Justiz wollte ihn nicht gehen lassen

Blinder Protokollführer Dietmar Hillesheim macht nach 50 Jahren Schluss

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Unterstützung von den Kollegen: Wachtmeister Thomas Brethauer hilft Protokollführer Dietmar Hillesheim, vom Landgericht ins Amtsgericht zu kommen.

50 Jahre lang hat Dietmar Hillesheim jedes Wort in den Gerichtssälen des Kasseler Landgerichts mitbekommen - und vor allem mitgeschrieben. Er war Protokollführer. Die Besonderheit: Er ist blind. Jetzt hört der beliebte Mitarbeiter auf.

Einmal hat er sich in seiner beruflichen Laufbahn wegen seiner Behinderung diskriminiert gefühlt, erzählt Dietmar Hillesheim. Eine Verteidigerin aus Frankfurt, die vor dem Kasseler Landgericht einen Räuber vertreten hatte, war mit dem Urteil nicht einverstanden. Sie legte dagegen Revision ein. Ihre Begründung: Der Protokollführer ist blind.

„Das hat mich damals erschüttert“, sagt Hillesheim. Beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe kam diese Revision offenbar auch nicht gut an. „Sie wurde mit einem Satz abgeschmettert“, erinnert sich der 67-Jährige, der seit seiner Kindheit erblindet ist.

Ansonsten hat Hillesheim nie Probleme als Protokollführer im Kasseler Landgericht gehabt. Im Gegenteil. Eigentlich ist er schon seit zwei Jahren regulär in Rente. „Aber man wollte nicht auf mich verzichten“, erzählt Hillesheim, der viele große Strafprozesse vor dem Landgericht und mehrere tausend Verhandlungstage protokolliert hat. Er war zum Beispiel zuständig im Prozess des „Kannibalen von Rotenburg“, im Fall der von ihrem Bruder getöteten Türkin Mehtap Savasci und im Verfahren der in Hofgeismar ermordeten Joggerin.

So schloss er mit seinem Arbeitgeber vor zwei Jahren den Kompromiss auf eine halbe Stelle. Damit ist aber heute auch Schluss. Nach genau 50 Jahren als Angestellter im Dienst des Landes Hessen, davon 27 Jahre beim Landgericht Kassel, wird er offiziell in den Ruhestand verabschiedet.

Dabei denkt Hillesheim voller Dankbarkeit zurück. All seine Kollegen im Gericht, von den Richtern bis zu den Wachtmeistern, hätten ihn immer sehr gut unterstützt, um seine Behinderung zu kompensieren.

Dietmar Hillesheim, der aus der Wetterau stammt, war vier Jahre alt, als Kinder mit einem spitzen Holzstück herumspielten, das seine linke Pupille traf. Dadurch verlor er sein linkes Auge. Die Sehkraft auf dem rechten Auge wurde aber auch immer weniger. „Als ich sechs war, war mein Sehvermögen so schlecht, dass ich nicht in eine normale Schule gehen konnte.“ Deshalb wurde er zur Blindenschule nach Friedberg, einem Internat, geschickt. Im Nachhinein sei das eine gute Entscheidung gewesen, da er von klein auf die Blindenschrift richtig gelernt habe. Hier machte er nicht nur den Realschulabschluss, sondern besuchte auch die Handelschule. Nachdem er seine Prüfung abgelegt hatte, begann er 1969 seinen Schreibdienst im Friedberger Landratsamt.

1973 wechselte er zur Justiz, zunächst führte er Protokoll beim Landgericht Gießen, später beim Oberlandesgericht in Frankfurt. Durch die Justiz lernte er auch seine zweite Frau Claudia kennen. Da diese ihre Ausbildung beim Amtsgericht Kassel machte und in Baunatal lebte, zog er ebenfalls dorthin. Mit ihr hat er einen Sohn, einen weiteren aus erster Ehe.

Seine Frau, die ebenfalls im Justizzentrum an der Frankfurter Straße arbeitet, ist nicht blind. Sie unterstützt ihn bei einigen seiner Hobbys, wie zum Beispiel dem Kegeln. Im Blindenkegeln ist Hillesheim mehrfach Hessenmeister geworden, 2013 war er sogar Deutscher Vizemeister. Zudem spielt er gut Schach und engagiert sich im Blinden- und Sehbehindertenbund Hessen.

Hillesheim hat viele Mörder und andere Schwerverbrecher im Gerichtssaal erlebt. Wie hat er sich von ihnen einen Eindruck verschafft? „Eine Einschätzung ist schwierig, wenn das Visuelle fehlt. Aber eine Stimme sagt auch etwas über einen Menschen aus“, sagt der 67-Jährige, der das Gros seiner Kollegen (bis auf die ganz jungen) an der Stimme erkennt.

Dass eine Stimme aber auch täuschen kann, habe er beim „Kannibalen von Rotenburg“ erlebt. „Wenn man den gehört hat, dann meinte man, einen ganz normalen Menschen vor sich zu haben. Da wäre man nie auf den Gedanken gekommen, was da alles gelaufen ist.“

So schrieb er seine Protokolle

Während der Gerichtsverhandlung hat Protokollführer Dietmar Hillesheim immer auf einer normalen Computertastatur mitgeschrieben. Der Bildschirm war bei ihm aber aus. Stattdessen konnte er auf einer sogenannten Braillezeile ertasten, was er geschrieben hat. Kleine Punkte stellen das, was auf dem Monitor zu sehen wäre, in Blindenschrift dar. Seit es solche Hilfen auch für Blinde gibt, sei seine Arbeit deutlich einfacher. „Früher wurde die Blindenschrift während des Schreibens auf lange Zettel gedruckt. Da musste man immer hoffen, dass keiner drauf tritt“, so Hillesheim.

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