Bombardier will verlorene Marktanteile mit moderner Zugmaschine zurückgewinnen

Volle Auftragsbücher: Kasseler Lokbauer wollen rund 160 Maschinen ausliefern

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Arbeit ohne Ende: Das Bombardier-Lokwerk in Kassel erfreut sich voller Auftragsbücher. Nach derzeitigem Stand sollen in diesem Jahr 162 Zugmaschinen aus den großen Hallen im Industriepark Werk Mittelfeld rollen.

Kassel. Die Kasseler Bombardier-Lokbauer sitzen auf vollen Auftragsbüchern: Sie wollen in diesem Jahr gut 160 Zugmaschinen ausliefern. Das wären nur 40 weniger als in den beiden Superboom-Jahren 2007/08, als jeweils rund 200 Loks aus den Hallen im Werk Mittelfeld rollten.

„Wir haben eine hervorragende Auslastung“, bestätigte Werkleiter Stefan Rückartt im Gespräch mit der HNA. 

Auch für die nächsten beiden Jahre sei die Auftragslage mit absehbar 130 bzw. 170 Zugmaschinen überdurchschnittlich gut. Zum Vergleich: In normalen Jahren verlassen 100 bis 120 Loks das Werk Mittelfeld. 2017 waren es 100, im Jahr davor 110. Zu einem dauerhaften Beschäftigungsaufbau soll es laut Rückartt aber nicht kommen. Die monatlichen Schwankungen sollen mit Zeitarbeitern ausgeglichen werden. Bombardier beschäftigt in Kassel 600 feste sowie 150 bis 200 Leihkräfte. 

Stefan Rückartt

Bis vor gut einem halben Jahr noch hatten Belegschaft, Betriebsrat und die IG Metall sowie Entscheider aus der Region hart um den Standort gerungen. Sie hatten Abwicklungspläne des zwischenzeitlich geschassten Managements zugunsten des Schwesterwerks im italienischen Vado Ligure abwenden können. Ungeachtet dessen sollen im Rahmen des Effizienzprogramms „Kassel 20/20“ die Durchlaufzeit je Lok durch neue Produktionsverfahren um die Hälfte auf 20 Tage und die Kosten um 20 Prozent gesenkt werden. „Da ist aber auch ein Beitrag der Arbeitnehmer gefordert“, sagte Rückartt. 

Betriebsratschef Markus Hohmann bestätigte entsprechende Verhandlungen, mochte aber wie Rückartt keine konkreten Zahlen nennen. Damit bleibt unklar, wie viele Stellen Kassel am Ende abgeben muss. Ursprüngliche Pläne, 140 Jobs nach Mannheim zu verlagern, sind aber vom Tisch. Entwicklung und Zulassung sollen weitgehend bleiben. Was mit Einkauf und Logistik passiert, ist nach Angaben Hohmanns noch unklar.

Arbeiten an bis zu zehn Lokvarianten

162 Loks sollen bis Jahresende ausgeliefert werden. Die versierten Lokbauer werkeln an bis zu zehn unterschiedlichen Lokvarianten gleichzeitig. Denn die Individualisierung nimmt auch bei diesem Produkt stetig zu. Großaufträge mit 100 Loks und mehr von derselben Bauart sind selten, mittelgroße Bestellungen kommen auch nicht häufig vor. Und oft ordern die Kunden meist sehr kurzfristig nur zehn, manchmal auch nur drei Loks.

Zwar entstehen die allermeisten Zugmaschinen im Traxx-Baukastensystem, also mit möglichst vielen gleichen Bauteilen, aber die Kundenwünsche sind mitunter sehr speziell, und jedes Land hat andere bahntechnische Vorschriften.

Die neue Lok

Neuestes Produkt der Kasseler: die dritte Generation der Multisystemlok (MS3). Sie tritt die Nachfolge der MS2, einer der wichtigsten Loks der vergangenen Jahre an. Die Zugmaschine kann mit unterschiedlichen Länderpaketen grenzüberschreitend in Netzen mit variierenden Stromarten, -stärken- und -abnehmern sowie mit differierenden Zugsicherungssystemen verkehren. Das erspart zeitraubende und damit teure Lokwechsel innerhalb Europas. So kann eine „DACHI“-Zugmaschine entsprechend den Länderkennungen ohne lästige Wechsel zwischen Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien fahren. Grundsätzlich sind noch mehr Länder möglich.

Arbeit am Drehgestell: Unser Foto zeigt Carlos Martin bei der Vorbereitung einer Hochzeit. So nennt man das Aufsetzen des Wagenkastens auf die Drehgestelle.

Mit neuer Lok in die Zukunft

Sechs MS3-Prototypen sind im Bau. Bis Mitte 2019 sollen sie zugelassen und danach an den ersten Kunden, die TX Logistik, übergeben werden. Die Cargo-Tochter der italienischen Staatsbahn hat 40 dieser hochmodernen Zugmaschinen geordert. „Der Markt für unsere neue Lokomotive ist bereitet“, erklärt Werkleiter Stefan Rückartt, warum es so wichtig war, diesen Auftrag nach Kassel zu holen.

Und das war nicht einfach. Denn TX Logistik hatte fast schon beim Wettbewerber Siemens unterschrieben, der den Kasselern mit seiner Vectron-Lok in den vergangenen Jahren viele Kunden abgejagt hat. Mit der MS3 müssen die Lokbauer im Mittelfeld jetzt unter Beweis stellen, dass sie den technologischen Anschluss bei hochkomplexen Lokomotiven nicht verloren haben.

Franzosen ordern auch

Auch der französische Lokverleiher Akiem will die MS3 und hat eine Bestellung von Vorgänger-Modellen gewandelt. Zurzeit laufen Ausschreibungen der Deutschen Bahn sowie in Dänemark und Tschechien, und die Kasseler sind guter Dinge, auch dort den Zuschlag zu erhalten. Parallel dazu laufen noch die letzten MS2-Loks durch die Hallen sowie Wechselstrom-Zugmaschinen für die Deutsche Bahn. 450 hat sie seinerzeit geordert, wovon 172 bereits ausgeliefert wurden. Diese Lok sichert dem Werk auf Jahre eine solide Grundauslastung.

Israel-Lok läuft

Auch die Israel-Loks, ein wegen der besonderen klimatischen Bedingungen sehr anspruchsvolles Projekt, ist angelaufen. Nach drei Prototypen im vergangenen Jahr sollen 2018 vier weitere Loks folgen, für 2019 wird ein größeres Los erwartet. Hinzu kommen zahlreiche Wechselstromloks in kleineren Stückzahlen für meist private Kunden.

Hybrid-Lok für USA

Und Ende des Jahres beginnen die Arbeiten zum Bau von 17 Hybridloks für den US-Bundesstaat New Jersey. Sie verfügen über zwei vollwertige Antriebe: ein Dieselaggregat für die nicht elektrifizierten Strecken außerhalb New Yorks und einen elektrischen für die Stadt. Die modernen Zugmaschinen ersparen zigtausenden von Pendlern den täglichen Umstieg in andere Züge vor den Toren der Stadt. Denn hinein kommt nur, wer elektrisch fährt.

Zukunft der Bahntechnik bleibt offen

Der kanadische Flugzeugbauer und Bahntechnik-Hersteller Bombardier beschäftigt weltweit gut 70.000 Mitarbeiter, davon 37.000 in der Zugsparte und davon wiederum 8500 in Deutschland. Allerdings sollen hierzulande 2200 Jobs sozialverträglich abgebaut werden. Die ostdeutschen Standorte Bautzen und Görlitz stehen zur Disposition und könnten verkauft werden. 

Kassel ist dagegen als konzernweites Leitwerk für klassische Lokomotiven festgeschrieben worden, muss aber einen Sanierungsbeitrag in Form eines noch nicht bezifferten Stellenabbaus zugunsten von Mannheim und weiteren Zugeständnissen der Belegschaft leisten. 

Ungeachtet dessen bleibt weiter unklar, was der hoch verschuldete Bombardier-Konzern mit seiner Bahnsparte vorhat. Im Gespräch ist ein Komplett- oder Teilverkauf. Am Kasseler Lokbau sind der Schweizer Wettbewerber Stadler und der japanische Rivale Hitachi interessiert. Ins Rennen um das Filetstück Kassel könnte auch der weltgrößte Bahntechnikkonzern, die chinesische CRRC, gehen. Siemens scheidet aus, weil die Münchner ihre Bahntechnik mit dem französischen Alstom-Konzern zusammenführen wollen.

Aus dem Archiv: Protest gegen Werksschließung bei Bombadier in Kassel

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Kommentare

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Ulf the Mulf
(1)(0)

Da blitzt das eigentliche Problem des Bombardier Standortes in Kassel kurz auf: der klamme Mutterkonzern!
Ansonsten hört man von den Lokbauern in Kassel doch nur positive Sachen. Es werden neue Lokkonzepte verwirklicht, große Stückzahlen ausgeliefert und Spezialitäten für besondere Anforderungen ausgeliefert.

Hesse
(1)(0)

Da ich Her Pinto auch gerne mal kritisiere muss ich ihn fairerweise auch mal loben ! Ein guter Bericht der es voll auf den Punkt bringt ! Das ist Berichterstattung wie sie sein soll , ungeschönt und informativ .

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