Erinnerungen an die Zeit vor der Zerstörung mit dem Zeitzeugen Hans Germandi

Zurück in der Altstadt

Kassel. Die beste Kochwurst gab es beim Metzgermeister Hohmann, die besten Sulperknochen beim Metzger Küllmer zwei Häuser weiter am Judenbrunnen. Die Verbindung zwischen Altmarkt und Wildemannsgasse haben die Nazis in "Hinter der Waage" umbenannt.

In der Bombennacht wurden hier fast alle Häuser zerstört, beim Wiederaufbau verschwand die Straße völlig. Zu den Menschen, die sich noch an die alten Gassen und Geschäfte erinnern, gehört der 83-jährige Hans Germandi.

In Gedanken kann er immer noch durch die Kasseler Altstadt gehen. Mit dem Einkaufszettel der Mutter oder an der Hand seines Vaters, der ihm jeden Winkel seiner Heimatstadt gezeigt hat. Wenn man die Bilder von damals sieht, kommt Wehmut auf. Wie viel Charme das alte Kassel doch hatte, wie einladend Plätze wie der Holzmarkt und sogar der Altmarkt wirkten.

Täuscht es, oder ging es damals wesentlich gemütlicher und unaufgeregter zu? "So hektisch wie heute war es bestimmt nicht", sagt Hans Germandi. Es sei völlig normal und auch ungefährlich gewesen, auf der Straße zu spielen.

In der Kastenalsgasse, wo er aufwuchs, hätten die Jungen Völkerball, Schlagball und auch Fußball gespielt. Es roch nach Linsensuppe und Gemüsebrühe, nach einfachen Gerichten. "Es herrschte Armut, aber das haben wir gar nicht so wahrgenommen", sagt Hans Germandi.

Einzige Heizung in der Küche

Ja, es gab sie, die dunklen und feuchten Hinterhofwohnungen. Wo die einzige Heizung der Ofen in der Küche war und sich mehre Parteien eine Gemeinschaftstoilette teilen mussten. Aber es gab auch prachtvolle Bürgerhäuser, einen Friedrichsplatz mit Rotem und Weißem Palais und einem Staatstheater am anderen Ende, auf das die Kasseler stolz waren.

Auf dem Königsplatz lockte der Wochenmarkt, vor der Martinskirche boten die Schwälmer Bauern Fleisch und Wurst an. An jeder Ecke gab es ein kleines Geschäft oder eine Kneipe. Schoppen (ein Glas Bier) und Kännchen (der Schnaps dazu) wurden zum Beispiel in der Bärenkammer (am Pferdemarkt) serviert.

Eine kleine Hausbrauerei und der selbst gebrannte Schnaps zogen auch in den Gaststätten Schlafke (Wildemannsgasse) und Lautze (Judenbrunnen) die Kundschaft an. Und abends traf man sich im "Heiligen Geist" am "Seidenen Strümpfchen".

Dienstags gab es beim Metzger Gast in der Mittelgasse die Wurstebrühe umsonst. "Meine Mutter hat daraus Schnippelbohnensuppe gemacht", erinnert sich Hans Germandi.

Zur Person

Hans Germandi (83) ist in Kassel aufgewachsen und kennt die Stadt noch aus der Zeit vor der Zerstörung. Er hat im Lauf der Jahre ein riesiges Fotoarchiv mit historischen Kassel-Fotos zusammengetragen.

In einer Vielzahl von Vorträgen hat er das alte Kassel mit großen Detailkenntnissen und unterhaltsamen Anekdoten immer wieder aufleben lassen. Für seine Verdienste wurde er mit dem Kasseler Wappenring ausgezeichnet.

Von Thomas Siemon

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