Interview

Bischöfin Beate Hofmann über den Advent in Coronazeiten: „Verzicht ist auch eine Chance“

Die Evangelische Bischöfin Prof. Dr. Beate Hofmann vor dem Adventskranz im Haus der Kirche in Kassel.
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Die Evangelische Bischöfin Prof. Dr. Beate Hofmann vor dem Adventskranz im Haus der Kirche in Kassel.

„Alle Jahre wieder“ heißt es oft in der Adventszeit. Doch in diesem Jahr ist vieles nicht wie sonst, und auch Weihnachten wird für die meisten Menschen ganz anders als sonst. Wir sprachen darüber mit der Evangelischen Bischöfin Dr. Beate Hofmann.

Wie geht es Ihnen: Verspüren Sie adventliche Vorfreude?
Der Begriff der Vorfreude ist in diesem Jahr tatsächlich irgendwie unpassend. Ich bin weitgehend im Homeoffice und habe viel Arbeit – aber auch die Möglichkeit für kleine stille Momente zwischendurch. Ich habe in jedem Raum Sterne aufgehängt und Lichtakzente gesetzt, um den Gedanken vom Licht in der Dunkelheit wahrzunehmen. Trotzdem verspüre ich ein ambivalentes Gefühl. Einerseits freue ich mich auf Weihnachten, aber andererseits weiß ich, dass vieles in diesem Jahr nicht geht. Auch der Advent ist in diesem Jahr eine Zeit, die viele Menschen viel Kraft kostet. Umso wichtiger ist es, sich der Botschaft von Weihnachten zu öffnen.
Inzwischen ist klar, dass es einen harten Lockdown gibt. Das Virus kenne keine Weihnachten, heißt es dabei oft. Hätten Sie Verständnis, wenn Gottesdienste ausfallen müssen?
Gottesdienste an Weihnachten sollen trotz Lockdown möglich sein, aber mit klaren Abstandsregeln. Gleichwohl bewegt uns die Frage: Wie können wir verantwortlich Weihnachten feiern und verantwortlich nah bei den Menschen sein? Geplant sind viele, kreative Gottesdienstformate vor Ort. Und es wird Gottesdienst zum Mitnehmen, im Internet und am Telefon geben. Möglicherweise wird an Orten mit einer hohen Inzidenz auf analoge Gottesdienste verzichtet werden, da sind wir noch in der Abstimmung. Letztlich muss jeder selbst entscheiden, welches Angebot jetzt für sie oder ihn angemessen ist. Wichtig ist uns, dass auch die Menschen, die zuhause bleiben, Zugang zur Botschaft haben: Gott ist bei Euch!
Auch innerkirchlich gibt es Diskussionen, ob es richtig ist, Gläubige in die Kirchen einzuladen.
In der Pfarrerschaft und den Kirchenvorständen gibt es in der Tat unterschiedliche Einschätzungen. Es gibt jene, die sagen, sie haben ganz bestimmte Gesichter vor Augen, für die der Gottesdienstbesuch an Weihnachten ganz wichtig ist, weil sie danach nach Hause gehen und da ist niemand. Und andere sagen, dass das Risiko, sich zu versammeln selbst mit Abstand und Lüften zu groß ist. Corona zeigt, dass Menschen unterschiedlich mit Angst und Sorge umgehen. Wichtig ist, dass wir uns gegenseitig ernst nehmen in unseren Sorgehaltungen. Es kann eine verantwortete Entscheidung sein, mit den erprobten Hygienekonzepten in der Kirche zu feiern, und ebenso kann es richtig sein zu sagen: Wir machen es nicht, weil es in unserem Umkreis einen Corona-Ausbruch im Altenheim gibt oder weil die Kirche schlecht zu lüften ist. Wo immer ein analoger Gottesdienst abgesagt wird, müssen wir aber Alternativen aufzeigen: online, telefonisch oder mit einem Paket zum zuhause Feiern.
Gerade an Heilig Abend nutzen viele Menschen den Gottesdienst eher als Folklore-Element, um in Stimmung zu kommen. Wenn ein paar normale Sonntagsgottesdienste ausfallen, würde das kaum zu einem Aufschrei führen. Aber an Weihnachten ist Kirche plötzlich allen wichtig.
Das Geheimnis von Ritualen ist ja, dass sich im Vollzug, also über das, was ich sehe, höre und spüre, eine Botschaft erschließt. Deshalb würde ich über so eine „Folklore“ nicht die Nase rümpfen. Viele Menschen, die sonst der Kirche nicht so nahe stehen, gehen an Heilig Abend in die die Kirche, weil sie merken, dass der Ort etwas mit ihnen macht. Dass man angerührt wird durch die besondere Botschaft, dass man dem Licht der Welt begegnet und dass das auch unser Miteinander verändert. Die Herausforderung in diesem Jahr ist, diese Erfahrungen des Berührtwerdens auch an andere Orte zu übertragen.
Es ist ja auch die Gemeinschaft, die dazu beiträgt. Wie kann man das über einen Video-Gottesdienst vermitteln?
In den vergangenen Monaten haben wir interessante Formate entwickelt, bei denen man vor dem Bildschirm nicht wie vor der Glotze sitzt, sondern sich gegenseitig sieht und im Anschluss auch miteinander austauschen kann über eine Chatfunktion. So kommt man mitunter mit Menschen ins Gespräch, mit denen man bei einem normalen Kirchgang nicht reden würde. Genauso gilt es in den Familien, Wege zu finden, wie man in Kontakt bleiben kann. Da haben viele Menschen ja bereits neue Routinen entwickelt, etwa mit regelmäßigen Videotelefonaten.
Dennoch werden viel mehr Menschen als sonst die Feiertage weitgehend allein verbringen.
Deshalb sollten wir schauen: Was geht über den Balkon, über den Gartenzaun, über das Treppenhaus? Es ist eine Frage der Achtsamkeit, niemanden ganz allein zu lassen. Wir als Kirche, aber auch jeder Einzelne kann sich die Frage stellen: Wie feiern die Menschen um mich herum eigentlich Weihnachten, und wem könnte ich vielleicht einen kleinen Gruß vor die Tür stellen?
Besteht nicht trotzdem die Gefahr, dass in diesem Jahr am Ende die Enttäuschung die frohe Botschaft überdeckt?
Ich hoffe, dass es nicht so sein wird. Entscheidend ist: Worauf legt man Gewicht? Trauert man um das, was nicht geht, oder nutzt man das, was geht? Dieses Jahr stellt sich die Frage nochmal ganz neu: Was macht Weihnachten für mich aus? Dabei ist jeder stärker auf sich selbst zurückgeworfen. Die Unterbrechung der Routine ist dabei auch eine Chance zu entdecken, was für einen selbst wesentlich ist: Welche Musik gehört dazu? Braucht es einen Tannenbaum? Was möchte ich eigentlich wirklich essen? Sich Weihnachten, auch wenn man allein sein sollte, nach den eigenen Bedürfnissen zu gestalten, ist die Herausforderung in diesem Jahr. Auch als Familie muss man diese Frage neu verhandeln.
Also ist Weihnachten unter Coronabedingungen auch eine Chance?
Das ist meine große Hoffnung: dass die Reduktion und der Verzicht auf vieles, was einen sonst mitgenommen hat, die Frage nach dem Kern von Weihnachten für jeden ganz persönlich stellt. Das ist wie beim Fasten: Im Verzicht merkt man, was einem wirklich wichtig ist. Wir als Kirche versuchen ganz vieles, um Menschen bei dieser Suche in einem besonderen Advent und an den Feiertagen zu unterstützen und zum Nachdenken anzuregen. Etwa über den „Weihnachtsbegleiter“ im Internet auf ekkw.de. Vielleicht wird das erste Weihnachten nach der Pandemie, das wir wieder ganz unbeschwert feiern können, dann ein ganz bewusstes Weihnachten.
Vielleicht entdecken aber viele Menschen in diesem Jahr auch, dass Weihnachten für sie auch ohne Kirche funktioniert.
Das könnte passieren. Aber nach dem, was ich mitbekomme, spüren viele Menschen, dass das, was wir gerade erleben, an die Kraftressourcen geht. Erschöpfung ist ein Wort, das ich ganz oft höre. Was gibt uns die Kraft das auszuhalten? Gemeinsam zu glauben, sich gegenseitig zu stärken und aufzufangen, ist eine Erfahrung, die uns durch diese Zeit tragen kann. Das macht für mich Kirche aus. Deshalb wäre es schön, wenn die Kraftquellen des Glaubens und die frohe Botschaft gerade in diesen Zeiten viele Menschen erreichen.
Es gibt schon Witze, in diesem Advent werde sehnlicher auf die Ankunft des Impfstoffs statt des Christkinds gewartet. Wie finden Sie solche Vergleiche?
Es stimmt schon, dass es in diesem Advent in besonderer Weise ums Wartenlernen geht. Wir warten sehnlich auf den Impfstoff. Wobei wir inzwischen wissen, dass auch mit dem Impfstoff das Virus und die damit verbundenen Probleme nicht schlagartig weg sind. Es wird noch viele Monate dauern, bis unser Alltag sich wieder normalisiert. Da passt die Parallele durchaus: Auch Weihnachten ist ein Anfang. Gott kommt in die Welt, aber nicht so schlagartig, dass auf einmal alles gut ist. Trotzdem bleibt der ganz entscheidende Unterschied: Der Impfstoff löst ein ganz konkretes Problem, aber nicht alle Probleme der Welt. Es bleiben die globale Ungerechtigkeit, der Klimawandel, Kriege, Gewalt, und vieles mehr. Hier hat das Warten auf die Ankunft Jesu Christi ganz andere und viel hoffnungsvollere Perspektiven zu bieten. (Katja Rudolph)

Zur Person

Prof. Dr. Beate Hofmann (57) ist seit September 2019 Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW). Zuvor war sie Leiterin des Instituts für Diakoniewissenschaft und des Diakoniemanagement an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel (Bielefeld). Hofmann ist im bayrischen Bad Tölz geboren und studierte Theologie in Bethel, Heidelberg und Evanston (USA). Nach Vikariat und Gemeindearbeit in München schlug sie eine wissenschaftliche Laufbahn mit Promotion, Habilitation und Tätigkeit als Professorin ein. Hofmann ist in zweiter Ehe mit einem katholischen Physiker verheiratet. Sie spielt Harfe und Klavier, liest gern und findet Ausgleich bei Sport und Gartenarbeit. 

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