Bis zu 25 Bomben schlummern im Erdreich

Kasseler Hauptfriedhof: Droht Totengräbern Gefahr durch Blindgänger?

Bis zu 25 Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg liegen auf dem Kasseler Hauptfriedhof. Friedhofschef Jürgen Rehs fordert nun, dass gehandelt wird. Er macht sich Sorgen um seine Mitarbeiter.

Erst im Juli und September dieses Jahres wurden Teile der Kasseler Innenstadt evakuiert, weil bei Bauarbeiten an der Westendstraße und an der Fünffensterstraße Sprengbomben aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden worden waren. Experten des Kampfmittelräumdienstes mussten die Blindgänger entschärfen. Bis zu 25 solcher nicht detonierten Bomben könnten im Erdreich des Kasseler Hauptfriedhofs in der Nordstadt liegen.

Jürgen Rehs, Chef der Friedhofsverwaltung, fordert deshalb, dass die Verdachtspunkte, die derzeit bereits mit Stangen markiert sind, alle sondiert werden. Die Stellen liegen laut Rehs neben Wegen, auf Pflanzflächen, aber auch direkt an Grabfeldern. „Ich mache mir Sorgen um meine Mitarbeiter“, sagt Rehs. Schließlich steige im Laufe der Jahre die Gefahr, dass intakte Zünder der Bomben durchrosten und diese explodieren.

Um das Problem anzugehen, hat Rehs bereits vor zwei Jahren Kontakt mit dem Kampfmittelräumdienst, der beim Regierungspräsidium Darmstadt (RP) angesiedelt ist, aufgenommen. Dort habe er allerdings eine „merkwürdige Auskunft“ erhalten. Man müsse sich nur Gedanken über Blindgänger machen, wenn „bodeneingreifende Maßnahmen“ auf dem Friedhof vorgenommen würden. Darunter verstehe der Kampfmittelräumdienst „flächendeckende“ Arbeiten, zum Beispiel, wenn auf einer Fläche von 1000 Quadratmetern 50 Zentimeter Erde abgetragen würde. Wenn die Totengräber punktuell ein Grab von 1,70 Meter ausheben, dann handele es sich laut Kampfmittelräumdienst um keine „bodeneingreifende Maßnahme“.

RP-Sprecher Dieter Ohl bestätigt, dass man nach wie vor diese Ansicht vertritt. Allerdings befürworte man auch, dass im Fall, dass neue Grabfelder auf dem Hauptfriedhof entstehen sollten, diese Flächen zuvor systematisch nach Blindgängern absuchen müsse. 

Angehörige machte sich Sorgen

Kürzlich kam eine Frau zur Kasseler Friedhofsverwaltung, die Sorge hat, dass der Sarg ihres verstorbenen Mannes durch eine Bombe in die Luft fliegen könnte. Zudem hat die Frau Bedenken, dass nach ihrem eigenen Tod der Totengräber, der ihr Grab schaufelt, verletzt werden könnte. Jürgen Rehs, Chef der Kasseler Friedhofsverwaltung, kann die Bedenken der Frau nachvollziehen.

Nur weinige Meter neben dem Familiengrab, in dem auch der Mann der besorgten Frau im Frühjahr beigesetzt wurde, befindet sich ein rot-gelber Stab. Dabei handelt es sich um eine von etwa 25 Markierungen auf dem Hauptfriedhof, die auf mögliche Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg hinweisen.

Hunderte Bomben auf Hauptfriedhof gefunden

Dass zahlreiche Bomben über das Areal in der Nordstadt abgeworfen worden sind, ist unstrittig. Rehs berichtet, dass Totengräber bis in die 1980er-Jahre beim Ausschachten von Gräbern jedes Jahr hunderte von Stabbrandbomben mit Phosphor gefunden haben. Diese seien damals auf dem Wirtschaftshof des Friedhofs gesammelt und einmal im Jahr vom Kampfmittelräumdienst entsorgt worden. „Die älteren Kollegen, die den Krieg selbst miterlebt haben, haben das damals lockerer gesehen“, sagt Rehs.

Anhand von Aufnahmen der Alliierten, die der Bundesrepublik Deutschland nach der Wiedervereinigung zur Verfügung gestellt worden sind, geht man davon aus, dass neben den zahlreichen Phosphorbomben auch 200 Sprengbomben über dem Areal in der Nordstadt abgeworfen wurden. In 25 Fällen sei es möglich, dass diese Bomben vor 75 Jahren nicht detoniert seien, und als Blindgänger im Erdreich schlummern.

Davon geht man beim Kampfmittelräumdienst, der beim Regierungspräsidium in Darmstadt angesiedelt ist, auch aus. Das Friedhofsgelände liege im Bombenabwurfgebiet und im Bereich ehemaliger Flak-Stellungen, so RP-Sprecher Dieter Ohl. Es müsse also mit Bombenblindgängern (Spreng- und Brandbomben) und mit Flak-Granaten gerechnet werden.

Nichtsdestotrotz sieht man beim Kampfmittelräumdienst derzeit keine Veranlassung, die Verdachtsställe auf dem Friedhof zu untersuchen. Man habe die Friedhofsverwaltung daraufhingewiesen, dass Graböffnungen wohl keine „bodeneingreifenden Bauarbeiten“ sind. Deshalb sei die punktuelle Überprüfung von weiteren Blindgängerverdachtspunkten durch die Experten nicht „unbedingt zu verlangen, weil insgesamt eine Kampfmittelbelastung gegeben ist“.

Es gibt aber auch einen ethischen Aspekt. Man müsse bedenken, inwieweit es vertretbar ist, an „bestehenden Gräbern nach Bomben und Granaten zu suchen und dort nachzugraben“, so Ohl.

Dass das Thema Blindgänger auf Friedhöfen und der Umgang damit ein heißes Eisen ist, zeigt sich daran, dass sich, außer Kassels Friedhofschef wohl noch kaum jemand damit beschäftigt hat.

Er habe mit Kollegen anderer Städte wie Berlin Magdeburg, Darmstadt und Frankfurt, deren Friedhöfe im Krieg ebenfalls bombardiert worden sind, gesprochen, sagt Rehs. Bislang habe sich noch niemand mit der Problematik auseinandergesetzt.

Im September ist am Kasseler Ständeplatz eine Bombe gefunden worden. Sie wurde nach einer großen Evakuierungsaktion erfolgreich entschärft. Im gleichen Monat entdeckten Kampfmittelexperten außerdem eine Bombe auf der Hessenkampfbahn.

Bereits im Juli hatte es einen ähnlichen Fund gegeben: Im Vorderen Westen wurde ein Blindgänger entdeckt. 

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