Blick in Kassels Unterwelt

Abstieg in den ältesten erhaltenen Abwasserkanal der Stadt

Kassel. Von der ursprünglichen Kasseler Innenstadt ist seit dem Zweiten Weltkrieg kaum noch etwas zu sehen. Aber im Untergrund haben Bauwerke die Bombardierung überstanden. So gibt es noch einige historische Abwasserkanäle. Wir sind in den ältesten hinabgestiegen.

Das hektische Treiben in der aufgeheizten Innenstadt scheint hier unten weit weg zu sein. Nur das Rumpeln der Straßenbahnen ist zu hören. Zwischen Stern und Holländischem Platz erstreckt sich in vier Metern Tiefe der mit über 140 Jahren älteste erhaltene Abwasserkanal der Stadt, der bis heute in Betrieb ist.

„Der Kanal ist erstmals 1870 in Unterlagen dokumentiert, vermutlich ist er aber noch wesentlich älter“, sagt Arno Bauer, der beim Entwässerungsbetrieb Kasselwasser für das Kanalnetz zuständig ist. Das erhaltene Teilstück ist 250 Meter lang und reicht bis zur Bremer Straße. Die Wände sind teilweise aus der Zeit erhalten, als mit behauenem Naturstein gemauert wurde.

Hygienegedanke aus England

Der Kanal stamme aus der Zeit, als sich der Gedanke der Stadthygiene etablierte, sagt Bauer. Früher sei alles auf die Straße geschüttet worden, was für Krankheiten gesorgt habe. Von England aus habe sich dann die Schwemmkanalisation auch in Kassel durchgesetzt. „Das heißt, das Abwasser fließt allein durch das natürliche Gefälle ab“, sagt Bauer.

Große Ingenieurleistung: Dieses Bild zeigt eine Aufnahme aus dem Jahr 1909 vom Kanalbau unter dem Kasseler Möncheberg.

Wer das alte Kanalstück mit Gummistiefeln durchwatet, darf keine Platzangst haben. Es ist 75 Zentimeter breit und teilweise nur 1,40 Meter hoch. Auch sonst ist die Unterwelt kein Platz zum Wohlfühlen: Die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch und zu atmen gibt es nur einen dichtes Gemisch süßlich-fauliger Gerüche.

Kanalarbeiter brauchen Helm, Lampe und ihre PSA. „So kürzen wir unsere persönliche Schutzausrüstung ab“, sagt Bauer. Vor jedem Einstieg in den Gully wird die Luft im Kanal gemessen. Denn es könnten sich giftige oder explosive Gase gebildet haben.

Mehr alte Kanäle

Es sind noch weitere historische Kanäle - wenn auch nicht ganz so alt - erhalten geblieben. Zwischen Königsplatz und Stern gibt es einen Kanal, der um 1900 erbaut wurde. Er ist bereits aus Beton. Alte Kanäle sind auch unter der Kölnischen Straße und an der Holländischen Straße / Ecke Rothfelsstraße in Betrieb. (bal)

Das erste zusammenhängende Entwässerungsnetz hatte in Kassel Baudirektor Paul du Ry ab 1739 für die Oberneustadt (Bereich um die Karlskirche und das heutige Rathaus) angelegt. Es waren aber flacher liegende Kanäle, die mit Platten oder Gewölben abgedeckt waren. Erst im 19. Jahrhundert wurde eine tiefer liegende Kanalisation gebaut. Kassel bot durch die Hanglage dafür gute Voraussetzungen. Im Jahr 1870 gab es in Kassel ein Abwasserkanalnetz mit 22 Kilometern Länge, heute sind es 800 Kilometer.

Die meisten alten Kanäle sind verschwunden. Entweder, weil sie im Krieg zerstört wurden, zu klein wurden für die wachsende Stadt oder den technischen Ansprüchen nicht mehr genügten.

Mit einem Klischee räumt Bauer auf: „Ich habe in meinen 18 Jahren beim Entwässerungsbetrieb nicht eine Ratte im Kanal gesehen. Es gibt punktuelle Probleme mit Ratten, aber keinesfalls eine Plage.“

Von Bastian Ludwig

Anekdote zur Stadthygiene 

Die Stadthygiene hielt schon vor dem Kanalnetz Einzug in Kassel: Landgraf Moritz erließ bereits im Jahr 1613 die „Verordnung über das Reinhalten von städtischen Straßen“. Alle Hausbesitzer wurden verpflichtet, zweimal wöchentlich die Gassen und Plätze zu säubern. Wer sich nicht daran hielt, sollte fünf Gulden Strafe zahlen. Weil dies keine Wirkung zeigte, drohte der Landgraf damit, die „unsaubere Stadt“ für immer zu verlassen und seine Residenz zu verlegen. Daraufhin klappte es mit der Sauberkeit.

Rubriklistenbild: © Ludwig

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