Interview mit Volker Lange vom Umweltamt Kassel

Nicht nur Hingucker: Warum Blühstreifen für Insekten lebenswichtig sind

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Bleibt in Erinnerung: Die Blumenwiese im vergangenen Jahr auf dem Steinweg. Im Hintergrund ist der documenta-Parthenon der Bücher zu sehen.

Kassel. Die Blumen in Kassel sind nicht nur ein Hingucker, sondern auch für Insekten lebenswichtig: Volker Lange vom Umwelt- und Gartenamt im Interview über das Blühstreifenprojekt. 

Die bunte Blumenvielfalt an den Kasseler Straßenrändern war in den vergangenen Jahren ein Blickfang für viele Kasseler und Besucher. In diesen Tagen beginnt erneut die Aussaat der Samenmischungen im Stadtgebiet. Wir haben mit Volker Lange, Leiter der Abteilung Freiraumplanung beim Umwelt- und Gartenamt der Stadt Kassel, über das Projekt und seinen Nutzen gesprochen.

Herr Lange, die Kasseler erfreuen sich an den Blühstreifen überall im Stadtgebiet. Fallen die Blumenwiesen einfach nur ins Auge oder haben sie noch einen weiteren Nutzen?

Volker Lange: Die Flächen sind nicht nur optisch ein bunter Hingucker, sie dienen auch der Biodiversität. Das heißt: Sie sichern die Vielfalt der Lebewesen, hier konkret der Insekten. Die normalen Grasflächen werden mit Kräutern und Stauden angereichert. Diese Flächen bieten dann Insekten, Hummeln, Bienen und Käfern ein optimales Nahrungsangebot im Stadtgebiet.

Was macht die Blumenwiesen auch bei den Anwohnern so beliebt?

Lange: Viele Bürger haben sich sattgesehen am normalen Rasen. Das Grün wird gerne genutzt zum Picknicken und zum Fußballspielen, aber im Sommer braucht die Stadt Blüten und Farbe, damit die Natur spürbar wird. Viele säen die Blumen auch vor die eigene Haustür, das ist dann ein ästhetischer Aspekt, gerade wenn man keinen eigenen Garten hat.

Wann beginnt die Aussaat der Blumen?

Lange: Die Aussaat beginnt im April. In diesem Jahr ist die Witterung bislang sehr günstig. Der Boden ist feucht, aber es regnet nicht dauerhaft. Dann können wir die Flächen fräsen und danach wird gleich eingesät. Diese Arbeiten finden dann bis Ende Mai statt. Es kann aber auch noch im Juni gesät werden.

Wann stehen die Flächen dann in voller Blüte?

Lange: Auch das hängt stark von der Witterung ab. Wichtig ist, dass die Temperaturen oberhalb der Frostgrenze bleiben. Es kann tagsüber so schön sein, wie es will, wenn es nachts noch mal richtig kalt wird, dann kommt der Keimprozess ins Stocken. Wenn wir Glück haben, dann können die Flächen bereits in vier bis sechs Wochen in voller Blüte stehen.

Volker Lange, neuer Mitarbeiter des Umwelt- und Gartenamtes

Wie lange hat man Freude an der Blüte?

Lange: Die Mischungen sind so angelegt, dass sie fortwährend nachblühen. Wenn sie im Juni in voller Blüte stehen, dann blühen sie eigentlich durch bis zum ersten Frost im Herbst. Wenn es allerdings einen sehr heißen Sommer mit wenig Niederschlägen gibt, dann erschöpft sich die Mischung auch schneller. Es ist für Flora und Fauna gleichermaßen positiv, wenn die Flächen den Winter über stehen bleiben. Dadurch können sich zum einen die Pflanzen wieder aussäen und zum anderen dienen die abgestorbenen Pflanzenteile vielen Insekten als Winterquartier. Viele Vögel profitieren zudem vom zusätzlichen Nahrungsangebot.

Wird überall die gleiche Blumenmischung verwendet?

Lange: Nein, es gibt unterschiedliche Mischungen. Der Unterschied liegt darin, dass es einjährige und mehrjährige Mischungen gibt. Die mehrjährige Mischung wird einmal ausgesät und dann nur noch gemäht. Hier entsteht dann die klassische Blumenwiese, die länger für die Entwicklung braucht und vom Farbenbild nicht so knallig ist wie die einjährigen Mischungen.

Wie werden die Flächen ausgewählt?

Lange: Bei den Flächen muss unterschieden werden zwischen Ausgleichsflächen für zum Beispiel Neubauprojekte, die mit einheimischen Pflanzen auf größeren Flächen dauerhaft angelegt werden, oder eben die einjährigen Flächen, die im Stadtgebiet für eine Saison eingesät werden.

Was ist der Vorteil gegenüber den traditionellen Blumenbeeten?

Lange: Die Blühflächen sind weniger aufwendig. Im Beet müssen die Pflanzen einzeln gesetzt und gegossen werden, diese Arbeit entfällt bei Blühstreifen.

Wer also vor seiner Haustür Blumen haben möchte, kann die Mischung kaufen und selbst aussäen?

Lange:Genau. Mittlerweile gibt es solche Mischungen in großer Vielfalt in Gartencentern oder im Internet zu kaufen. Viele glauben, dass solche Blumenmischungen keine Arbeit machen, aber ganz so einfach ist es dann auch nicht, ein bisschen Bodenvorbereitung ist schon notwendig. Ein häufiger Irrtum ist auch, dass die bunte Blumenwiese das ganze Jahr hält. Man muss da einjährige und mehrjährige Mischungen unterscheiden und eben auch schauen, was sich für das jeweilige Grundstück eignet.

Wie sieht es in anderen Kommunen aus?

Lange:Das ist ganz unterschiedlich. Im Moment gibt es ganz klar einen Trend zu Blumenwiesen. Die bunte Vielfalt sorgt einfach für Freude bei Bewohnern und Betrachtern, gerade auch an Stellen in der Stadt, wo man vielleicht noch nicht unbedingt damit gerechnet hat.

Mit Blick auf den Blumenstrauß: ist es ein Problem, dass die Menschen die Blühflächen abpflücken?

Lange:Auf unseren Samentütchen steht ja: ,ein Blumenstrauß für einen Sommer‘, da ist es okay, wenn sich der ein oder andere mal ein paar Blumen mit nach Hause nimmt. Auch die Narzissenfelder, die es im Frühling im Stadtgebiet gibt, verführen dazu. Wir hatten bislang auch keinen Fall, wo eine Fläche komplett abgeerntet oder zerstört worden ist. Wir merken, dass die Flächen immer mehr im Stadtgebiet respektiert und geschätzt werden. Auch die Ortsbeiräte unterstützen uns bei der Umsetzung des Blühflächenkonzeptes.

Volker Lange (54) ist Leiter der Abteilung Freiraumplanung beim Umwelt- und Gartenamt der Stadt Kassel. Lange ist verheiratet, wohnt in Kassel und hat zwei Kinder.

Was ist in der Blumenmischung?

Im Prinzip die klassischen Bauerngartenpflanzen: Einige Beispiele sind Kalifornischer Mohn, Mohn, Nachtviole, Bechermalven, Mädchenauge, Kornblume, Kosmeen, Ringelblumen, Leinkraut. Meist beinhaltet die Mischung 30 bis 50 verschiedene Blumen, möglichst Kräuter, weil die für Insekten am wertvollsten sind. Gräser verbreiten sich von selbst schneller. 

Beim Tag der Erde am 22. April und bei der im Rahmen der Kasseler Gartenkultur stattfindenden Pflanzenbörse im Botanischen Garten am 27. Mai sind die Samentütchen mit Blumensamen erhältlich, sie reichen für einen Quadratmeter.

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