Stolpersteine für Mitglieder der Familie Ziering: Sie wurden vertrieben und getötet

Blutspuren im Ghetto Riga

Das Foto aus dem Jahr 1939 zeigt die Familie Ziering (von links stehend) Benjamin Ziering, Abraham Kott, Leo Ziering, Isaak Ziering mit Hermann und Sigi, (vorne) Rifka Ziering, Anna Kott, Zilla Ziering mit Jutti, Cilly Ziering.
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Mutter mit ihren Kindern: Das Foto aus dem Jahr 1939 zeigt (von links stehend) Benjamin Ziering, Abraham Kott, Leo Ziering, Isaak Ziering mit Hermann und Sigi, (vorne) Rifka Ziering, Anna Kott, Zilla Ziering mit Jutti, Cilly Ziering.

Am Dienstag, 12. Oktober, werden in Kassel Stolpersteine für Mitglieder der Familie Ziering verlegt. Sie waren vom NS-Regime deportiert, vertrieben und ermordet worden.

Kassel. „Lieber Papa! Heute will ich Dir berichten, wo wir überall waren“, schreibt Siegfried „Sigi“ Ziering nach dem Krieg und der Kapitulation des Hitler-Regimes am 25. Juni 1945 von Schweden aus an seinen Vater Isaak Ziering in England. Mit „wo wir überall waren“ umschreibt er die Vertreibung und Terror-Odyssee der jüdischen Familie aus Kassel durch Konzentrationslager, auf Todesmärschen, in Zwangsarbeit und auf der Flucht.

Sigis Tante Zilla und ihre kleine Tochter Jutti (eineinhalb Jahre) kamen dabei ums Leben.

Die anderen Familienmitglieder haben die Qualen überlebt, sind auseinandergerissen und nach Verfolgung und Misshandlungen weit verstreut. Im Brief an den Vater beschreibt der 17-Jährige, wie die Familie vier Jahre zuvor von Kassel aus ins KZ Riga deportiert worden war und was sie erleiden musste: „Am 9. Dezember 1941 wurde der Transport von 1000 Mann in der Turnhalle Schillerstraße zusammengestellt. Die Hälfte aus Kassel, die anderen aus der Umgebung. Dort wurden uns Papiere, Gold, Geldsachen und Uhren abgenommen. (....). Wir fuhren über Berlin, Breslau, (...) und kamen am 12. Dezember 1941 in Riga an. Es waren 40 Grad Kälte. Bei einem Schneesturm mussten wir ins Ghetto marschieren. Zehn Kilometer. Unterwegs wurden die Männer von 17 bis 45 für das Vernichtungslager Salaspilz ausgesucht.“

Wiedersehen nach 1945: Cilly und Isaak Ziering mit ihren Söhnen Siegfried und Hermann.

Siegfried Ziering, damals 13 Jahre alt, beschreibt die Ankunft in Riga. Dort waren zuvor 34 000 lettische Juden untergebracht, die von der SS umgebracht wurden, um für die Deportierten Platz zu schaffen. „Als wir ins Ghetto kamen, fanden wir überall Blutspuren. Die Mörder durften das Ghetto plündern. Die ersten drei Wochen bekamen wir überhaupt keine Verpflegung.“ Innerhalb von zwei Monaten kamen 11 000 weitere Juden aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei ins Lager, berichtet Siegfried Ziering.

Die Zierings stammen ursprünglich aus Kalusz, einer ukrainischen Stadt am Fuße der Karpaten. Kalusz gehörte vor dem Ersten Weltkrieg zu Österreich-Ungarn, fiel aber nach dem sowjetisch-polnischen Krieg 1923 an Polen.

Tzvi Khaim Ziering und Rivka Nussbaum, Sigis Großeltern, haben vier Söhne und eine Tochter, die in Kalusz zur Welt kamen; Joseph (1888), Isaak (1895), Leo (1900), Benjamin (1903) und Anna (1907). Als Kalusz an Polen fiel, wanderten die Brüder nach Deutschland aus. Joseph ging nach Hannover, die jüngeren nach Kassel. Nach dem Tod des Vaters 1929 kamen Mutter Rifka und Tochter Anna ebenfalls nach Kassel. Zusammen betrieben die Brüder Leo, Benjamin und Isaak Ziering ein Wäschegeschäft am Pferdemarkt 28. Teilweise war es auf Isaak Ziering gemeldet, dessen Beruf mit Reisender angegeben wird, teilweise auf die Kaufmänner Leo und Benjamin Ziering. Leo Ziering lebte zwischenzeitig in Essen, wo er ein Geschäft betrieb, das er ab 1929 in Kassel in der Schillerstraße 7 weiterführte: ein Ladengeschäft für Herrenwäsche mit vier Angestellten.

Bei den Novemberpogromen 1938 wurde auch die Geschäfte der Zierings vom NS-Mob zerstört und geplündert. „Doch das war nur der Anfang“, schreibt Jürgen Strube im Stolperstein-Gedenkblatt für die Familie.

1939 wurden die Brüder und Schwager Abraham Kott aus ihren Familien gerissen und aufgrund einer Ausländer-Polizeiverordnung an die polnische Grenze gebracht, wo sie aber die Polen zurückwiesen. Die Männer schlugen sich nach Berlin durch und kamen von dort über Umwege nach England, wo sie bis nach der Kapitulation der Wehrmacht von ihren Frauen und Kindern getrennt lebten. Isaak Ziering emigrierte 1949 mit seiner Frau Cilly und den Söhnen Sigi und Hermann in die USA.

Ende der 1990er-Jahre hat der Künstler Gunter Demnig die Aktion Stolpersteine ins Leben gerufen. Er will damit an die Opfer der NS-Zeit erinnern, indem er vor dem letzten selbst gewählten Wohnort der Menschen Gedenktafeln mit deren Lebensdaten in den Bürgersteig einlässt.

Für Mitglieder die Familie Ziering werden am Dienstag, 12. Oktober, in Kassel Stolpersteine verlegt.

13.30 Uhr am Pferdemarkt 12/14: für Isaak und Cilly Ziering und ihre Söhne Hermann und Siegfried sowie für Benjamin Ziering

14 Uhr Jägerstraße 1: für Abraham und Anna Kott, geb. Ziering

14.30 Uhr Schillerstraße 7: für Leo Ziering. Für seine ermordete Frau Zilla und Tochter Jutti sind dort bereits vor fünf Jahren Stolpersteine verlegt worden.

(Christina Hein)

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