Vor Kurzem wurde noch hart um den Standort gerungen

Bombardier baut Zugmaschinen: Diese Chancen gibt es nun für den Kasseler Lokbauer

Gefragt: Die Loks aus Kasseler Produktion laufen gut. In diesem Jahr sind gut 100 Zugmaschinen gebaut und ausgeliefert worden. Im kommenden Jahr sollen es eben so viele werden. Unser Foto zeigt Brian Rose bei seiner Arbeit. Archivfoto: Zgoll

Kassel. Die gut 700 Beschäftigten des Bombardier-Werks in Kassel können aufatmen. Vor nicht allzulanger Zeit stand der gesamte Standort auf der Kippe.

Bis vor einem halben Jahr wurde hart um den Standort gerungen, der nach dem Willen des geschassten Managements zugunsten des italienschen Schwesterwerks Vado Ligure abgewickelt werden sollte.

Dank des massiven Widerstands der Belegschaft und Gewerkschaft, der geschlossenen Intervention der politischen und wirtschaftlichen Entscheider in der Region, der Unterstützung von wichtigen Kunden wie die Deutsche Bahn sowie dem massiven medialen Druck rückte die Spitze des deutsch-kanadischen Bahntechnik-Herstellers von ihren Verlagerungsplänen ab.

„Elementar wichtig“

Mit dem jüngsten Auftrag der italienischen Staatsbahn ist der Standort seine Sorgen allerdings nicht los. Gleichwohl bietet er den Kasseler Lokbauern die Chance, verloren gegangene Marktanteile und angekratztes Vertrauen zurückzugewinnen. Mit der dritten Generation von Multisystemloks auf kann der Traditionsstandort beweisen, dass er den technologischen Anschluss auf diesem Gebiet nicht verloren hat.

Der Auftrag ist zwar nur ein mittelgroßer, nach Einschätzung eines versierten Bahntechnik-Experten aber „elementar wichtig“. Es gehe um nicht weniger als die erfolgreiche Markteinführung eines neuen Produkts, das einen Innovationsschub in der Branche auslösen soll. „Das dürfen die Kasseler jetzt nicht vergeigen“, warnte er im Gespräch mit der HNA. Ein ander Branchenkenner sagte, dass die neue Plattform Maßstäbe in Europa setzen und das Werk sichern werde.

Ungeachtet dessen bleibt die Zukunft des Standorts weiter ungewiss. Nachdem sich Wettbewerber Siemens für ein Zusammengehen mit dem französischen Bahnkonkurrenten entschlossen hat, bleibt der angeschlagene Bombardier-Konzern im Bereich der Bahntechnik vorerst allein.

Branchenkenner halten einen Verkauf der Sparte als Ganzes oder in Teilen für wahrscheinlich. Als Käufer käme der Schweizer Bahntechnik-Hersteller Stadler in Frage. Auch dem japanischen Hitachi-Konzern wird Interesse nachgesagt. Und dann wäre da noch der chinesische Branchenriese CRRC, der mit Geld und Macht sowie gewaltigen Überkapazitäten in den europäischen Markt drängt.

Kassel ist zweifelsfrei ein Filetstück, das sich alle drei gern unter den Nagel reißen würden. Denn komplexe Multisystemloks wie die aus Kassel, die im zersplitterten europäischen Bahnnetz mit unzähligen nationalen Vorschriften und Technikstandards grenzüberschreitend fahren können, können nicht viele bauen.

Sorgen bereitet dem Standort zudem der geplante Abzug von Einkauf und mechanischer Konstruktion nach Mannheim. Etwa 140 Mitarbeiter wären betroffen. Nach Ansicht viele Bahntechnik-Experten wäre dies „ein großer Fehler“.

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