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„Situation hat sich zugespitzt“ - Drogenszene am Lutherplatz in Kassel

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Von: Matthias Lohr

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Alltag zwischen City-Point und Trafohaus: Am Rand des Lutherplatzes treffen sich häufig größere Gruppen.
Alltag zwischen City-Point und Trafohaus: Am Rand des Lutherplatzes treffen sich häufig größere Gruppen. Unser Bild zeigt die Situation am Mittwochnachmittag. © nh

Seit Jahren ist der Lutherplatz Treffpunkt der Drogenszene. Auseinandersetzungen sind alltäglich. Die evangelische Kirche will nun eine Sicherheitsfirma engagieren.

Kassel – Von dem Mann, der am Samstag mit schweren Kopfverletzungen vor der Lutherkirche gefunden wurde und in der Nacht zum Dienstag im Krankenhaus gestorben ist, hat Frank nichts mitbekommen. Samstag war Frank noch nicht in Kassel. Erst vor wenigen Tagen ist der 53-Jährige, der eigentlich anders heißt, aus dem Gefängnis entlassen worden. Vier Jahre saß er diesmal wegen Einbruchs und Diebstahls ein. Insgesamt hat er 26 Jahre hinter Gittern verbracht.

So erzählt es Frank am Mittwochmittag auf dem Lutherplatz, als dort die Nachricht die Runde macht, dass der aufgefundene Mann Opfer eines Tötungsdelikts war. Die Menschen sind betroffen, auch wenn sie den 55-Jährigen nicht kannten. Die Frauen und vor allem Männer, die hier ihre Zeit verbringen, sind einiges gewohnt. Seit Jahren trifft sich am Lutherplatz die Trinker- und Drogenszene.

Lutherplatz in Kassel: Drogen und Auseinandersetzungen sind seit Jahren an der Tagesordnung

Am Mittwochmittag sitzen vor der Lutherkirche drei Männer in der Herbstsonne und rauchen Crack. Überall finden sich kleine Gruppen zusammen. Frank war 16 Jahre nicht mehr in Kassel, ist nun erst einmal obdachlos und hat auf dem Lutherplatz einen alten Freund getroffen. Der erzählt ihm, welche Kumpel von einst in den vergangenen Jahren gestorben sind.

Man versteht ihn schlecht, weil er schon betrunken ist. Der 54-Jährige hält eine Bierflasche in der Hand und klagt, dass es hier jeden Tag Schlägereien gebe. Ihn würden die Junkies respektieren, weil er früher selbst einer gewesen sei. Jetzt trinke er nur noch: „Zwei Liter soll man am Tag trinken“, sagt er und meint damit nicht Wasser, Limo oder Tee.

Drogenkonsum, Dealen und Auseinandersetzungen sind seit Jahren an der Tagesordnung auf dem Lutherplatz, der Kirchengelände ist. Heike Schaaf, Sprecherin des evangelischen Stadtkirchenkreises, hat jedoch festgestellt, dass „sich die Situation zuletzt zugespitzt hat“. Auch Straßensozialarbeiter Timo Eichel von der Drogenhilfe Nordhessen beobachtet einen verstärkten Zulauf der Szene. Für die Menschen aus dem Drogenmilieu sei es „schwieriger geworden, Orte zu finden, wo sie sich aufhalten können“.

Drogenszene am Lutherplatz in Kassel: Platz wird vermüllt

Verdrängungen gibt es laut dem Experten immer wieder. Dieses Jahr spielt offensichtlich auch die documenta eine Rolle. Am Rand des Friedrichsplatzes, wo sich sonst Junkies tummelten, essen nun Besucher der Kunstschau Pizza und Bowls.

Dass sich nun mehr Menschen am und um den Lutherplatz aufhalten, der für viele eigentlich einer der schönsten innerstädtischen Orte ist, merkt Schaaf auch an der „extremen Vermüllung des Platzes“. Darum hat die Kirche eine Reinigungsfirma engagiert, die dreimal in der Woche sauber macht. „Wir haben dafür Sorge zu tragen, dass man gern über den Platz geht, der ein wichtiger Durchgang in die Innenstadt ist“, sagt Schaaf. Das Evangelische Forum organisiert hier regelmäßig Veranstaltungen.

Ab Oktober sollen Mitarbeiter der Sicherheitsfirma Protex regelmäßig auf dem Platz präsent sein. Die Universität, die voriges Jahr auf der Wiese eine Forschungsstation eröffnete, hat mittlerweile einen Bauzaun um ihre hübsche Holzkonstruktion aufgestellt, um Vandalismus zu verhindern. Trotzdem hat ein Schmierer „Crack“ auf die Wand gekritzelt.

Lutherplatz in Kassel: Polizei macht „regelmäßig Schwerpunktkontrollen, teilweise mehrfach die Woche“

Die Polizei macht auf dem Platz „regelmäßig Schwerpunktkontrollen, teilweise mehrfach die Woche“, wie Sprecher Matthias Mänz sagt. Die Beamten seien hier nicht nur wegen Drogendelikten im Einsatz, sondern auch wegen Eigentumskriminalität und Auseinandersetzungen, die meistens innerhalb des Milieus stattfänden. Laut Mänz gibt es „keine drastische Zunahme an Personen auf dem Platz“.

Trotzdem bleibt das Problem bestehen. Streetworker Eichel wünscht sich deshalb „mehr Aufenthaltsmöglichkeiten, wo die Leute geduldet werden. So könnte das Problem am Lutherplatz entschärft werden.“ Es ist eine einfache Rechnung: Wo nur fünf Menschen aufeinandertreffen, gibt es weniger Probleme als dort, wo es 25 und mehr sind.

Frank, der auf der Straße viel rumgekommen ist, wenn er nicht gerade im Knast war, hat auch eine Meinung zum Lutherplatz. Er sagt: „So schlimm wie in Frankfurt ist es hier nicht.“ (Matthias Lohr)

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