Ärztin übersah über Jahre einen Tumor am Sehnerv einer Patientin

Blind nach einer Fehldiagnose in Radiologie-Praxis

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Kernspintomografie: Mithilfe solcher radiologischer Aufnahmen hätte der Tumor Gutachtern zufolge deutlich erkannt werden müssen.

Kassel. 55.000 Euro Schmerzensgeld musste eine in Kassel niedergelassene Gemeinschaftspraxis für Radiologie einer Patienten wegen eines groben ärztlichen Fehlers zahlen. Dazu wurde die Praxis vom Landgericht Kassel verurteilt. Außerdem fordert die Patientin 350.000 Euro Schadensersatz.

Eine Radiologin, die mittlerweile im Ruhestand ist, hatte bei regelmäßigen Kontrolluntersuchungen nach der Entfernung eines gutartigen Tumors am Sehnerv ein erneutes Wachstum des Tumors nicht erkannt. Die jetzt 43-jährige Patientin ist mittlerweile auf beiden Augen blind. Bei einer früheren Entfernung des Tumors hätte laut Gutachtern ein vollständiges Erblinden mit einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit verhindert werden können.

Ende Mai dieses Jahres hatte das Oberlandesgericht Frankfurt eine Berufungsklage der Ärztin gegen das Urteil des Landgerichts Kassel vom Februar 2012 abgewiesen und auch keine Revision zugelassen. Das Schmerzensgeld hat die Patientin mittlerweile von der Versicherung erhalten, die Schadensersatzforderung jedoch nicht.

Elf Jahre dauert der Rechtsstreit inzwischen. „Weder von der Ärztin noch von der Praxis kam bisher eine Entschuldigung“, sagt die 43-Jährige. Ihr Rechtsanwalt Dieter Cramer aus Paderborn bereitet schon die nächste Klage vor. Er spricht der HNA gegenüber von einer „Hinhaltetaktik der Versicherung“, der Kölner Axa Konzern AG. Die teilte auf Anfrage mit, sie habe das vom Gericht bestimmte Schmerzensgeld zeitnah beglichen. Eine weitere Zahlung habe noch nicht erfolgen können. „Denn das Gericht hat bestimmt, dass der materielle Schadensersatzanspruch vom Anwalt erst beziffert und belegt werden muss. Dies ist bisher nicht erfolgt.“ Cramer dagegen sagt, die Forderung an den Anwalt der Gegenpartei weitergeleitet zu haben.

Nach der ersten Operation 1994, bei der der Tumor nicht vollständig entfernt werden konnte, hat sich die Patientin regelmäßig mittels Kernspintomografie untersuchen lassen - auf Anraten der Ärzte in der Klinik immer in derselben Praxis. Ein erneutes Wachstum wurde dort aber bis 2002 nicht diagnostiziert.

Wachstum nicht erkannt

In Wirklichkeit war der Tumor aber seit 1996 stetig gewachsen. Und das hätte man den Gutachtern zufolge auch spätestens 1999 auf den radiologischen Aufnahmen erkennen müssen. Ein Jahr später wurde sogar eine Computertomografie gemacht. Auch Vergleiche mit der ersten Aufnahme der Operation, die 1996 angefertigt wurde, waren nicht erfolgt, wären aber laut Gerichtsurteil „zwingend notwendig gewesen“.

Ein im Gerichtsurteil zitierter Gutachter spricht von einem „elementaren Fehler, der aus ärztlicher Sicht schlechthin unverständlich ist“.

Das sagt die Fachanwältin: Solche Fälle kommen immer öfter vor

Es komme immer öfter vor, dass Patienten wegen ärztlicher Diagnosefehler Rechtsbeistand suchen, sagt die Kasseler Fachanwältin für Medizin- und Familienrecht Anni Demuth. Mitunter würden krankhafte Auffälligkeiten übersehen oder Patienten nicht zu Kontrolluntersuchungen einbestellt. Beispielsweise sei bei einem Patienten ein Tumor übersehen worden, so dass ein Teil der Lunge entfernt werden musste. Er erhielt 30.000 Schmerzensgeld.

Wenn der Patient den Ursachenzusammenhang zwischen dem Behandlungsfehler und dem gesundheitlichen Schaden nachweisen könne oder die Ursachenvermutung bei groben Behandlungsfehlern zugunsten des Patienten (wie im Fall der Kasselerin) greift, spreche das Gericht auch angemessene Schmerzensgelder zu.

Betroffene Patienten könnten gleich einen Anwalt aufsuchen oder sich an die Schlichtungsstelle der Landesärztekammer oder die Krankenkassen wenden. Dabei gelte es wegen einer Verjährungsfrist von drei Jahren, keine Zeit zu verlieren. (hei)

Von Mirko Konrad

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