollte optional bleiben. Aber ich würde mich freuen, wenn sich solche Angebote ähnlich etablieren wie Freiwilligendienste. In Skandinavien ist das so. Da nehmen zehn Prozent der jungen Leute an Orientierungsprogrammen teil, die dort übrigens voll staatlich finanziert werden. Das rechnet sich für den Staat. An der der Schnittstelle, wo die Weichen für das Leben gestellt werden, sollte jeder die Zeit haben sich zu fragen: Wo soll die Reise eigentlich hingehen? (Von Katja Rudolph)

Zur Person

Dr. Imke-Marie Badur (47) stammt gebürtig aus Peine bei Hannover. Sie studierte in Hildesheim Kulturpädagogik und promovierte sich in Gießen in Musikpsychologie. Badur arbeitet in Teilzeit an der Universität Kassel und leitet dort seit zehn Jahren die Koordinationsstelle für Service Learning und gesellschaftliches Engagement. 2019 gründete sie die Kasseler Regionalgruppe der Scientists for Future. Sie ist Mutter eines Sohns und wohnt mit ihrem Partner in Kassel.

Am Samstag, 6. Februar, 16 Uhr, findet eine Online-Info-Veranstaltung zum „Bachelor of Being“ statt. Der erste Durchgang des „Bachelor of Being“ startet Ende Oktober und läuft bis März 2022. Es gibt 25 Plätze. Die Teilnahme soll je nach finanziellem Hintergrund ab 500 Euro pro Monat möglich sein. Das Organisationsteam sucht noch Sponsoren. Anmeldung und alle Infos zum Programm unter bachelor-of-being.de

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