Reisebüros und Veranstalter bekommen Krise zu spüren

Bis zu 80 Prozent Rückgang: Türkei-Urlauber bleiben in Kassel aus

Beliebteste Sehenswürdigkeit für Touristen in der Türkei: Die Blaue Moschee im Istanbuler Alstadtviertel Sultanahmet.

Kassel. Die Türkei-Krise geht auch an den Kasseler Reisebüros nicht vorbei. Der Rückgang der Buchungen, der schon im vorigen Jahr begann, hält weiter an und hat sich teilweise dramatisch verstärkt.

Bei den Kasseler Filialen der DER-Touristik darf man wegen der Brisanz der Lage keine Auskunft geben. Aus der Frankfurter Zentrale heißt es: Die Buchungszahlen lägen unter denen des Vorjahres. Allerdings sei das Last-Minute-Geschäft in den letzten Tagen gut gelaufen. Umbuchungs- oder Stornierungswünsche von Kunden lägen nicht vor.

„Seit Beginn der Buchungssaison haben wir deutlich weniger Buchungen für die Türkei“, sagt Klaus-Peter Spohr vom Kasseler Reisebüro Wimke. Das sei ganz klar eine politische Entscheidung der Kunden und geschehe weniger aus Angst vor Anschlägen. Die Reisenden seien gut informiert über die politische Situation in der Türkei. Dabei schätzten sie nach wie vor das freundliche Personal und die schönen Strände in der Türkei. Dennoch seien selbst Last-Minute-Angebote für 399 Euro die Woche im Fünf-Sterne-Hotel Ladenhüter. Der Trend habe sich im vergangenen Jahr abgezeichnet und sei deutlich fortgesetzt worden. Spohr spricht von einem Einbruch an Türkei-Urlaubern von 80 Prozent.

Auch im Landkreis Kassel bekommen Reiseveranstalter die Türkei-Krise zu spüren. „Die Leute sind verunsichert, vor allem wegen des jüngsten Hinweises der Bundesregierung, künftig erhöhte Vorsicht bei Reisen in die Türkei walten zu lassen“, sagt Artur Mehmet vom Kaufunger Reisebüro Karaburun. Stornierungen habe es noch nicht gegeben, „aber das Türkei-Geschäft liege eh schon seit zwei Jahren am Boden“.

Dabei ließen sich nach seiner Einschätzung die Urlaubregionen der Türkei wie die West- und Südküste weiterhin gut bereisen. „Doch werde ich dafür keine Empfehlung aussprechen, das muss jeder für sich entscheiden“.

Kasseler Firmen derzeit nur wenig betroffen

Die Betroffenheit Kasseler Unternehmer im Türkei-Konflikt hält sich derzeit noch in überschaubaren Grenzen. Der Bahn- und Bustürenbauer Bode hat derzeit keine Mitarbeiter aus Kassel in der Türkei. Die beiden dortigen Gesellschaften in Bursa sind Gemeinschaftsunternehmen und beschäftigen ganz überwiegend einheimisches Personal. 300 Mitarbeiter sind es aktuell. Und was deren Sicherheit angehe, werde nicht nach Nationalitäten unterschieden „Ihnen gilt unsere besondere Verantwortung“, heißt es. Gleichwohl beobachtet das Unternehmen die Entwicklung auch mit Blick auf die Kunden genau.

Der Niestetaler Solartechnik-Hersteller SMA ist von der Türkei-Krise nicht betroffen, da das Unternehmen dort keine Niederlassung betreibt. Grundsätzlich gilt bei der Bewertung Risikostufe 5 (hohes Risiko) mit einem eigenen Risiko-Management-System und für Länder, für die eine Reisewarnung ausgesprochen wird, ein generelles Reiseverbot.

Der Bahnzulieferer Hübner betreibt ein Verkaufsbüro mit einem Mitarbeiter in der Türkei. Nach Angaben des Geschäftsführers der Bahnsparte, Christian Sahr, haben die politischen Verwerfungen bislang keine Auswirkungen aufs laufende Geschäft. Gleichwohl beobachte man die weitere Entwicklung mit einiger Sorge. „Wir nehmen die Probleme sehr ernst, Panik gibt es aber nicht“, sagte Sahr. Mittelfristig plane man den Aufbau einer Produktion am Bosporus, die Investitionsbereitschaft dort sei derzeit aber „gehemmt“.

Gäste aus Izmit erwartet

Traditioneller documenta-Besuch aus der türkischen Partnerstadt

Trotz der schwierigen deutsch-türkischen Beziehungen: „Für die Stadt Kassel gibt es keinen Anlass, die Kooperation mit Izmit einzuschränken oder gar einzustellen“, betont Stadtsprecher Michael Schwab auf Anfrage. Die Partnerschaft zwischen Kassel und dem fast 300 000 Einwohner zählenden Izmit, einem Industriezentrum am östlichen Rand von Istanbul, wurde im Jahr 2000 unterzeichnet. Nach dem verheerenden Erdbeben im August 1999 in der Region hatte Kassels damaliger Oberbürgermeister Lewandowski (CDU) die Partnerschaft angeregt.

„Aktuell erwarten wir Ende August eine Delegation unserer türkischen Partnerstadt zum traditionellen documenta-Besuch“, berichtet Schwab. Dazu lade Kassel alle Partnerstädte bereits seit vielen Jahren ein. Städtepartnerschaften hätten eine wichtige stabilisierende und damit friedensstiftende Funktion. „Das gilt vor allem auch in politisch konfliktbehafteten Zeiten.“

Schwab geht davon aus, dass sich während des Aufenthalts wieder zivilgesellschaftliche Kontakte ergeben und sich die Gelegenheit findet, konkrete Ansatzpunkte für eine weitere Zusammenarbeit – etwa im Sport und in der Kultur – zu erörtern.

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