Die Schriftstellerin berichtete erst spät von ihren Erlebnissen

Christine Brückner: Um einen raschen Tod gebetet

Alle Menschen, die die Bombardierung Kassels und den nachfolgenden Feuersturm in den Kellern oder anderen Verstecken überlebt haben, sind dadurch bis an ihr Lebensende geprägt. So ist das, was viele heute 70- und 80-Jährige als Kinder und junge Menschen erlebt haben, den meisten so gegenwärtig, als wäre es gestern passiert.

Dank dieser wachen und nie zu verdrängenden Erinnerungen haben uns zahlreiche Augenzeugenberichte erreicht, die unglaubliche Details aus dieser Schreckensnacht zu Tage fördern. Längst können wir nicht alles drucken, aber aus der Vielzahl der Einsendungen ergibt ein in sich stimmiges Erinnerungsbild.

Die Augenzeugenberichte sind reine Erlebnisschilderungen ohne einen literarischen Anspruch. Das gibt ihnen ihre Unmittelbarkeit und Lebendigkeit. Wie aber geht jemand damit um, der gewohnt ist, zu schreiben und Erfahrungen der Wirklichkeit in Literatur umzusetzen?

Die Schriftstellerin Christine Brückner (19211996) wohnte im Jahre 1943 in Kassel und sollte, nachdem sie schon einmal zum Kriegsdienst eingezogen worden war, ihr Abitur nachmachen. Viele ihrer Romane und Erzählungen spiegelten Kriegserlebnisse, doch vor einer genaueren Beschreibung der Bombennacht hatte sie sich lange gescheut. Erst 1993 stellte sie sich der schrecklichen Erfahrung unter dem Titel "Warum nicht ich?"" (in Ständiger Wohnsitz, Ullstein Taschenbuch).

Aber beim Lesen des Textes wird schnell deutlich, dass sie zu viele drastische Bilder nicht hochsteigen ließ. Ihr war es zuerst wichtig, die Erlebnisse in eine Form zu bringen, zum Teil einer literarischen Biografie werden zu lassen. Deshalb ist es wohl auch eine Verklärung, wenn sie einleitend schreibt: Ich habe versucht, mein Gedächtnis wachzuhalten, ich habe berichtet, ich habe Überlebensgeschichten geschrieben...

Christine Brückner ließ sich nicht so intensiv wie die Augenzeugen, die uns schrieben, auf die Einzelheiten ein. Sie schuf kein großes Gemälde, sondern begnügte sich mit einer kurzen Skizze, die in wenigen Sätzen das festhält, was auch viele andere erlebten: Das Haus der Eltern, das nur wenige Jahre gestanden hat, wurde von mehreren Phosphorbomben getroffen, brannte aus, wurde total zerstört, total, eine Steigerung des Unheils. Unter nassen Fliegerdecken liefen wir durch die Flammen ins Freie, das Haus hatte einen Garten das war die Rettung. Die letzte Phosphorbombe explodierte im Zimmer meiner Mutter, als ich noch ein Bild von der Wand holen wollte, ich habe das Bild gerettet, ich habe mich gerettet. Ich wollte nicht mit dem Leben davonkommen. Ich wollte dieses Inferno nicht überleben. Ich habe um einen raschen Tod gebetet. Aber: Ich blieb am Leben.

Die Schriftstellerin fand mit geübter Feder gleich ins Allgemeine. Wichtiger als manche Details erschien ihr die Frage: Warum überlebte gerade ich? Mit vielen anderen war Christine Brückner am nächsten Tag Überlebende und Heimatlose zugleich. Ist eine solche Situation im Bild zu fassen? Sie fand das Bild, das ihr Orientierung gab. Es ist das hier reproduzierte Foto von einem Mädchen, das auf einem Koffer in der zerstörten Stadt sitzt. Werner Dettmar hatte das Foto als Umschlagbild für sein Buch "Die Zerstörung Kassels" ausgewählt.

Aber auch das war Christine Brückner im Gedächtnis geblieben wie sich das Schreckliche mit dem Schönen verband: Was für ein Blick: die mehrstöckigen Häuser und Villen am Weinberg, an der Terrasse, standen in lodernden Flammen vorm schwarzen Himmel. Nero - ich begriff Neros Begeisterung für das brennende Rom. Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang.

Von Dirk Schwarze

(Artikel aus dem Archiv vom 22.10.2003)

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