Interview zur Zukunft des Unternehmens in der Region

Bombardier-Deutschland-Chef bekennt sich zu Standort Kassel

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Michael Fohrer vor der Multisystemlok der dritten Generation: Sie ist der Hoffnungsträger der Kasseler Lokbauer. 

Mehrfach in den vergangenen zwei Jahren stand das Bombardier-Lokwerk in Kassel vor der Schließung. Jetzt soll es im Zuge eines Effizienzprogramms fit für die Zukunft gemacht werden.

Darüber sprachen wir mit Bombardier-Chef Michael Fohrer.Fast zwei Jahre lang haben Management und Gesamtbetriebsrat von Bombardier um Neuausrichtung und Sanierung des deutsch-kanadischen Bahntechnik-Herstellers gerungen. Ende März kam die Einigung: Alle sieben deutschen Standorte – Hennigsdorf, Görlitz, Bautzen, Siegen, Mannheim, Braunschweig und Kassel – bleiben erhalten. Bis 2020 werden bundesweit 1500 feste sowie 700 Zeitarbeiterstellen abgebaut, wobei in diesem und kommenden Jahr auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet wird.

Herr Fohrer, können sie die neue Strategie und die künftige Rolle Kassels mit derzeit 630 festen Mitarbeitern skizzieren?

Michael Fohrer: Die neue Strategie zielt auf Standardisierung der Produktplattformen, Spezialisierung der Standorte und Investitionen in die Digitalisierung ab. Kassel ist und bleibt unser zentraler Produktionsstandort für Lokomotiven. Hier bauen wir seit 170 Jahren Loks und wollen 2023 gemeinsam 175 Jahre Lokbau feiern. Wir bekennen uns klar zu diesem Standort mit seiner hohen Fertigungskompetenz. Gleichzeitig werden wir das Service-Geschäft weiter ausbauen. In den Bereichen Wartung, Instandhaltung und Modernisierung sehen wir große Wachstumspotenziale. Zudem wird Kassel eng mit dem Standort Mannheim zusammenarbeiten, denn Mannheim trägt künftig die weltweite Verantwortung für die Entwicklung neuer Lokomotiven.

Heißt das, dass das Engineering abgezogen wird?

Fohrer: Nicht in Gänze, sondern nur das für Neuentwicklung. Das produktionsnahe Engineering bleibt in Kassel. Wir reden über rund 30 Stellen, die zur Disposition stehen. Den Betroffenen bieten wir einen Wechsel beispielsweise nach Mannheim oder alternativ eine Qualifizierung für eine andere Tätigkeit im Unternehmen an. Unsere Transformation ist wirtschaftlich sinnvoll durch einen Sozialplan und ein Freiwilligenprogramm verantwortlich.

Gibt es über den moderaten Stellenabbau hinaus einen Beitrag, den Kassel für die Sanierung leisten muss?

Fohrer: Wir müssen alle Standorte darauf ausrichten, effizienter und profitabel zu werden. Für Kassel heißt das, die Produktkosten um 20 Prozent zu senken und die Produktionszeit je Lok auf 20 Tage zu halbieren. Zudem werden wir Liefertreue gewährleisten und mit Innovationen die Effizienz unserer Loks steigern. Letztlich geht es um Kundenzufriedenheit. Wir müssen unsere Kunden davon überzeugen, dass Bombardier zuverlässiger, schneller und besser als der Wettbewerb ist.

Gibt es Abstriche bei den Einkommen?

Fohrer: Das ist nicht Gegenstand der getroffenen Transformationsvereinbarung.

Was passiert mit den anderen Standorten?

Fohrer: Ganz grob zusammengefasst: Berlin bleibt weltweite Konzernzentrale von Bombardier Transportation. Hennigsdorf wird Forschungs- und Entwicklungszentrum für S- und U-Bahnen sowie für Fern- und Regionalzüge. Dort werden auch die Prototypen gebaut und zugelassen. Bautzen übernimmt dann die Serienfertigung. Görlitz steuert Wagenkästen bei, Siegen die Drehgestelle. In Braunschweig wird Leit- und Sicherungstechnik entwickelt und hergestellt, und Kassel baut Loks.

Bombardier sind zuletzt viele Lokkunden weggelaufen – vor allem wegen Qualitätsmängeln. Einige Branchenkenner sagen, dass ihr Hauptkunde, die Deutsche Bahn, den Kasselern nicht mehr zutraut, dieses Problem nachhaltig in den Griff zu bekommen.

Fohrer: Da muss ich komplett widersprechen. Mit unserer Transformation haben wir die richtigen Schritte eingeleitet. Dieses Feedback bekommen wir auch von unseren Mitarbeitern und Kunden. Jetzt geht es darum, unsere vereinbarten Ziele zu erreichen und unsere Strategie bis spätestens 2020 umzusetzen. Und zum Thema Zutrauen der Kunden: Der Bahnbetreiber TX Logistik hat uns mit der Bestellung von 40 Multisystemloks der jüngsten Generation gerade sein Vertrauen ausgesprochen. Auch das französische Unternehmen Akiem hat kürzlich zehn Loks dieses Typs geordert. Damit haben wir eine innovative Lok „Made in Kassel“ erfolgreich am Markt platziert. Ich bin sicher, wenn beide Kunden zufrieden sind, werden andere folgen.

Branchenkenner glauben, dass sich Bombardier bei einem Misserfolg der neuen Lok komplett vom Bau komplexer Zugmaschinen verabschiedetund Kassel dann zum reinen Service-Standort heruntergestuft wird.

Fohrer: Wir haben mit der Multisystemlok ein hoch innovatives Produkt mit deutlichem Mehrwert für unsere Kunden entwickelt und gleichzeitig neue Maßstäbe definiert. Diese neue Lok ist eine echte Europäerin, die aufgrund ihrer Flexibilität effizient und zuverlässig grenzüberschreitend fahren kann. Darüber hinaus haben wir weitere gute Loks im Portfolio. Mit über 2000 verkauften Loks ist unsere Traxx-Plattform die erfolgreichste in Europa. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir auch in Zukunft erfolgreich sein werden.

Ihre Vorgänger wollten Kassel zugunsten des italienschen Schwesterwerks Vado Ligure dichtmachen. Ist das nun endgültig vom Tisch?

Fohrer: Es wurde in den letzten Monaten viel über die Zukunft der deutschen Standorte spekuliert. Wir haben mit den Arbeitnehmervertretern einvernehmlich eine kraftvolle Zukunftsstrategie beschlossen. Mit dieser Strategie wollen wir Kassel wirtschaftlich erfolgreich machen. Damit erledigen sich derartige Überlegungen von selbst.

Zielt das jetzt angestoßene Effizienzprogramm darauf ab, die Kasseler Braut für einen Verkauf schön zu machen?

Fohrer: Nein. Siemens und Alstom sind dabei, ihre Bahnaktivitäten zusammenzulegen. Die Kunden haben aus nachvollziehbaren Gründen ein großes Interesse an einer starken Alternative im Markt, um bei Ausschreibungen eine Wahl zu haben. In dieser Rolle gefallen wir uns gut. Im Übrigen sind Schienenmobilität und Güterverkehr weltweit interessante Wachstumsmärkte. Die Perspektiven sind sehr gut. Warum also sollten wir unseren Lokbau in Kassel in Frage stellen?

Zur Person

Michael Fohrer ist seit 2008 in unterschiedlichen Führungspositionen für Bombardier tätig. Zuvor hat er 18 Jahre lang für den Aufzughersteller Otis gearbeitet. Ende 2016 stieg der 54-jährige Betriebswirtschaftler zum Deutschland-Chef von Bombardier auf. Gleichzeitig übernahm er die Geschäftsbereiche Lokomotiven und Straßenbahnen. Seit 2017 ist er Präsident einer Region, die neben Zentral- und Osteuropa auch China und Israel umfasst. Fohrer wurde in Crailsheim in Baden-Württemberg geboren, wo er aufwuchs und die Schule besuchte. Der Wahl-Brandenburger hat eine große Affinität zur Bahntechnik. Großvater, Vater und Bruder waren Lokführer. „Unser ganzes Leben hat sich um die Bahn gedreht. Das hat mich geprägt“, sagt er. Fohrer ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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